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Nach Ausschreitungen in Nantes : Der Schweinestaat und andere Tierwelten

Nach dem Tod eines Aktivisten eskaliert eine Demonstration in Nantes Bild: AFP

In Nantes entlädt sich der Streit um einen Staudamm in Straßenschlachten. Die Demonstranten propagieren neben Umweltschutz auch Polizistenmord und Umsturz.

          3 Min.

          Sind das schon Bilder vom „kommenden Aufstand“? Ein solcher Aufstand („L’insurrection qui vient“) wurde vor sieben Jahren im Titel eines Buches angekündigt, das inzwischen als Standardwerk einer neuen radikal-ökologischen und antikapitalistischen Jugendbewegung gilt. Aus Nantes, der stolzen Wirtschaftsmetropole im Westen des Landes, zeigten die Fernsehsender am Wochenende Szenen einer „urbanen Guerrilla“. Hunderte junge Franzosen zogen am Samstag randalierend den Cours des Cinquante-Otages entlang, eine der Hauptverkehrsadern der früheren Kapitale der bretonischen Herzöge.

          Michaela Wiegel
          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Den anrückenden Sicherheitskräften hielten die Demonstranten Spruchbänder entgegen, auf denen „Polizisten sind Schweine“, „Polizisten morden“ und „Nieder mit dem Polizeistaat“ stand. Einige Demonstranten hatten Molotowcocktails vorbereitet, andere mit Säure gefüllte Flaschen, die sie in Richtung der Ordnungshüter schleuderten. Mehrere Beamte wurden verletzt. Auch Steine flogen, Schaufenster von Geschäften und Bushaltestellen gingen zu Bruch. Die Polizisten setzten Tränengas und Rauchgranaten ein, um der Ausschreitungen Herr zu werden.

          Die Demonstranten waren nach eigenem Bekunden ausgezogen, um des Todes des 21 Jahre alten Studenten Rémi Fraisse zu gedenken, der bei Auseinandersetzungen mit der Polizei in der Nacht zum 26. Oktober auf dem Gelände eines geplanten Staudamms im tiefsten Südwesten getötet worden war – vermutlich durch eine Polizeigranate. Doch um den umstrittenen Staudammbau, auch um den von Umweltgruppen zum „Märtyrer“ erklärten getöteten Studenten geht es schon längst nicht mehr. Die Gruppen, die am Samstag auch in Toulouse und Dijon Demonstrationen in Schlachten gegen die Polizei verwandelten, wähnen sich in einem Kampf gegen das ausbeuterische kapitalistische System, das sie am Ende ihres langen „Aufstandes“ überwunden sehen wollen.

          Passive Unterstützung führender grüner Politiker

          Nantes hat sich über die Jahre hinweg zu einem Sammlungsort und zum Labor für den Widerstand gegen die Staatsgewalt und den Kapitalismus entwickelt. 30 Kilometer von der Innenstadt entfernt wurde die erste sogenannte „ZAD“ („zone à défendre“) errichtet, ein Lager aus Zelten, Baumhäusern und Wohnwagen, in dem sich die Gegner des geplanten Großflughafens niederließen. Auch der Biologiestudent Rémi Fraisse wurde in einer ZAD getötet, einer anderen „zu verteidigenden Zone“ in der Nähe des geplanten Staudamms von Sivens im Département Tarn im Südwesten.

          Dieser Demonstrant zeigt den Sicherheitskräften unmissverständlich, was er von ihnen hält
          Dieser Demonstrant zeigt den Sicherheitskräften unmissverständlich, was er von ihnen hält : Bild: AFP

          Die „ZAD“ von Nantes liegt inmitten von 1600 Hektar Wäldern, Feuchtgebieten und Ackerland, die Staat, Region und Gebietskörperschaften in einem gemeinsamen Beschluss als Gelände für den Flughafen „Notre-Dame-des-Landes“ einplanen. 2017 soll der Flugbetrieb aufgenommen werden, doch das versuchen mehrere hundert Umweltbewegte und Systemgegner seit Jahren zu verhindern. Viele der alteingesessenen Landwirte, denen die Enteignung ihrer Nutzflächen droht, unterstützen die jungen Protestler, die sich in Ackerbau üben, Gemüsebeete anlegen und ansonsten von Sachspenden leben. Ihr Protest gilt vordergründig dem Flughafenprojekt, aber insgesamt einer Gesellschaft, die ihrer Jugend nichts anderes als Wachstum, Konsum, Druck und Hektik zu bieten vermag. Gewalt gegen Polizisten als Hüter dieses Systems rechtfertigen sie. Genauso predigt es das anonym gebliebene „unsichtbare Komitee“, das ihr Leitwerk über den „kommenden Aufstand“ verfasste.

          Der in Paris lehrende Politologe Xavier Crettiez spricht vom „radikalen Aktivismus“ einer heterogenen Bewegung, in der sich Umweltaktivisten und ein Teil der Antiglobalisierungsbewegung zusammengeschlossen haben. Zwischen den Gegnern von Infrastrukturprojekten wie dem Staudamm in Sivens, dem Großflughafen bei Nantes, der TGV-Strecke Lyon–Turin oder dem Tunnelbau in den Pyrenäen gebe es einen intensiven Austausch. „Die Verteidigung der Umwelt und geschützter Fauna und Flora wird mit Widerstand gegen die liberale Produktivitätslogik und die Globalisierung gemischt“, so Crettiez. Diese Gruppen legitimierten ihre Gewaltbereitschaft, indem sie sich zu den moralisch überlegenden Verteidigern einer schutzlosen Tier- und Pflanzenwelt stilisierten. Die gewaltbereite Protestbewegung kann sich dabei der passiven Unterstützung führender grüner Politiker sicher sein. So kritisierte die im März aus der Regierung ausgeschiedene grüne Wohnbauministerin Cécile Duflot, Premierminister Valls stehe für eine wirtschaftsliberale, autoritäre Politik, „obwohl die Modernität eine demokratische und ökologisch nachhaltige Politik verlangt“.

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