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Flugzeugabschuss : Kampf um die Wahrheit

Niederländische Forensiker und OSZE-Mitarbeiter an den Kühlwaggons, in denen die Todesopfer des Absturzes liegen Bild: Yulia Serdyukova

Niederländische Fachleute nehmen in der Ostukraine die Opfer des Flugzeugabschusses in Augenschein. Die Leute in der Gegend wollen von Schuld der Separatisten nichts hören. Sie glauben abstrusen Gerüchten und dem russischen Fernsehen.

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          Einen Augenblick ist es still, nur noch das Rattern der Lok ist zu hören. Sie stellt den Motor nicht ab, weil sonst in der Hitze die Kühlanlage ausfallen würde. Die beiden Niederländer stehen unbewegt vor der dunklen Tür, sekundenlang, die Köpfe gesenkt. Man sieht nur ihre Rücken. Beten sie? Oder blicken sie nur an sich hinunter, um die Ausrüstung zu prüfen, die Handschuhe, die Taschenlampe? Aus den metallgrauen Wagen am ersten Gleis des Bahnhofs von Tores, hinten im Grubenrevier Donbass im Osten der Ukraine, strömt ein Schwall kalter Luft. Die bewaffneten Rebellenkämpfer mit ihren Armeetätowierungen und ihren Sonnenbrillen heben die Hände zur Nase, die Beobachter der OSZE in ihren Schutzwesten haben sich Minzöl unter die Nase geträufelt, so sind sie unter den Gesichtsmasken vor dem Leichengeruch geschützt.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Die beiden Männer erwachen aus ihrer Starre, geben sich einen Ruck, schwingen sich vom Bahnsteig in den Kühlwagen. Die Niederlande haben beim Absturz von Malaysia Airlines MH17 am Donnerstag mehr Bürger verloren als jedes andere Land. Jetzt sind die ersten Fachleute in der Ostukraine eingetroffen, um die Leichname und die Trümmer des Flugzeugs zu untersuchen. Schwerbewaffnete Rebellen begleiten sie, mit Schäferhunden, Maschinengewehren, Panzerfäusten, Sonnenbrillen, in der gleißenden Sommersonne. Die Tattoos auf den Oberarmen künden vom Ruhm der sowjetischen Pazifikflotte oder der Rockband AC/DC. Es ist auf den ersten Blick nicht klar, ob sie da sind, um die Niederländer und die OSZE-Beobachter zu beschützen oder bei ihrer Arbeit zu behindern. Jedenfalls geben sie permanent Kommandos: Hier lang. Da lang. Stopp.

          Die Leichen liegen kreuz und quer

          Im Dunkel des Wagens zeichnen sich schwarze Gegenstände ab, formlose Säcke, unordentlich hingeworfen auf einem Metallrost am Boden, übereinander, nebeneinander. Die Niederländer beugen sich über einen Sack, eine Hand wird kurz sichtbar, zur Faust geballt, wächsern, dann verschwindet sie wieder. Ein Wagen nach dem anderen wird inspiziert, dann verschließen die Männer ihn wieder.

          Später sagt der Sprecher der Niederländer, Pieter van Vliet, die Lagerungsbedingungen der Toten seien „gut“. Er erläutert das nicht weiter. Die Leichen liegen kreuz und quer. Aber anscheinend kommt es hier auf die Kühlung an, und die funktioniert. Ein Sprecher der OSZE ergreift noch kurz das Wort: „Wir werden die Wagen jetzt versiegeln.“ Und was geschieht mit den Toten? „Auf diese Frage gibt es keine Antwort“ lautet die Antwort.

          „Wir sollen Terroristen sein?“: erschöpfte Minenarbeiter, die bei der Suche nach Leichen eingesetzt wurden Bilderstrecke

          Es ist am Montag zunächst noch nicht klar, was mit den Menschen geschehen wird, die hier nach ihrem gewaltsamen Tod noch keine Ruhe finden. Die Bewaffneten mit ihren Kalaschnikows machen es sehr deutlich: Wenn hier einer das Sagen hat, dann sind es die Aufständischen, und die werden von der Ukraine und von den Vereinigten Staaten beschuldigt, am Tod der 298 Menschen schuld zu sein, die am Donnerstag hier in den Tod gestürzt sind. Sie bestreiten das vehement, und welche „Wahrheit“ sich zuletzt durchsetzen wird, wird davon abhängen, wer die Beweise in der Hand hat: die Trümmer des Flugzeugs, die Überreste der Flugabwehrrakete, die es vermutlich zerfetzt hat, und vor allem die Toten.

          Ihre Körper, ihre möglichen Verbrennungen, der Zustand ihrer mutmaßlich von der Explosion zerfetzten Trommelfelle, könnten darauf hinweisen, wer die Schuld an ihrem Tode trägt. Wer das alles hat, kann seine Wahrheit diktieren. Noch nach ihrem Tode sind diese Toten deshalb Geiseln. Nach Auskunft der ukrainischen Regierung wurden 282 Leichen gefunden, 251 befinden sich inzwischen in den Kühlwagen – und 66 Körperteile. Am Abend fährt der Zug los. Sein Ziel ist angeblich Charkiw. Eine Stadt unter Kontrolle der ukrainischen Regierung.

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