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Bildungsreform in Frankreich : Deutschunterricht oder Gettoschule

Liberté, Egalité, Deutschunterricht passé: Die französische Bildungsministerin Najat Vallaud-Belkacem will durch Streichung der Deutschstunden Chancengleichheit für alle Schüler schaffen. Bild: AFP

In Montpellier blockieren Eltern eine Schule – sie wollen die internationalen Klassen gegen die Pläne der Bildungsministerin verteidigen. Sie fürchten wegen der geplanten Kürzung des Deutschunterrichts um die Chancen für ihre Kinder.

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          Zur Verteidigung des Deutschunterrichts sind die Eltern des „Collège Les Aiguerelles“ in Montpellier zum Äußersten bereit. Sie halten Wache vor dem Schulgebäude der einheitlichen Mittelstufe, sitzen auf Campingstühlen, trinken Kaffee aus Thermoskannen und diskutieren über die bedrohte Zukunft ihrer Kinder. „Eltern in Wut, Schule blockiert“, steht auf ihren Plakaten. Alle Lehrer unterstützen die Schulblockade.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          „Wenn die Reform durchgezogen wird, dann werden wir wieder eine Gettoschule“, sagt Sportlehrer Yves Cardin. Er hat noch die Zeit gekannt, als die Schule einen „furchtbar schlechten Ruf“ hatte, gut zehn Jahre sei das jetzt her. Zum Einzugsbereich der Schule gehören weiterhin soziale Brennpunkte, benachteiligte Wohnviertel mit hohem Einwanderer- und Arbeitslosenanteil. Dank des intensiven Deutschangebots und weiterer Förderangebote wie Architektur- und Lateinklassen hat das Collège dann immer mehr Familien des Bildungsbürgertums angezogen.

          Heute lernen Mittelschichtskinder und Kinder mit Einwanderungshintergrund zusammen in den internationalen Klassen mit verstärktem Deutsch- und Englischunterricht. „Wir haben eine echte soziale Durchmischung, aber die wird verschwinden, wenn unsere internationale Ausrichtung beendet wird“, sagt der Sportlehrer. Selbst Sportunterricht gibt es auf Deutsch, „damit der Spracherwerb nicht nur im Klassenzimmer stattfindet“, sagt Cardin.

          Austausch zwischen Heidelberg und Montpellier

          An der Fassade des Schulgebäudes, eines modernen Betonbaus, hängt ein Spruchband mit der Forderung nach einem sofortigen Gespräch mit „Madame la Ministre“, Bildungsministerin Najat Vallaud-Belkacem. Doch die Verbindung in die Hauptstadt ist gestört. Montpellier liegt im Süden, eine Viertelstunde von den Stränden des Mittelmeers und nur knapp zwei Autostunden von der spanischen Grenze entfernt.

          In der Universitätsstadt sind keine großen deutschen Unternehmen angesiedelt. Dennoch hat sich zwischen den Partnerstädten Montpellier und Heidelberg ein intensiver Austausch entwickelt, der durch das 1966 begründete „Maison de Heidelberg“ vertieft wird. Der Direktor des Heidelberg-Hauses, Hans Demes, ist über die Kürzungspläne am Collège Les Aiguerelles bestürzt. „Jahrelange Aufbauarbeit zugunsten der deutschen Sprache wird damit zerstört“, sagt er.

          Die große Fremdsprachenreform, die in ganz Frankreich zum Schuljahrbeginn 2016 geplant ist, will die Schulbehörde von Montpellier („Académie“) vorziehen. Schon im September sollen die Mittel für den Fremdsprachenunterricht umverteilt werden. Dem Collège Les Aiguerelles sollen 34 Unterrichtsstunden pro Woche gestrichen werden – das käme einem frühzeitigen Ende der internationalen Ausrichtung und der Förderprogramme gleich.

