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Bildungspolitik in Frankreich : Freiheit, Gleichheit, Schwesterlichkeit

Protest gegen Abschaffung der Deutsch-Förderklassen vergangene Woche in Toulouse

Ein ähnliches Debakel erlebte sie mit ihrem Vorhaben, die Gendertheorie an den Grundschulen einzuführen. Ihr Projekt kam unter der harmlosen Überschrift „Das ABC der Gleichberechtigung“ daher. Aber dahinter verbarg sich eine klare Anleitung, biologische Geschlechterunterschiede in Frage zu stellen. Der Protest von Lehrern und Eltern war so massiv, dass das „ABC-Programm“ nach einer Versuchsphase zurückgezogen wurde.

Attacken gegen die traditionelle Kernfamilie

Vallaud-Belkacem hat das bedauert und ist seither nicht müde geworden, die traditionelle Familienform – Vater, Mutter, Kinder – zu attackieren. Mal schlug sie vor, die Familienförderung für Paare mit Kindern im Steuersystem drastisch zu reduzieren. Dann wieder wollte sie die abweichende sexuelle Orientierung berühmter Schriftsteller und Künstler in Schulbüchern eigens positiv erwähnt wissen. „Die Schulbücher verschweigen bei historischen Persönlichkeiten, ob sie lesbisch, schwul, bi oder trans waren. Das muss sich ändern“, sagte sie.

Mit ihren Forderungen zog sie viel Wut und Misstrauen auf sich. Das konservative Magazin „Valeurs actuelles“ taufte sie „Ayatollah“und nannte sie außerdem „Umerziehungsministerin“. Der Schriftsteller Jean d’Ormesson von der Académie Française bezeichnete sie als „einen charmanten Terminator“, und der Vorkämpfer gegen die Homo-Ehe, der UMP-Abgeordnete Hervé Mariton, gab ihr den Spitznamen „rosa Khmer“.

Ihre Kritiker haben gemein, dass sie die Franko-Marokkanerin einer „versteckten Agenda“ verdächtigen. Die Ministerin trachte danach, die Lebensform der französischen Mehrheitsgesellschaft zu zerstören: das humanistische Bildungsideal ebenso wie die gewachsenen Familienstrukturen, außerdem das Geschichtsbewusstsein und die Geschlechterunterschiede. Das klingt ein bisschen, als werde ihr Einfluss überschätzt.

Mit Boris Vallaud im Zentrum der Macht

Aber tatsächlich bildet die Ministerin zusammen mit ihrem Mann Boris Vallaud ein Power-Paar, das an den Schalthebeln der Republik sitzt. Vallaud ist stellvertretender Generalsekretär im Elysée-Palast. Über seinen Schreibtisch gehen alle wichtigen Dossiers des Staatspräsidenten. Und er ist eng befreundet mit Wirtschaftsminister Emmanuel Macron und Hollandes Kommunikationschef Gaspard Gantzer. Kennengelernt haben sich Vallaud und Belkacem, als sie die Aufnahmeprüfung für die staatliche Kaderschmiede Ena vorbereiteten. Er bestand, sie fiel durch. 2005 heirateten sie, 2008 kamen Zwillinge zur Welt, das Mädchen heißt Nour-Chloé, der Sohn Louis-Adel. Die Kinder lernen an ihrer Grundschule keine „soziale Durchmischung“ kennen, wie sie ihre Mutter für alle französischen Lehranstalten fordert. Denn die Familie lebt im 7. Arrondissement, jenem Bezirk der Hauptstadt, in dem die Immobilienpreise am höchsten sind und Ausländer nur am Diplomatenkennzeichen ihrer Limousine zu erkennen sind.

Märchen vom marokkanischen Aschenputtel

Ihre Biographen lässt Vallaud-Belkacem die anrührende Geschichte vom marokkanischen Aschenputtel erzählen, das in Frankreich dank harter schulischer Arbeit zur Königin wird. Die ersten vier Lebensjahre verbrachte sie in einem Haus aus Lehm und Ton im marokkanischen Riff-Gebirge, ohne Strom und fließendes Wasser. Drei Generationen lebten unter einem Dach, nach strikten Regeln des Islam, Männer und Frauen aßen getrennt.

Ihr Vater Ahmed arbeitete in einer Fabrik im Norden Frankreichs, er war der Einzige, der ein paar Sätze Französisch beherrschte. Als die Regierung in Paris die Regeln für die Familienzusammenführung lockerte, zog Najat mit Schwester und Mutter nach. „Ich bin von einem ländlichen, armseligen Leben mit einem Schlag in die städtische Moderne versetzt worden“, sagte sie rückblickend. In einem Gespräch mit der christlichen Zeitschrift „La Vie“ bezeichnete sie sich als gläubige Muslimin. „Der Islam ist die Geschichte meiner Kultur, meiner Tradition, meiner Wurzeln. Ich habe das nicht in Frage gestellt“, sagte sie.

Die doppelten Loyalitäten, die ihre doppelte Staatsbürgerschaft mit sich bringt, bereiteten ihr keine Schwierigkeiten, behauptete sie. Ihre langjährige Mentorin Ségolène Royal sagte über sie: „Wenn sie Claudine Dupont hieße, wäre sie nicht da, wo sie heute ist. Sie sollte sich ihrer Identität stellen und stolz darauf sein.“

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