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François Fillon : Der konservative Revolutionär

Fillons größte Stärke gegenüber Le Pen ist sein wertkonservatives Gesellschaftsprogramm. Bild: AP

Der französische Präsidentschaftskandidat Fillon verheißt eine „konservative Revolution“, die ohne kämpferische Laizität und Fremdenfeindlichkeit, ohne Abschottung und Protektionismus auskommt. Damit könnte er sich als Le Pens Albtraum erweisen.

          Nach seinem fulminanten Sieg bei den ersten offenen Vorwahlen der bürgerlichen Rechten hat François Fillon den Elysée-Palast fest im Visier. Als heimliche Schirmherrin seines Aufstiegs kommt dabei nur Angela Merkel in Frage. Von der Bundeskanzlerin hat Fillon gelernt, wie wichtig es ist, wenn der Gegner einen unterschätzt. Noch vor drei Monaten hätte es niemand für möglich gehalten, dass der ehemalige Premierminister mit dem Charme eines Großbürgers aus der Provinz ein politisches Raubtier wie Nicolas Sarkozy und einen Umfrageliebling wie Alain Juppé besiegt.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Doch nun ist es vollbracht. Die Anleihen Sarkozys beim Front National haben die Wähler genauso wenig überzeugt wie die Semantik der Linken, derer sich Juppé vor dem Duell bediente. Mit Schlagwörtern wie „reaktionär“ oder „rückständig“ war Fillon nicht beizukommen. Die französische Beamtenrepublik hat sein radikales Reformprogramm wie in Trance aufgenommen, ohne sich an den Urnen dagegen zu mobilisieren. Fillon will in den kommenden fünf Jahren 500.000 Stellen im öffentlichen Dienst streichen, die Rentenhöhe der Beamten auf das Niveau der Rentenempfänger in der privaten Wirtschaft nivellieren und die Arbeitszeit der öffentlich Beschäftigten auf 39 Stunden erhöhen.

          Der Mann aus der Sarthe schwört auf die erste Devise der französischen Republik: „Liberté“. Freiheit ist das Zauberwort, mit dem er vor allem den Arbeitsmarkt revolutionieren will. Das aufgeblähte Regelwerk des Arbeitsrechts mit 3400 Seiten will er auf 150 Seiten straffen. Eine Mehrwertsteuererhöhung von zwei Prozentpunkten soll Abgabenerleichterungen finanzieren.

          Die Vermögensteuer soll im Namen des Patriotismus – Fillon will lieber französische Millionäre als Öldollars aus Qatar und Saudi-Arabien – abgeschafft werden. Es gehört schon viel Magie dazu, mit derartig radikalen Vorschlägen in Frankreich gewählt zu werden. Fillon hat es vermocht, die rechtsbürgerliche Kernwählerschaft zu mobilisieren. Nun steht er vor der ungleich größeren Herausforderung, eine Mehrheit der Franzosen für sein Programm zu gewinnen.

          Unangefochtene Führungsfigur

          Das Experiment der ersten offenen Vorwahlen bei den Republikanern hat sich als Glücksgriff erwiesen. Erinnert sich noch jemand an die Untergangsstimmung, die nach der verpatzten Urwahl 2013 in der Partei (damals noch UMP) herrschte? Der erbitterte Wettstreit zwischen Fillon und Parteisekretär Jean-François Copé brachte die Partei an den Rand der Spaltung. Nach Sarkozys Abstrafung durch den Verfassungsrat stand die UMP zudem vor dem Bankrott, es fehlten die Millionen aus der staatlichen Wahlkampfkostenerstattung. Auch deshalb kommt das Ergebnis der Vorwahlen einer Grunderneuerung gleich. Die Republikaner haben nun eine unangefochtene Führungsfigur. Die hohe Wahlbeteiligung führt dazu, dass die Vorwahlen frisches Geld in die Parteikasse spülen.

          Fillon kann mit einer starken demokratischen Legitimation in den Präsidentschaftswahlkampf ziehen. Etwa 2,9 Millionen Franzosen gaben ihm im zweiten Wahlgang ihre Stimme. François Hollande reichten bei den sozialistischen Vorwahlen im Oktober 2011 1,6 Millionen Stimmen, um sich für das höchste Staatsamt zu empfehlen. Der Triumph Fillons bringt vor allem Marine Le Pens Wunschszenario für die nächsten fünf Monate durcheinander. Sie hatte mit der Formel „Brexit, Trump, Le Pen“ schon die Meinungshoheit erobert. Ihrem vermeintlichen Durchmarsch bis in den Elysée-Palast stellt sich nun ein gutgewappneter Gegner in den Weg.

          Die Sehnsüchte der „schweigenden Mehrheit“ erspürt

          Fillons größte Stärke gegenüber Le Pen ist sein wertkonservatives Gesellschaftsprogramm. Der von seiner ländlichen Heimat im katholischen Westen geprägte Politiker hat das Unbehagen vieler Franzosen an der permissiven Konsumgesellschaft mit großem Gespür erfasst. Obwohl sein Wahlkreis längst im großbürgerlichen 7. Arrondissement der Hauptstadt liegt, hat er die Sehnsüchte der „schweigenden Mehrheit“ jenseits der Ballungszentren ernst genommen. Auch deshalb wurde er nach mehr als drei Jahrzehnten in der Politik als Mann außerhalb „des Systems“ wahrgenommen.

          Immer wieder hat er sich selbst zum Fürsprecher „der Revolte der Franzosen“ gemacht. Er verheißt eine „konservative Revolution“, die ohne kämpferische Laizität und Fremdenfeindlichkeit, ohne Abschottung und Protektionismus auskommt. Fillon betont lieber tradierte Werte wie Ehe, Familie und Vaterland. Damit etabliert er sich als ernstzunehmende Alternative zu Le Pen. Die Linke zerlegt sich unterdessen selbst. Präsident Hollande wird nach Emmanuel Macron nun von seinem eigenen Premierminister herausgefordert.

          Seit Chiracs Schicksalswahl gegen Marine Le Pens Vater im Jahr 2002 hält sich die These, dass nur ein gemäßigter Konservativer gegen den FN eine Chance habe. Doch das Regionalwahlergebnis im Dezember 2015 hat das Gegenteil gezeigt. Die Linkswähler gaben einem beinharten Law-and-Order-Mann wie Christian Estrosi ihre Stimme, um einen FN-Sieg in der Mittelmeerregion zu verhindern. Fillon könnte sich als Le Pens Albtraum erweisen.

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