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Front National : Die eierlegende Wollmilchpartei

Die hohe Jugendarbeitslosigkeit und die Massenuniversitäten mit ihren schlechten Studienbedingungen lassen Frankreichs Jugend zwischen Politikverdrossenheit und FN schwanken. Bild: AFP

Auf der Suche nach Veränderung wendet sich Frankreichs Jugend dem Front National zu. Den etablierten Parteien hingegen laufen die jungen Leute weg.

          3 Min.

          Was ist mit Frankreichs junger Generation los? 64 Prozent der wahlberechtigten Franzosen unter 30 Jahren sind bei der Regionalwahl nicht an die Urnen gegangen. 34 Prozent der Altersgruppe zwischen 18 und 30 Jahren haben für den rechtsextremen Front National (FN) gestimmt. Den etablierten Parteien hingegen laufen die jungen Leute weg. Diese Zahlen haben gleich zwei Meinungsforschungsinstitute, Harris Interactive und Ipsos, ermittelt. Gaetan Dussausaye glaubt zu wissen, warum seine Altersgenossen zwischen Politikverdrossenheit und FN schwanken. Der 21 Jahre alte Mann leitet seit gut einem Jahr die Jugendorganisation „Front National Jeunesse“ (FNJ).

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Mit 25.000 Mitgliedern ist FNJ die größte Nachwuchsorganisation politischer Parteien in Frankreich. „Die Jungen wünschen sich mehr Frankreich“, sagt Dussausaye. „Sie suchen nach einer politischen Alternative, um die Dinge in ihrem Land zu verändern und wollen nicht in die Sackgasse der Linken oder der Rechten geraten“, sagt er. Der hohe Stimmenanteil für seine Partei unter den jungen Franzosen habe ihn nicht erstaunt. Der FN stehe dafür, die verkrusteten Strukturen aufzubrechen, behauptet er. „Die jungen Stimmen sind keine Proteststimmen. Es sind Stimmen für unser patriotisches Projekt“, sagt er.

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          Dussausaye ist noch nicht besonders lange beim FN. Der hochgewachsene, dunkelhaarige Mann wuchs in einem Vorort von Paris in einer bürgerlichen Familie auf. Seine Eltern, hat er in Interviews bekundet, seien Wechselwähler gewesen, mal links, mal rechts, nie FN. In seiner Freizeit hörte er AC/DC und spielte als Gitarrist in einer Rockband namens „Bursting Creepy“. Das linke Magazin „Les Inrocks“ hat Fotos aus der Zeit veröffentlicht, Dussausaye sieht ziemlich wild darauf aus. Mit dem Baccalauréat, dem französischen Pendant zum Abitur, änderte sich seine Perspektive, bekundete Dussausaye. Die hohe Jugendarbeitslosigkeit, die Massenuniversitäten mit ihren schlechten Studienbedingungen, all das habe ihn angetrieben, nach einer politischen Kraft der Veränderung zu suchen. Sein Aufstieg an die Spitze des FNJ vollzog sich blitzartig. So schnell wäre er in einer anderen Partei nie an einen verantwortungsvollen Posten gelangt, sagt Dussausaye.

          Sein Studium hat er erst einmal ruhen lassen. Die meisten der jungen FN-Anhänger (75 Prozent) haben ohnehin keine Hochschulausbildung absolviert. Aber die Partei zieht inzwischen auch junge Leute an, die sich eigentlich keine Sorgen um ihre berufliche Zukunft machen müssen. Seit September ist der FN am renommierten Institut d’Etudes Politiques de Paris (Sciences Po) vertreten – zum ersten Mal seit gut 20 Jahren. „Wir verkörpern die Hoffnung der französischen Jugend“, sagte der FN-Vereinsvorsitzende am Sciences Po, Thomas Laval, der Zeitungsbeilage „Figaro Etudiant“ jetzt. Der Wahlerfolg mache ihn glücklich. „Ich sehe bei den Jungen ein echtes Engagement für die Werte des FN. Sie wollen Veränderung, wir bringen sie ihnen“, sagte Laval.

          Souveränität und Identität sind die beiden Schlüsselbegriffe im nationalen Programm des FN, ergänzt durch den Schwerpunkt Sicherheit. Marine Le Pen plädiert für einen „starken Staat“, von der Dezentralisierung hält sie nicht viel. In ihrem Präsidentschaftsprogramm verlangte sie, die finanzielle Zuwendung für die Regionen um 20 Prozent zu senken. Die ohnehin geringen Kompetenzen der Regionen will sie weiter beschneiden. Sie versprach, die Wirtschaftsförderung und den öffentlichen Nah- und Regionalverkehr zurück in den Kompetenzbereich des Zentralstaates zu führen. Im Regionalwahlkampf jedoch konzentrierte sie sich auf nationale Themen wie Terrorismus, Flüchtlingskrise und Einwanderung und erwähnte ihr Projekt einer Re-Zentralisierung nicht.

          Das Programm des FN gleicht ohnehin einem Katalog, aus dem sich jeder heraussuchen kann, was ihm gerade gefällt. Im Norden des Landes, in der vom industriellen Niedergang geprägten Region Nord-Pas-de-Calais-Picardie, sind es vor allem die antiliberalen Verheißungen, welche die Wählerschaft – Arbeiter und untere Mittelschicht – anziehen. Marine Le Pen tritt als Wortführerin der Globalisierungsverlierer auf und verspricht eine protektionistische Zollpolitik und einen ausgehandelten Rückzug aus der EU. In einem Referendum sollen die Franzosen über den Ausstieg aus der EU entscheiden. Den Schengen-Vertrag über Freizügigkeit verspricht Marine Le Pen ohne Volksbefragung aufzukündigen.

          Die radikalen Forderungen schrecken immer weniger Wähler ab

          Sie greift dabei genau die Argumente der linken Globalisierungsgegner auf, welche die EU als Teil des globalisierten Wettbewerbssystems für Delokalisierung, Arbeitslosigkeit und industriellen Niedergang verantwortlich machen. Im Süden hingegen, in der Mittelmeerregion Paca, spricht Marion Maréchal Le Pen eher die Abtrünnigen der bürgerlichen Rechten an, die größtenteils der Mittelklasse und freien Berufen angehören und wirtschaftlich liberaler denken. Deshalb betont die 25 Jahre alte Abgeordnete Identitätsfragen, schürt Misstrauen gegenüber der muslimischen Minderheit und hat die Regionalwahl zu einer Art Referendum gegen Einwanderung und Islam erhoben.

          Die radikalen Forderungen des FN-Programms – Ende des Freihandels, Abschied vom Euro, Wiedereinführung der Todesstrafe – schrecken dabei immer weniger Wähler ab. Die Versprechen, zur Rente mit 60 Jahren zurückzukehren, den Mindestlohn um 200 Euro anzuheben, kleine und mittelständische Unternehmen besonders zu fördern und über einen „Minister für Souveränität und Einwanderung“ den Zustrom von Ausländern zu unterbinden, werden von den Anhängern nicht auf ihre Finanzierbarkeit hinterfragt. „Der FN weckt keine Ängste mehr“, sagte der Meinungsforscher Jérôme Sainte-Marie am Dienstag. Er glaube, dass die Partei im zweiten Wahlgang noch mehr Stimmen erhalten werde.

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