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François Fillon : Der lange Arm des lieben Wladimir

Fillon und Putin bei einem Treffen 2011 Bild: AP

Wer den französischen Präsidentschaftskandidaten verstehen will, muss auf sein ungewöhnliches Freundesnetzwerk schauen. Es bewegt sich zwischen strengen Christen und bekennenden Russlandfreunden.

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          Seinen Sieg bei den Vorwahlen hat François Fillon in minutiöser Arbeit vorbereitet. Eine Schlüsselfigur auf dem Weg zu seiner Kandidatenkür bildet Henri de Castries, der langjährige Chef des Versicherungsunternehmens Axa. Die beiden überzeugten Katholiken schätzen sich seit langem. Als Vorsitzender des liberalen Think Tank „Institut Montaigne“ hat de Castries vielfältige Reformansätze in die öffentliche Debatte einbringen lassen.

          Michaela Wiegel
          (mic.), Politik

          Die eigentliche Denkfabrik zugunsten Fillons tagte hingegen in einem Jagdpavillon im Anjou, der zu dem Anwesen Castries gehört. Castries ist 62 Jahre alt und hat zusammen mit François Hollande die Elitekaderschmiede Ena besucht. Es entbehrt deshalb nicht der Brisanz, dass er aktiv auf einen Machtwechsel hinarbeitet. Seit drei Jahren haben sich unter seiner Obhut in regelmäßigen Abständen die Mitglieder des geheimen „Fillon-Teams“ getroffen.

          An dem abgelegenen Ort, fernab der Presse, diskutierten sie mit dem früheren Regierungschef die Ideen für ein Reformprogramm, das Frankreich wirtschaftlich und moralisch wieder aufrichten soll. Das Schloss Fougeré des einflussreichen Wirtschaftslenkers liegt nur gut 30 Kilometer vom Landgut Fillons bei Solesmes entfernt.

          Gleich zwei Männer mit russischen Wurzeln zählen zu den Ideengebern Fillons. Igor Mitrofanoff wich schon im Hotel Matignon, dem Sitz des Premierministers, nicht von Fillons Seite. Der Spross einer Familie von sogenannten weißen Russen, die nach der Oktoberrevolution nach Frankreich flohen, schreibt an so gut wie allen bedeutenden Reden mit. Ihm verdankt Fillon die in mehreren Ansprachen wiederholte Formulierung: „Jedem Sieg geht ein ideologischer Sieg voraus“. Die Betonung von Ehe, Familie, Vaterland und der christlichen Identität Frankreichs geht auf ihn zurück. Als Student hat Mitrofanoff eine wissenschaftliche Arbeit über den Historiker Jacques Bainville geschrieben.

          Fillon müht sich, die Bündnistreue zu Washington hervorzuheben

          Bainvilles Patriotismus prägt seine Reden. Der orthodoxe Christ Mitrofanoff glaubt zudem an ein notwendiges Bündnis aller Christen, um die Herausforderung durch den islamischen Totalitarismus zu meistern. Sein Einfluss macht sich aber auch in den außenpolitischen Überzeugungen Fillons bemerkbar. So steht er hinter der bedenklichen Äußerung Fillons, die Anerkennung der Unabhängigkeit des Kosovo sei ein mit der Krim-Annektierung vergleichbarer Völkerrechtsbruch.

          Die Rolle des 73 Jahre alten Jean de Boishue ist rätselhafter. Der Nachfahre des russischen Grafengeschlechts Mestchersky hat Fillon schon im Matignon beraten. Boishues Russlandneigung geht noch weiter als die Mitrofanoffs. Er hat Russisch studiert und hatte zu Beginn seiner Laufbahn einen Lehrstuhl für Russisch inne. Er gilt als wichtiger Mittler im Verhältnis zu Wladimir Putin. Fillon ist jetzt sichtlich bemüht, seine Bündnistreue gegenüber Washington hervorzuheben und sich nicht als „Putin-Bewunderer“ abstempeln zu lassen.

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          Die wiederholten Glückwünsche aus dem Kreml zu seiner Wahl hat er mit der Bemerkung quittiert: „Ich kann nichts dafür“. In ihrem Buch „Die Netzwerke des Kreml in Frankreich“ hebt die Universitätsprofessorin Cécile Vaissié das „bemerkenswerte Einverständnis zwischen Putin und Fillon“ hervor, als beide als Regierungschefs wirkten. Fillon nahm im September 2013 an einem Treffen des Valdai-Clubs teil und sprach Putin mit „mein lieber Wladimir“ an. Schon damals kritisierte Fillon die Position Präsident Hollandes in der Syrien-Politik und deutete an, Hollande unterwerfe sich zu willig der Position des amerikanischen Präsidenten Obama.

          Universitätsprofessoren in die Regierung

          Zu Fillons Ideengebern zählt auch ein Elsässer, der Universitätsprofessor und Abgeordnete Patrick Hetzel. Der 52 Jahre alte Hetzel spricht perfekt Deutsch. Er hat mit Fillon im Bildungsministerium gearbeitet und berät ihn jetzt wieder in der Bildungs-, Lehrstellen- und Wissenschaftspolitik. Die Deutschförderung über die erfolgreichen zweisprachigen Klassen, die Fillon 2004 eingeführt hatte, soll im Falle eines Machtwechsels wieder aufleben. Ansonsten sehe Fillon aber eine Stärkung der englischen Sprachkenntnisse vor, sagte Hetzel.

          Fillon ist seit 1980 mit der aus Wales stammenden Penelope Clarke verheiratet und interessiert sich sehr für Großbritannien. Noch unter Premierminister Tony Blair hospitierte Fillon mehrere Tage im Regierungssitz in London. Ihm schwebt vor, nach einem Machtwechsel auch mit einer Mischung aus Universitätsprofessoren, Wirtschaftsleuten und Berufspolitikern zu regieren.´ Neben de Castries zählt der frühere Spitzenmanager (Xerox, Numericable) Pierre Danon sowie der Wirtschaftsanwalt Antoine Gosset Grainville zu seinem engeren Team.

          Seinen Vorwahlkampfmanager Patrick Stefanini hat Fillon an strategischer Stelle in der Partei plaziert: Der frühere Präfekt Stefanini soll fortan als Generalsekretär der Republikaner wirken. Stefanini hat den Ruf, ein Magier in besonders aussichtslosen Wahlkämpfen zu sein. 1995 half er Jacques Chirac, sich gegen den Favoriten Edouard Balladur durchzusetzen. Lange war er ein enger Mitarbeiter Juppés und wirkte als Präfekt in dessen Wahlheimat Gironde. Er riet Fillon dazu, die Nachfolgeorganisation der im Protest gegen die Homo-Ehe gebildeten Bewegung „Manif pour tous“ zu umwerben.

          Die Stimmen der konservativen Katholiken könnten wahlentscheidend sein. Zugleich half er Fillon bei seinem Wunsch, sein Engagement für die verfolgten Christen des Orients in einer großen Kundgebung in Paris publik zu machen. Ein „Vater unser“ in aramäischer Sprache beendete die Veranstaltung und sicherte Fillon neue Wählerstimmen.

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