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Frankreichs Dschihadisten : Henker aus der Heimat

Maxime Hauchard (r) im Propagandavideo des „Islamischen Staates“ Bild: AFP

Das jüngste IS-Enthauptungsvideo schockiert Frankreich. Die neuen Dschihadisten kommen nicht nur aus den Banlieues. Auch Jugendliche aus typischen Mittelschichtfamilien radikalisieren sich.

          Der Dschihad spricht französisch – und trägt fortan auch Vornamen wie Maxime oder Michael. Das ist die Erkenntnis, die französische Ermittler aus dem jüngsten Enthauptungsvideo des „Islamischen Staates“ (IS) gewonnen haben. Die jüngsten Fälle werfen ein Schlaglicht auf eine bedenkliche Entwicklung: Junge Franzosen aus Mittelschichtfamilien radikalisieren sich über das Internet und ziehen nach Syrien, nicht nur schlecht integrierte Jugendliche aus muslimischen Einwandererfamilien. So haben die Ermittler den 22 Jahre alten Maxime Hauchard aus der Normandie als einen der in dem Videomitschnitt gezeigten IS-Henker identifiziert. Ein zweiter Franzose, der 22 Jahre alte Michael dos Santos aus Champigny-sur-Marne im Großraum Paris, wurde ebenfalls gefilmt. Das hat Präsident François Hollande am Mittwoch in einer Pressekonferenz bestätigt.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          „Warum werden die französischen Henker gezeigt? Aus dem gleichen Grund, aus dem ein Brite mit Cockney-Akzent als Mörder des amerikanischen Journalisten James Foley vorgeführt wurde. Sie wissen, welche Wirkung das in Europa erzielt“, sagte der französische Islamforscher Jean-Pierre Filiu, der am Institut d’Etudes Politiques de Paris („Sciences Po“) lehrt, zur Erklärung. Die europäischen Dschihadisten seien aus militärischer Sicht für den IS bedeutungslos, aber sie spielten eine gewichtige Rolle in der Propaganda. Bemerkenswert sei dabei, dass insbesondere europäische Konvertiten in den Vordergrund gestellt würden.

          Ein Viertel der französischen Dschihadisten, die für den IS in Syrien kämpfen, sind nach Auskunft des französischen Innenministeriums Konvertiten ohne jegliche Vorbildung in der islamischen Religion. Für Islamforscher Filiu zeigt dies, dass die Anziehungskraft des IS nicht mit der Religion erklärt werden kann. „Wir schauen auf den IS wie auf ein religiöses Phänomen, dabei handelt es sich um ein politisches Phänomen. IS ist eine Sekte. Seine totalitäre Doktrin kann nur jene anziehen, die keinerlei muslimische Kultur haben“, sagte Filiu.

          „Wir müssen uns nicht verstecken, wir sind ein Staat“

          Der Islamforscher Olivier Roy pflichtete ihm bei. Es werde immer noch mit dem 20 Jahre alten Klischee vom Jugendlichen aus der Banlieue argumentiert, der in den Dschihad ziehe, weil er Identitätsprobleme habe und vaterlos aufwuchs. „Es ist kein Problem der Banlieue mehr, sondern verschiedenster Gesellschaftsschichten“, sagte Roy. „Die Mechanismen der Radikalisierung sind nicht im Islam zu suchen.“

          Trotz verschärfter Gesetzesbestimmungen reißt der Zustrom junger Franzosen nicht ab. Innenminister Bernard Cazeneuve sagte, 1132 Franzosen seien in dschihadistischen Netzwerken in Syrien und im Irak engagiert. Der Anteil der Konvertiten sei gestiegen. Von den 376 Franzosen, die sich im Kampfgebiet aufhielten, seien 23 Prozent ohne muslimischen Hintergrund.

          Maxime Hauchard etwa stammt aus einer typischen französischen Mittelschichtfamilie aus der Normandie. Die Mutter arbeitet als öffentlich Bedienstete bei der örtlichen Familienkasse, vergangenes Jahr wurde sie mit der „Arbeitsmedaille“ ausgezeichnet. Der Vater ist als gehobener Angestellter in einem Industriebetrieb tätig. Es gab kein Scheidungsdrama und auch kein Schulversagen. In seinem Heimatort Bosc-Roger galt Maxime als „ein netter Jugendlicher“. Nachbarn lobten seine Hilfsbereitschaft. Nach dem Abitur nahm er ein Angebot an, in Mauretanien Französischkurse zu geben. Dort muss Maximes Interesse am Islam erwacht sein. Auf seiner Facebook-Seite ist seine rasche Radikalisierung nach seiner Rückkehr in die Normandie dokumentiert. Als er im Sommer 2013 nach Syrien ausgereist war, schrieb er dort: „Hier sind wir nicht mehr nur eine Organisation, nicht wie Al Qaida, wir sind nicht mehr eine Guerrilla, wir müssen uns nicht verstecken, wir sind ein Staat.“

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