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Forschung in Griechenland : Nicht nur Oliven und Hotelbetten

Statue Platons vor der Akademie der Wissenschaften in Athen Bild: Bode, Henning

Dass manche griechische Forschungseinrichtung in Europa zur Spitze zählt, ist außerhalb von Fachkreisen kaum bekannt. Könnten diese Institute zur wirtschaftliche Erholung ihres Landes beitragen?

          4 Min.

          Dass Griechenland eine Atommacht ist, wird viele überraschen. Aber seit 1959 trifft diese Feststellung zu – zumindest für die zivile Forschung. Damals schenkten die Vereinigten Staaten der griechischen Regierung einen Forschungsreaktor, der zur Grundausstattung eines der bis heute in Griechenland und Europa führenden wissenschaftlichen Institute wurde. Das „Nukleare Forschungszentrum Demokritos“ in Athen, benannt nach dem antiken griechischen „Atomphilosophen“ Demokrit, beschäftigte sich anfangs vor allem mit der zivilen Nutzung der Atomenergie. Die atomare Anschubhilfe Washingtons in Zeiten des Kalten Krieges hatte auch zur Folge, dass erstmals in der griechischen Geschichte renommierte Wissenschaftler das Land nicht verließen, sondern dorthin zurückkehrten. Mehr als ein halbes Jahrhundert später gehört das mittlerweile aus acht Instituten bestehende Zentrum in vielen Forschungszweigen zu den führenden Einrichtungen in der EU. Auf dem weitläufigen Gelände von „Demokritos“ in Athen wird auf hohem und höchstem Niveau zu Nuklearphysik, Nukleartechnologie, Strahlenschutz, Materialwissenschaften, Mikroelektronik, Nanotechnologie, Pharmazeutik und anderen Fachgebieten geforscht.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Auch einige andere griechische Forschungseinrichtungen gehören zur europäischen Spitze, so die 1983 gegründete „Stiftung für Forschung und Technologie Hellas“ (Forth) in Heraklion auf Kreta mit Schwerpunkten unter anderem in der Lasertechnologie und der Molekularbiologie sowie das seit 2000 bestehende „Zentrum für Forschung und Technologie“ (Certh) in Thessaloniki, wo beispielsweise zu Telematik oder Chemieverarbeitung gearbeitet wird. Dass diese Einrichtungen zur europäischen Spitze gehören, ist außerhalb von Fachkreisen kaum bekannt. Doch gerade diese Institute könnten einen wichtigen Beitrag zur wirtschaftlichen Erholung Griechenlands leisten, sagt Alexander Kritikos, Forschungsdirektor am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung Berlin und Professor für Industrieökonomik an der Universität Potsdam. „Nur durch das Kürzen von öffentlichen Ausgaben und Löhnen allein wird Griechenland nicht wieder auf die Beine kommen“, stellt Kritikos fest. Zwar seien die von der Troika aus EU, Europäischer Zentralbank und Internationalem Währungsfonds geforderten Reformen ein wichtiger Bestandteil der Modernisierung Griechenlands. Doch Strukturreformen und die Stärkung der immer wieder genannten potentiellen Wachstumsbranchen Tourismus und Landwirtschaft seien einfach nicht genug, um Griechenland wieder auf einen anhaltenden Wachstumspfad innerhalb der Eurozone zu bringen. Es müsse für das Land auch darum gehen, in der Wertschöpfungskette aufzusteigen. Griechenland muss, verkürzt formuliert, mehr anbieten als Oliven und Hotelbetten.

          Es fehlt die Verbindung zur Wirtschaft

          Und es hat auch mehr zu bieten. Das Potential seiner Forschungsinstitute ist längst nicht ausgeschöpft. „Die gute Nachricht ist, dass man hier nicht von null anfangen muss. Es gibt versteckte Aktivposten in Griechenland, die nur besser genutzt werden müssen“, sagt Kritikos. Allerdings ist die potentiell gute Nachricht mit vielen nicht nur potentiell schlechten gekoppelt. Um als industrienaher Wissenschaftsstandort an Bedeutung zu gewinnen, müsste Athen deutlich mehr Geld für Forschung und Entwicklung ausgeben. Derzeit macht das entsprechende Budget weniger als 0,7 Prozent der griechischen Jahreswirtschaftsleistung aus, was zu den schlechtesten Werten in der EU gehört. Deutschland gab zuletzt knapp 2,85 Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Forschung und Entwicklung aus. Auch die beiden anderen südlichen Problemländer Spanien (1,33 Prozent) und Portugal (1,5 Prozent) lagen deutlich über dem griechischen Wert. Der wird in der EU nur von wenigen Ländern, darunter von Griechenlands balkanischen Nachbarn Bulgarien und Rumänien, noch unterboten.

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