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Bildungspolitik in Frankreich : Freiheit, Gleichheit, Schwesterlichkeit

Aus dem Wüstendorf in die französische Hauptstadt: Bildungsministerin Najat Vallaud-Belkacem Ende Mai in einer Schulveranstaltung im südfranzösischen Saint-Nazaire-de-Pezan Bild: AFP

Der französischen Bildungsministerin Najat Vallaud-Belkacem geht manches schief. Zum Beispiel der Versuch, an Grundschulen die Gendertheorie einzuführen. Ihr neuester Plan: den „elitären“ Deutschunterricht eindampfen.

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          Das Gespräch findet in einem Stadtpalast links des Seine-Flusses statt. Den Palast ließ sich das alte, königstreue Adelsgeschlecht der Rochechouart kurz vor der Französischen Revolution bauen. Eine elegante Wendeltreppe führt in den Empfangssalon in der ersten Etage. Von der hohen, stuckgeschmückten Decke hängen Kristalllüster, an den Wänden alte Gemälde. Auch die Sessel sehen so aus, als hätten sie mindestens ein Jahrhundert hinter sich. Es ist ein Ort, an dem über die unvergängliche Pracht der französischen Monarchie zu meditieren wäre - aber da kommt schon Najat Vallaud-Belkacem herein. Sie lächelt dieses Lächeln, das der französische Präsident einmal „bezaubernd“ nannte.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Vallaud-Belkacem ist 37, sie ist Sozialistin, und sie ist die erste Frau, die im Hôtel de Rochechouart herrscht, dem Sitz des französischen Bildungsministeriums. Und schließlich ist sie auch die erste Franko-Marokkanerin, die in den Räumen waltet, in denen der Kolonialist Jules Ferry 1880 das allgemeine und kostenlose Schulwesen begründete, die „école républicaine“.

          Eine Ausnahmekarriere – mit Deutschunterricht

          Früher arbeitete Vallaud-Belkacem als Sprecherin der sozialistischen Präsidentenkandidatin Ségolène Royal und von François Hollandes; jetzt, als Bildungsministerin, hat sie ihre burschikose, herzliche Art nicht aufgegeben. Sie will alles erklären, sagt Vallaud-Belkacem und lächelt. So, als könne sie damit die Irritationen verscheuchen, die es seit einiger Zeit gibt: weil beschlossen wurde, das Deutschangebot in Frankreich zu kürzen. Dann spricht die Ministerin lange darüber, wie alles besser werden soll – wie sie nämlich die einheitliche Mittelstufe („Collège“), die alle jungen Franzosen von der 6. bis zur 9. Klasse besuchen müssen, in einen Hort der „Gleichheit“ umwandeln will. Deshalb müssten die Latein- und Altgriechisch-Angebote, aber eben auch die intensiven Deutsch- und Englischklassen verschwinden, findet Vallaud-Belkacem. Denn die dienten noch immer einer Minderheit von Schülern dazu, sich vom Rest abzuheben.

          „Ich habe nie gesagt, dass die deutsche Sprache elitär ist“, sagt sie, und ihre dunklen Augen funkeln plötzlich zornig. Aber bestimmte Klassen seien sehr wohl elitär: nämlich die, in denen Schüler vom 6. Schuljahr an mit sechs zusätzlichen Unterrichtsstunden in Deutsch und Englisch gefördert werden. Das solle es nicht mehr geben. Fortan würden alle Kinder das gleiche Fremdsprachenangebot erhalten: zweieinhalb Wochenstunden von der 7. Klasse an. Sie redet noch viel, die junge Ministerin, und lächelt noch mehr. Aber am interessantesten ist, was sie verschweigt.

          Georg Schütte spricht im Jahr 2015 mit der damaligen französischen Bildungsministerin Najat Vallaud-Belkacem.

          Najat Vallaud-Belkacem hat nämlich selbst davon profitiert, dass der Erwerb der deutschen Sprache, ähnlich wie die Wahl von Latein und Altgriechisch, im staatlichen Schulwesen als Zeichen für besonderen Leistungswillen wahrgenommen wird. Die kleine Najat wuchs mit sechs Geschwistern in einer Sozialbausiedlung in Amiens, Nordfrankreich, auf. Sie wurde von ihren Lehrern als besonders fleißig und begabt erkannt. Deshalb wurde sie in eine Deutschklasse empfohlen und lernte jahrelang Deutsch. Und ausgerechnet sie will nun die Möglichkeit, sich durch intensiven Deutschunterricht auszuzeichnen, künftigen Schülergenerationen verweigern – im Namen der Gleichheit.

          Ein Debakel nach dem anderen

          Es ist nicht leicht, aus der jungen Frau schlau zu werden. Präsident Hollande hat versucht, sie zu einer Ikone der Linken und der Einwanderungsgesellschaft zu erheben: jung, muslimisch, feministisch. Wie eine kühne Kriegerin hat sie den Kampf aufgenommen. Als Frauenrechtsministerin – von 2012 bis 2014 – zog sie gegen die Prostitution zu Felde und brachte einen Gesetzentwurf ins Parlament, mit dem vor allem die Freier sanktioniert werden sollen. Doch zu ihrem Ärger blockieren die Senatoren der zweiten Parlamentskammer, überwiegend ältere Herren, bis heute den Gesetzentwurf.

