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Frankreich : Tod eines Umweltschützers

Schon seit Monaten demonstrieren tausende Menschen in Notre-Dame-des-Landes gegen die Großbaustelle des Flughafens nahe Nantes Bild: AFP

Der Tod eines 21 Jahre alten Biologiestudenten wühlt Frankreich auf. Der Mann hatte mit tausenden anderen gegen einen geplanten Staudamm protestiert. Ist er von der Polizei getötet worden?

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          Hunderte Windlichter haben sie vor dem Rathaus von Paris entzündet, zum Gedenken an Rémi Fraisse. So heißt der 21 Jahre alte Biologiestudent aus Toulouse, der leblos auf dem Gelände gefunden wurde, auf dem einer der größten Stauseen im französischen Département Tarn entstehen soll. Drei Tage ist das jetzt her, aber der Tod des jungen Mannes hat Frankreich aufgewühlt wie seit langem nichts mehr. Ist der Student, der mit tausenden anderen Gleichgesinnten gegen den geplanten Staudamm protestierte, von der Polizei getötet worden?

          Michaela Wiegel
          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Die Ermittlungen laufen noch, aber in einem Dutzend Städten gingen am Montagabend schon Franzosen auf die Straße, um gegen die Polizeigewalt zu protestieren. Nicht überall ging es so friedlich zu wie vor dem Rathaus von Paris. In Nantes zogen 600 Demonstranten in die Innenstadt. Sie führten Steine und andere Wurfgeschosse mit sich, die in Schaufenstern landeten oder Polizisten trafen. Im Kampf gegen die Ordnungshüter waren viele von ihnen erprobt: Sie besetzen seit Monaten die Großbaustelle von Notre-Dame-des-Landes, das Gelände des künftigen Großflughafens von Nantes. Auch in Rennes, Bordeaux und Marseille kam es zu teilweise gewalttätigen Demonstrationen.

          Der grüne Europaabgeordnete José Bové stachelte die Proteste am Dienstag weiter an: „Ich bezichtige den Innenminister, absichtlich Gendarmen entsandt zu haben, nur um Spannung zu schaffen. Warum dieser Polizeieinsatz, wo es auf dem ganzen Gelände nichts zu sichern gibt?“ Die frühere grüne Wohnungsbauministerin Cécile Duflot bezeichnete den Tod des Demonstranten als „unauslöschlichen Schandfleck“ für die französische Regierung. Duflot forderte die sofortige Einsetzung einer parlamentarischen Untersuchungskommission.

          Innenminister Cazeneuve wehrte sich gegen „die schamlose politische Instrumentalisierung des Dramas“. Er sei „schockiert“ über gewisse Äußerungen, sagte er in klarer Anspielung auf die Grünen. Sogar Präsident François Hollande fühlte sich durch die Angriffe der Grünen gezwungen, sein Schweigen zu brechen. Er appellierte am Dienstag an das „politische Verantwortungsgefühl“. Er werde darüber wachen, dass „die ganze Wahrheit“ über die Vorgänge in der Nacht zum Sonntag aufgedeckt werde. Hollande sagte, er habe mit dem Vater Rémi Fraisses telefoniert. Dieser hat Anzeige wegen „vorsätzlicher Tötung“ gegen „Vertreter der Staatsgewalt“ erstattet. Der zuständige Staatsanwalt in Albi hat bislang mitgeteilt, dass der junge Mann an den Folgen einer Explosion starb.

          Projekt „überdimensioniert“ und Finanzierung „fragwürdig“

          Das 48 Hektar große Gelände bei Sivens im Südwesten des Landes ist seit mehreren Monaten zum Anziehungspunkt für Naturschützer und andere Alternative aus der Region bis Toulouse geworden. Der geplante 315 Meter lange Damm soll den Fluss Tescou stauen. Das auf 8,4 Millionen Euro geschätzte Projekt wird ausschließlich von öffentlicher Hand (Region, Département und EU) finanziert. Kritiker beklagen, dass nur etwa 30 Agrargroßbetriebe von dem Stausee profitieren werden, die intensive Landwirtschaft betreiben. Ein von Umweltministerin Ségolène Royal in Auftrag gegebener Untersuchungsbericht kommt zu einem ähnlichen Schluss. Das Projekt sei „überdimensioniert“ und die Finanzierung „fragwürdig“, heißt es in dem Bericht.

          Der grüne Abgeordnete Noel Mamère erklärte den Staudamm von Sivens am Dienstag zum „Symbol für unseren Kampf“. Die französische Linke müsse sich entscheiden, ob sie weiterhin „größenwahnsinnige Infrastrukturprojekte“ wie in Sivens oder in Notre-Dame-des-Landes unterstütze, oder sich endlich davon abwende. „Rémi wird nicht umsonst gestorben sein“, warnte Mamère. Der frühere Bauernführer José Bové beschwor indessen den Kampf vom Larzac, als sich die Staatsmacht habe beugen müssen. Ende der Siebziger Jahre war das Karstplateau des Larzac zur Bastion für aufmüpfige Landwirte und Umweltschützer geworden, die gegen die geplante Erweiterung des Militärübungsplatzes protestierten. Das Aufbegehren gegen die Staatsgewalt hatte damals Erfolg. Der Sozialist François Mitterrand entschied nach seinem Wahlsieg 1981 einen Baustopp. Von Hollande erwarten die Staudamm-Gegner jetzt ebenfalls eine Umkehr. „Wir fordern, dass die Regierung sofort die Bauarbeiten suspendiert“, sagte der linke Wortführer Jean-Luc Mélenchon. Umweltministerin Royal hat bislang geschwiegen.

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