https://www.faz.net/-gq5-7lto0

Frankreich : Frauen, keine guten Väter

Frauenministerin Najat Vallaud-Belkacem Bild: AFP

Frankreich bekommt ein Gleichheitsgesetz. Das bürgerliche Gesetzbuch wird auf Wunsch der Grünen sprachlich bereinigt. Die Académie française soll per Vorschrift mehr Frauen aufnehmen.

          Die „Unsterblichen“ der Académie française haben schon Widerstand angekündigt. Die französische Linksregierung will der von Kardinal Richelieu im Jahr 1635 begründeten Akademie vorschreiben, künftig mehr Frauen aufzunehmen. Unter den derzeit 38 Mitgliedern der Académie française (zwei Sitze stehen zur Wahl) sind nur acht Frauen. Die sozialistische Frauenministerin Najat Vallaud-Belkacem führt dieses Ungleichgewicht auf das Wahlverfahren zurück. Die „Unsterblichen“ entscheiden in geheimer Wahl selbst darüber, wer es verdient, „unsterblich“ zu werden. Männer hätten bessere Chancen, von Männern gewählt zu werden, beklagte Vallaud-Belkacem. Deshalb soll ein Gesetz jetzt regeln, was die Schriftsteller und Gelehrten nicht aus eigenem Antrieb über die Jahrhunderte vollbracht haben. Auch die anderen vier Akademien sowie das Institut de France sind angehalten, ihren Frauenanteil zu erhöhen.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Das steht im Gesetz „über die Gleichheit von Frauen und Männern“, das am Dienstagabend mit einer Mehrheit von 359 Stimmen bei nur 24 Gegenstimmen von der Nationalversammlung angenommen wurde. Die Linke stimmte ebenso wie die bürgerlich-liberale Parteineugründung UDI geschlossen für den Gesetzestext. Die UMP-Fraktion enthielt sich größtenteils, während frühere Ministerinnen Nicolas Sarkozys wie Nathalie Koscuisko-Morizet, Valérie Pécresse und Nicole Ameline dafür stimmten. Der UMP-Vorsitzende Jean-François Copé hingegen lehnt die Gesetzesänderungen ab und warnte davor, aus dem Gleichstellungszwang erwachse eine Gefahr für die traditionelle Familie.

          Das Gesetz reicht über die Paritätspflicht in so traditionsreichen Institutionen wie den Gelehrtenakademien weit hinaus. An den französischen Journalistenschulen müssen die Absolventen sich künftig einem Pflichtkurs unterziehen, um sexistische Vorurteile und Klischees zu erkennen und in ihrer künftigen Tätigkeit darüber aufzuklären. Das Gesetz beinhaltet zudem eine Ermunterung an die Männer, vermehrt ihren Vaterschaftsurlaub in Anspruch zu nehmen und schon frühzeitig in der Kindererziehung aktiv zu werden. Die sogenannten Mini-Misswahlen für junge Mädchen unter 13 Jahren werden verboten. Schönheitswettbewerbe für 13 bis 16 Jahre alte Mädchen müssen fortan durch ein behördliches Genehmigungsverfahren zugelassen werden. Zudem enthält der Gesetzestext verschärfte Maßnahmen gegen sexuelle Belästigung im Internet oder per Telefon.

          Geschlechterunterschiede geleugnet?

          Das bürgerliche Gesetzbuch (Code civil) wird auf Wunsch der Grünen sprachlich bereinigt. Der vom lateinischen bonus pater familias stammende Begriff des „guten Familienvaters“ wird durch den Ausdruck „vernünftig“ ersetzt. Die Grünen hatten in der Formulierung „ein überholtes Familienbild“ ausgemacht. Es reiche vollkommen aus, dass ein Vermögen oder eine Immobilie „vernünftig“ verwaltet werde. Die Aufgabe des Bildes vom „guten Familienvater“ aber hat die Gegner der Gesetzesänderungen besonders erzürnt. Die Vorsitzende der im Protest gegen die Homo-Ehe entstandenen „La manif pour tous“, Ludovine de la Rochère, etwa wittert dahinter den Versuch, die Geschlechterunterschiede zu leugnen und die traditionellen Familienstrukturen weiter zu zerstören. Seit der Einführung der Homosexuellenehe am 17. Mai 2013 hat sich die Gegenbewegung nicht aufgelöst, sondern setzt über soziale Netzwerke den Widerstand fort.

          Die von Béatrice Bourges geleitete Plattform „Printemps français“ (Französischer Frühling) etwa hat großen Zulauf erfahren. Immer häufiger kommt es zu spontanen, über SMS-Nachrichten und Internetmitteilungen organisierten Protestaktionen wie dem jüngsten „Schulboykotttag“. Beunruhigte Eltern in zehn ausgewählten Schulbezirken folgten am Dienstag dem Aufruf und schickten ihre Kinder nicht in die Grundschule, weil diese im Klassenzimmer vorgeblich in die Gendertheorie eingeführt werden sollten. An manchen Schulen fehlte fast die Hälfte der Schüler. Der sozialistische Bildungsminister Vincent Peillon sah sich am Mittwoch gezwungen, die Gerüchte zu dementieren und darauf hinzuweisen, dass lediglich das „ABC der Gleichheit“ in den zehn Schulbezirken vorgestellt werden sollte. Der Minister hielt die Schulleiter an, die betroffenen Eltern zu einem Informationsgespräch einzuladen. Der UMP-Vorsitzende Copé sagte hingegen, er sei schockiert über die Gendertheorie, die von den Sozialisten verbreitet werde: „Ich verstehe die Beunruhigung der Eltern“.

          Weitere Themen

          In zwei Fliegern nach Amerika Video-Seite öffnen

          Kritik an Bundesregierung : In zwei Fliegern nach Amerika

          Bundskanzlerin Angela Merkel und Ministerin Annegret Kramp-Karrenbauer fliegen fast zeitgleich an die Ostküste der Vereinigten Staaten. Sie nutzen dabei jedoch zwei getrennte Flugzeuge.

          Topmeldungen

          Länger leben : Kerle, macht’s wie die Frauen

          Von der Gleichstellung der Geschlechter profitieren auch Männer – sie sind gesünder und leben länger. Die regionalen Unterschiede, die in einer Studie sichtbar werden, überraschen.
          Viele Fragen an den Präsidenten in der Whistleblower-Affäre: Donald Trump beantwortet Reporterfragen vor dem Weißen Haus.

          Telefonat mit Selenskyj : Trumps Erpressung

          Für Donald Trump ist das Telefonat mit dem ukrainischen Präsidenten nicht verwerflich. Er sieht nichts Schlimmes darin, seine Macht zu nutzen, um politischen Konkurrenten wie Joe Biden zu schaden. Dabei beginnt der Skandal schon an anderer Stelle.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.