          Protest gegen Abschaffung der Deutsch-Förderklassen vergangene Woche in Toulouse

          Ein ähnliches Debakel erlebte sie mit ihrem Vorhaben, die Gendertheorie an den Grundschulen einzuführen. Ihr Projekt kam unter der harmlosen Überschrift „Das ABC der Gleichberechtigung“ daher. Aber dahinter verbarg sich eine klare Anleitung, biologische Geschlechterunterschiede in Frage zu stellen. Der Protest von Lehrern und Eltern war so massiv, dass das „ABC-Programm“ nach einer Versuchsphase zurückgezogen wurde.

          Attacken gegen die traditionelle Kernfamilie

          Vallaud-Belkacem hat das bedauert und ist seither nicht müde geworden, die traditionelle Familienform – Vater, Mutter, Kinder – zu attackieren. Mal schlug sie vor, die Familienförderung für Paare mit Kindern im Steuersystem drastisch zu reduzieren. Dann wieder wollte sie die abweichende sexuelle Orientierung berühmter Schriftsteller und Künstler in Schulbüchern eigens positiv erwähnt wissen. „Die Schulbücher verschweigen bei historischen Persönlichkeiten, ob sie lesbisch, schwul, bi oder trans waren. Das muss sich ändern“, sagte sie.

          Mit ihren Forderungen zog sie viel Wut und Misstrauen auf sich. Das konservative Magazin „Valeurs actuelles“ taufte sie „Ayatollah“und nannte sie außerdem „Umerziehungsministerin“. Der Schriftsteller Jean d’Ormesson von der Académie Française bezeichnete sie als „einen charmanten Terminator“, und der Vorkämpfer gegen die Homo-Ehe, der UMP-Abgeordnete Hervé Mariton, gab ihr den Spitznamen „rosa Khmer“.

          Ihre Kritiker haben gemein, dass sie die Franko-Marokkanerin einer „versteckten Agenda“ verdächtigen. Die Ministerin trachte danach, die Lebensform der französischen Mehrheitsgesellschaft zu zerstören: das humanistische Bildungsideal ebenso wie die gewachsenen Familienstrukturen, außerdem das Geschichtsbewusstsein und die Geschlechterunterschiede. Das klingt ein bisschen, als werde ihr Einfluss überschätzt.

          Mit Boris Vallaud im Zentrum der Macht

          Aber tatsächlich bildet die Ministerin zusammen mit ihrem Mann Boris Vallaud ein Power-Paar, das an den Schalthebeln der Republik sitzt. Vallaud ist stellvertretender Generalsekretär im Elysée-Palast. Über seinen Schreibtisch gehen alle wichtigen Dossiers des Staatspräsidenten. Und er ist eng befreundet mit Wirtschaftsminister Emmanuel Macron und Hollandes Kommunikationschef Gaspard Gantzer. Kennengelernt haben sich Vallaud und Belkacem, als sie die Aufnahmeprüfung für die staatliche Kaderschmiede Ena vorbereiteten. Er bestand, sie fiel durch. 2005 heirateten sie, 2008 kamen Zwillinge zur Welt, das Mädchen heißt Nour-Chloé, der Sohn Louis-Adel. Die Kinder lernen an ihrer Grundschule keine „soziale Durchmischung“ kennen, wie sie ihre Mutter für alle französischen Lehranstalten fordert. Denn die Familie lebt im 7. Arrondissement, jenem Bezirk der Hauptstadt, in dem die Immobilienpreise am höchsten sind und Ausländer nur am Diplomatenkennzeichen ihrer Limousine zu erkennen sind.

          Märchen vom marokkanischen Aschenputtel

          Ihre Biographen lässt Vallaud-Belkacem die anrührende Geschichte vom marokkanischen Aschenputtel erzählen, das in Frankreich dank harter schulischer Arbeit zur Königin wird. Die ersten vier Lebensjahre verbrachte sie in einem Haus aus Lehm und Ton im marokkanischen Riff-Gebirge, ohne Strom und fließendes Wasser. Drei Generationen lebten unter einem Dach, nach strikten Regeln des Islam, Männer und Frauen aßen getrennt.

          Ihr Vater Ahmed arbeitete in einer Fabrik im Norden Frankreichs, er war der Einzige, der ein paar Sätze Französisch beherrschte. Als die Regierung in Paris die Regeln für die Familienzusammenführung lockerte, zog Najat mit Schwester und Mutter nach. „Ich bin von einem ländlichen, armseligen Leben mit einem Schlag in die städtische Moderne versetzt worden“, sagte sie rückblickend. In einem Gespräch mit der christlichen Zeitschrift „La Vie“ bezeichnete sie sich als gläubige Muslimin. „Der Islam ist die Geschichte meiner Kultur, meiner Tradition, meiner Wurzeln. Ich habe das nicht in Frage gestellt“, sagte sie.

          Die doppelten Loyalitäten, die ihre doppelte Staatsbürgerschaft mit sich bringt, bereiteten ihr keine Schwierigkeiten, behauptete sie. Ihre langjährige Mentorin Ségolène Royal sagte über sie: „Wenn sie Claudine Dupont hieße, wäre sie nicht da, wo sie heute ist. Sie sollte sich ihrer Identität stellen und stolz darauf sein.“

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