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Frankreich : Von dumpfem Hass getrieben

In Créteil, einem Vorort von Paris, wurde eine jüdische Familie brutal überfallen. Bild: AFP

Der brutale Überfall auf ein jüdisches Paar erschüttert Frankreich. Vorurteile gegen Juden und Antisemitismus sind in einigen Bevölkerungsschichten tief verankert.

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          Ein „Krebsgeschwür“ hat der Vorsitzende des Rates der Jüdischen Institutionen Frankreichs (Crif), Roger Cukierman, den Antisemitismus in Frankreich genannt. Alle seien gefragt, damit sich die Krankheit nicht immer weiter ausbreite. Cukierman deutete nur an, was er vermisst: eine Reaktion der Zivilgesellschaft, die sich gegen die zunehmenden Übergriffe auf Mitbürger jüdischen Glaubens auflehnt. Als zu Beginn der neunziger Jahre ein jüdischer Friedhof in Carpentras geschändet wurde, kam es zu Solidaritätskundgebungen, in Paris fand eine große Demonstration statt. Cukierman forderte nun, dass der Staat den Kampf gegen den Antisemitismus zur „nationalen Angelegenheit“ erklärt.

          Michaela Wiegel
          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Anlass für die Äußerungen ist ein brutaler, von langer Hand vorbereiteter Überfall auf ein jüdisches Paar in Créteil, einem Vorort von Paris. Drei vermummte Männer im Alter zwischen 18 und zwanzig Jahren klingelten am Montagmittag an der Wohnungstür einer jüdischen Familie in einem Wohnblock in Créteil. Daheim war nur der 21 Jahre alte Sohn mit seiner 19 Jahre alten Freundin. „Ihr Juden habt Geld, wo ist das Geld?“, brüllte einer der Täter und zielte mit seiner Waffe auf den jungen Mann. Fast eine Stunde dauerte der brutale Überfall, bei denen die Kriminellen Computer, Familienschmuck und Mobiltelefone erbeuteten. Die junge Frau wurde vergewaltigt. Zwei der Täter konnten wenige Stunden nach der Tat verhaftet werden, der dritte stellte sich später der Polizei. Alle drei stammen aus Afrika. Sie schmiedete ein dumpfer Hass auf Juden zusammen.

          Präsident François Hollande verurteilte einen „Akt unerträglicher Gewalt“. Premierminister Manuel Valls mahnte, die französische Gesellschaft dürfe im Kampf gegen den Antisemitismus nicht nachlassen. Innenminister Bernard Cazeneuve sagte, der antisemitische Charakter des Überfalls sei erwiesen. Der Crif-Vorsitzende Cukierman beklagte, die Vorurteile gegen Juden hätten sich in den vergangenen Jahren verstärkt. Er sprach von einem Versagen der staatlichen Schulen, Schüler zu Toleranz und Respekt für Andersgläubige zu erziehen. Frankreichs Großrabbiner Haim Korsia bezeichnete den Überfall am Freitag als „Beleidigung der Idee Frankreichs“. Die französische Nation habe sich als friedliches Miteinander von Bürgern ungeachtet ihrer religiösen oder ethnischen Herkunft definiert. „Die Straftat ist sehr schwerwiegend, denn sie wirft die Frage des Zusammenlebens von unterschiedlichen Religionsgruppen auf“, sagte Korsia.

          In Frankreich leben etwa eine halbe Million Juden und damit die größte jüdische Gemeinde in Europa. Zugleich zählt das Land etwa sechs Millionen Franzosen muslimischer Herkunft. Eine Mitte November veröffentlichte Studie der Stiftung „Fondation pour l’innovation politique“ kommt zu dem Schluss, dass insbesondere Franzosen aus dem islamischen Kulturraum Vorurteile gegen Juden hegen. „Fünfzig bis siebzig Prozent der Muslime bestätigten bestimmte Vorurteile gegen Juden“, sagte der Direktor der Stiftung, Dominique Reynié. Noch stärker sei der Antisemitismus nur unter den Wählern des Front National verbreitet gewesen. Die französische Gesellschaft sei durch starke interreligiöse und interethnische Spannungen gekennzeichnet.

          Das Verbrechen von Créteil weckt Erinnerungen an einen schrecklichen Vorfall. Im Januar 2006 hatte eine Vorstadtbande einen jüdischen Telefonverkäufer entführt und zu Tode gefoltert. Während des Strafprozesses wurde der dumpfe Antisemitismus der Täter offenbar, die sich aus purer Habgier und aus Sozialneid an dem jungen Mann vergingen, „weil Juden Geld haben“. In den vergangenen Monaten haben antijüdische Aggressionen stark zugenommen. Während des Gaza-Kriegs im Juli kam es am Rande von Demonstrationen in Paris und anderen Großstädten immer wieder zu antijüdischen Ausschreitungen. In Paris und im Vorort Sarcelles wurden Synagogen von propalästinensischen Randalierern attackiert und jüdische Geschäfte angegriffen. Seit Jahresbeginn sind vierhundert jüdische Franzosen nach Israel ausgewandert. Nur noch ein Drittel der jüdischen Kinder besucht aus Angst vor Anfeindungen staatliche Schulen.

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