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Franken-Aufwertung : Rösti ausverkauft

Kunden aus der Schweiz in einem Supermarkt in Weil am Rhein. Bild: Frank Röth

Seit der Aufwertung des Franken drängen noch mehr Basler für den Einkauf über die Grenze. Daheim bleiben derweil die Läden leer. Und die Südbadener tun alles dafür, dass das so bleibt.

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          Für die Gäste aus der Schweiz machen die Südbadener fast alles. Sie setzen ein „Schinkenplättli“ und ein „Chäsplättli“ auf die Speisekarte. Sie bauen ein Einkaufszentraum nach dem anderen. Sie ertragen am Samstag die Kolonnen von Autos aus dem Thurgau, aus Interlaken oder Basel, die sich manchmal auf der A5 erst in Baden-Baden oder gar Karlsruhe auflösen. Der Betrag, den man in Basel für ein Schnitzel ausgebe, sei ausreichend, um in Weil am Rhein oder in Lörrach einen Kleinwagen zu kaufen, scherzen die Badener. 32 Kassen gibt es in der großen Marktkauf-Filiale in Weil am Rhein. Gleich am Eingang weht die Schweizer Fahne, natürlich auch die Deutschlands und Frankreichs.

          Johannes Ritter

          Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Seit der Entscheidung der Schweizer Notenbank, den Franken vom Eurokurs abzukoppeln und freizugeben, ist ein Franken etwa genauso viel wert wie ein Euro. Gegenüber dem zuvor geltenden Mindestkurs von 1,20 Franken je Euro haben die Schweizer Einkäufer also einen zusätzlichen Preisvorteil von fünfzehn bis zwanzig Prozent.

          Einkäufe von einer Million Euro je Werktag

          Das „Rheincenter“ soll ein Einkaufsparadies für das „Dreiland“ an der französischen und Schweizer Grenze sein. Das Parkhaus grenzt unmittelbar an den modernen Zollübergang nach Basel. Am Wechselschalter im Einkaufszentrum muss man anstehen. Gleich neben den Kassen der Marktkauf-Filiale rattern zwei alte Nadeldrucker und spucken pausenlos die grünen Mehrwertsteuerzettel aus. Wer sich einen solchen Zettel ausfertigen lässt, bekommt die Mehrwertsteuer zurückerstattet. „Dieser Kurs ist in unserer Chekart-Kasse gespeichert Euro 100,00 = SFR 104,14“ steht auf einem Schild an der Kasse.

          Auf einer zusätzlichen Tafel sind die „zollfreien Freimengen“ für Fleisch, Wild und Rahm vermerkt. Und dass es die grünen Zettel erst für einen Einkauf ab zehn Euro gibt. „In diesen Tagen sind es so etwa 2000 grüne Zettel, die wir hier täglich ausstellen“, sagt eine Mitarbeiterin des Supermarkts. Immer wieder bildet sich eine Schlange vor ihrem Schalter, sogar am Vormittag eines normalen Werktags. Nach Berechnungen von Wirtschaftsförderern kauften die Schweizer schon 2014 an jedem Werktag für eine Million Euro in Deutschland ein.

          „In der Schweiz deutlich teurer“

          Nadine Heiler hat ihren Einkaufswagen vollgepackt – vor allem Drogerieartikel und Basislebensmittel. „Katzenfutter, Duschgel, Medikamente, Windeln. Das ist bei uns in der Schweiz deutlich teurer“, sagt die Immobilienmaklerin aus Witterswill im Kanton Solothurn. Bislang sei sie viermal im Monat nach Weil zum Einkaufen gefahren, jetzt werde sie noch öfter kommen. „Bei meiner Hausbank heute Morgen ging es chaotisch zu, die hatten plötzlich keine Euros mehr.“ Auch die Kunstmalerin Christina Purber aus Kleinhünigen schleppt bis zum Rand vollgepackte Plastiktüten aus dem Rhein-Center. „Ich kaufe alles hier in Weil. Das spart bis zu vierzig Prozent. Aber mich stresst das jetzt nicht, denn der Euro wird ganz sicher weiter unten bleiben“, sagt sie.

          Im Rheincenter macht sich der Ansturm Schweizer Konsumenten stärker bemerkbar als in der „Einkauf-Insel“, einem Shopping-Center mit höherwertigen Geschäften. Rösti und manche Kinderwagenmodelle waren in den ersten Tagen nach der Währungsumstellung vorübergehend ausverkauft. Manche Einzelhändler machen ihren Umsatz zu 90 Prozent mit den Kunden aus Solothurn oder Basel, im Durchschnitt sind es mindestens 35 Prozent des Umsatzes, den die Schweizer Einkaufspendler einbringen. Die Abhängigkeit von Handel und Gastronomie in den Landkreisen Lörrach und Waldshut dürfte noch größer werden. 40000 Grenzpendler wohnen in den beiden Landkreisen – ihre Arbeitgeber haben sie in der gesamten Nordostschweiz. In Lörrach, der ehemaligen Textilarbeiterstadt, sind 5800 der fast 19300 Erwerbstätigen Grenzgänger.

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