          Deutschunterricht als Türöffner

          Ilian, zwölf Jahre, ist Schüler in der siebten Klasse am Collège und sagt, dass Deutschland in seinem persönlichen Umfeld eigentlich nicht vorkam. „Meine Eltern sprechen kein Deutsch, und wir wären auch nie zum Urlaub nach Bayern oder an die Nordsee gefahren“, sagt er. Doch dann schwärmt er von seiner Klassenfahrt nach Berlin und dem bevorstehenden Klassenaustausch in Heidelberg. „Ich kann mir gut vorstellen, später in einem deutschen Unternehmen zu arbeiten“, sagt Ilian.

          Aber zunächst wolle er das „Abi-Bac“ schaffen, den Doppelabschluss. „Für viele Kinder ist der Deutschunterricht ein Fenster zur Welt“, sagt Deutschlehrerin Nicole Leier. Eine große Zahl ihrer Schüler sei noch nie ins Ausland gereist. „Gerade die Reisen prägen die Kinder und stärken ihre Motivation“, sagt sie. Doch wenn die Deutschlehrer künftig an drei oder vier Schulen unterrichten müssen, seien Reisen nicht mehr vorstellbar. Mehrere ihrer Schüler sind für das Brigitte-Sauzay-Stipendium ausgewählt worden und verbringen zwei Monate in einer deutschen Gastfamilie.

          Der 14 Jahre alte Lionel etwa war acht Wochen in Saarbrücken und fand den Unterricht dort „ganz schön diszipliniert“. „Ich würde später gern an einer deutschen Universität studieren“, sagt er. Lionels Mutter zählt zu den Eltern, die sich aktiv am Protest gegen die geplanten Kürzungen beteiligen.

          Einige von ihnen übernachten im Lehrerzimmer, in dem sich Schlafsäcke und Nahrungsreserven stapeln. Auch der sozialistische Abgeordnete von Montpellier, Patrick Vignal, hat sich der Protestaktion gegen seine Parteifreundin Najat Vallaud-Belkacem angeschlossen. Er sieht in dem Collège anders als die Ministerin in Paris ein Aushängeschild für eine gelungene Fremdsprachenpolitik.

          „Viele Posten in Unternehmen können nicht besetzt werden, weil es an qualifizierten Bewerbern mangelt, die über gute Fremdsprachenkenntnisse verfügen. Und dann will die Regierung ausgerechnet erfolgreiche internationale Schulzweige abschaffen“, sagt Mutter Christine Bolliger. „Wo bleibt da die deutsch-französische Freundschaft?“, fragt sie.

          Im Namen der Gleichheit

          Im Gespräch mit Korrespondenten deutscher Zeitungen in Paris hat Ministerin Vallaud-Belkacem kürzlich für ihre Reform geworben. „Es gibt den Ehrgeiz, den Deutscherwerb in Frankreich fortzuentwickeln“, beteuerte sie. Die bilingualen, europäischen und internationalen Klassen will sie aber dennoch im Namen der „Egalität“ abschaffen. „Nur 15 Prozent aller Schüler profitieren davon“, sagte sie. Alle Kinder, die in der Grundschule Deutsch als erste Fremdsprache wählten, sollten aber weiterhin in den Genuss eines verstärkten Deutschunterrichts in der Mittelstufe kommen, sagte sie.

          Im Collège Les Aiguerelles aber glauben Eltern und Lehrer den Worten der Ministerin nicht. Denn die Kürzungen sind beschlossen worden, obwohl die Schüler in der benachbarten Grundschule „Charles Dickens“ Deutsch lernen. „Es stimmt einfach nicht, dass der Deutschunterricht gestärkt und weiterentwickelt wird“, sagt Lehrerin Leier. Am Mittwoch sind Lehrer und Eltern zur Schulbehörde gezogen und haben dort protestiert. „Wir geben nicht auf, bis der Deutschunterricht und unsere Schule gerettet sind“, sagt eine Mutter.

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