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Frankreich : Ein Film macht Ärger

Schwiegersöhne mit Migrationshintergrund: Für Claude Verneuil zunächst ein Alptraum Bild: ddp images/Capital Pictures/Capi

„Monsieur Claude und seine Töchter“ feiert in Frankreich Erfolge. Die Geschichte vom Fremdenhass, der in Harmonie endet, klingt beruhigend in einem Land, in dem der Front National auf Erfolgskurs ist.

          Was macht ein französischer Mann, wenn er verzweifelt ist? Er holt die Motorsäge aus dem Keller und rammt sie in dicke Äste, bis sie heult. Wie Claude Verneuil. Dabei hätte er eigentlich allen Grund, glücklich zu sein. Er lebt als Notar in dem reizenden Provinzstädtchen Chinon am lieblichen Vienne-Fluss, in einer schmucken Villa, mit Ehefrau und vier bildschönen Töchtern. Die jedoch leider erwachsen und nach Paris gezogen sind, in den multikulturellen Moloch, der alles verschlingt.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          So sieht es zumindest Verneuil, der sich nicht damit abfinden kann, dass schon drei seiner Töchter in die französische Einwanderungsgesellschaft eingeheiratet haben. Der eine Schwiegersohn trägt asiatische Züge, der andere arabische, der dritte ist sephardischer Jude. Familienzusammenkünfte seien seither „wie Sitzungen der Liga gegen Rassismus und Antisemitismus“, spottet Verneuil. Als dann noch die jüngste Tochter ihre Verlobung mit einem (immerhin katholischen) Senegalesen bekanntgibt, rastet er aus und greift zur Säge.

          „Wir sind alle ein bisschen rassistisch“

          „Was haben wir nur dem lieben Gott getan?“, seufzt er, und seine Frau seufzt mit. Der Stoßseufzer muss als Titel für einen Kinofilm herhalten, der Verneuils Landsleute derzeit fasziniert: „Qu’est-ce qu’on a fait au bon dieu“ hat binnen weniger Wochen zehn Millionen Franzosen in seinen Bann gezogen. „Ein Phänomen“, titelte die Wochenzeitschrift „Le Figaro Magazine“. Und wagte die These, dass Frankreich sich im Kinosaal mit seiner Multi-Kulti-Gesellschaft versöhne. Denn nach dem Sägen kommt der Frieden.

          Zwar gilt es für Verneuil, etliche Proben zu überstehen, eigene und die schlimmen Vorurteile der Familie des senegalesischen Bräutigams zu überwinden, aber alles endet dann doch in Harmonie. „Wir sind alle ein bisschen rassistisch“, sagt der arabische Schwiegersohn in einer Szene. In einem Land, das bei den Europawahlen zu 25 Prozent für den rechtsextremen Front National gestimmt hat, klingt das beruhigend.

          Hauptsache Franzose: Die Schwiegersöhne singen aus voller Kehle die „Marseillaise“. Kurz zuvor hatte Verneuil ihnen nicht einmal zugetraut, den Text zu kennen. Und am Heiligabend findet sich die geeinte Großfamilie tatsächlich in der Kirche wieder und stimmt in das allerchristliche französische Weihnachtslied ein: „Il est né le divin enfant“. Wer sollte da nicht an das Wunder einer christlich geprägten Leitkultur glauben, an ein Frankreich, das sich trotz aller Verwerfungen seiner Identität sicher sein kann?

          Der Film habe mit der Realität nichts zu tun

          Der gerade in den Kreis der „Unsterblichen“ erhobene Philosoph Alain Finkielkraut („Die unglückliche Identität“) widersprach empört. Harmoniesüchtig sei der Film und habe mit der französischen Realität einer „kulturellen Sezession“ unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen überhaupt nichts zu tun. Finkielkraut erinnerte an die „Beerdigungsminen“, die Fußball-Nationalspieler wie Franck Ribéry und Karim Benzema aufsetzen, sobald die „Marseillaise“ erklingt. Zudem verschweige der Film, wie beliebt etwa der Komiker Dieudonné sei.

          Die Aufführungen mit primitiven rassistischen und antisemitischen Kalauern des Künstlers sind inzwischen zwar verboten. Doch seinen Ruhm in der Banlieue hat das nicht gemindert. Das Erkennungszeichen des Komikers bretonisch-kamerunischer Abstammung wird „quenelle“ genannt, Knödel. Es ist eine Art umgekehrter Hitler-Gruß. Nach wie vor machen viele Franzosen dieses Zeichen, um auszudrücken, dass sie politisch korrekte Formen ablehnen.

          All dies, meint Finkielkraut, blende der Film aus: „Das Publikum ist froh, dass es die französische Wirklichkeit durch einen verschönernden Spiegel präsentiert bekommt.“ Er verstehe die Verlockung, ihr erliegen könne er nicht. Unerträglich sei vor allem, dass der Film keinerlei Stolz auf die Werte der alten Bourgeoisie zulasse. Nein, das Frankreich der Provinz rieche im Film schlecht, als müsse es dringend durchgelüftet werden.

          Eine neue französische Mittelschicht entstehe

          Sinnbildlich bricht Verneuil am Ende mit seiner Frau zu einer Weltreise auf. Finkielkraut: „Die Erben der französischen Zivilisation ignorieren diese und müssen sich einem törichten Tourismus ergeben.“ Aber vielleicht steht es doch nicht so schlecht um den Zusammenhalt der Nation. Das zumindest glaubt der Politologe und Islamforscher Olivier Roy, der kritisiert, dass viel zu wenig darüber berichtet werde, wie eine neue französische Mittelschicht entstehe. Roy meint, man müsse sich nur die Namen der Krankenhausärzte oder der Rechtsanwälte im Telefonbuch anschauen: Darunter sind viele Einwanderer-Namen.

          Frankreich sei zudem eines der europäischen Länder mit der höchsten Rate von sogenannten Misch-Ehen zwischen alteingesessenen Franzosen und Franzosen mit Migrationshintergrund. Jede dritte Ehe gehört in diese Gruppe. Mit dem Erfolg einer Multi-Kulti-Ideologie habe das nichts zu tun, wohl aber mit echtem Zusammenleben. „Die Mädchen heiraten keinen Multikulti-Intellektuellen, sondern einen jungen Mann aus ihrem Wohnviertel. Aber das will niemand sehen.“

          Der Schauspieler Christian Clavier verkörpert im Film die Hauptfigur Claude Verneuil. Seine Meinung: „Vielleicht hilft ein Film wie dieser uns Franzosen, der Niedergangsstimmung und der ständigen Selbstkritik zu entkommen.“ Clavier lebt in London und hat auch schon andere Nationalheroen dargestellt. Seiner Ansicht nach haben es seine Landsleute bitter nötig, sich selbst in einem anderen Licht zu sehen: „Sie sind großzügig, positiv, unternehmenslustig und solidarisch. Daran muss man sie nur manchmal erinnern.“

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