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Flüchtlingsdrama in Österreich : Vier mutmaßliche Schlepper in Untersuchungshaft

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In der ungarischen Stadt Kecskemet werden die mutmaßlichen Schlepper ins Gericht geführt. Bild: dpa

Vier mutmaßliche Schlepper, die für den Tod von 71 Flüchtlingen in einem Laster nahe Wien verantwortlich gemacht werden, sitzen in Ungarn in U-Haft. Die österreichische Polizei hat nun einen weiteren Laster mit 26 Flüchtlingen gestoppt.

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          Nach der Flüchtlingstragödie in Österreich mit 71 Toten hat die Polizei in dem Land einen weiteren Lastwagen mit 26 Flüchtlingen an Bord aufgespürt. Nach Angaben vom Samstag befanden sich in dem am Freitagmorgen entdeckten Fahrzeug auch drei Kleinkinder mit deutlichen Anzeichen von Wassermangel. Sie seien ins Krankenhaus eingeliefert worden, erklärte die Polizei. Ihr Gesundheitszustand sei bei ihrer Entdeckung sehr schlecht gewesen. Den Angaben zufolge lieferte sich der rumänische Fahrer des Lastwagens nahe Braunau am Inn im Westen Österreichs einer Verfolgungsjagd mit der Polizei. Er wurde festgenommen. Die Flüchtlinge stammen demnach aus Syrien, Bangladesch und Afghanistan. Als Ziel ihrer Reise hätten sie Deutschland genannt.

          Am Donnerstag war in einer Pannenbucht an der Autobahn 4 im Burgenland ein Kühllastwagen mit ungarischem Kennzeichen und dem Logo eines slowakischen Geflügelhändlers entdeckt worden. In dem Fahrzeug wurden 71 Leichen gefunden. Die Ermittler gehen davon aus, dass es sich um Bürgerkriegsflüchtlinge aus Syrien handelt. Am Freitag wurden nahe der ungarischen Grenze zu Serbien vier mutmaßliche Schlepper gefasst, die an der Tragödie maßgeblich beteiligt gewesen sein sollen. Das Kreisgericht der südungarischen Stadt Kecskemet ordnete für die drei Bulgaren im Alter von 29, 30 und 50 Jahren sowie einen Afghanen im Alter von 28 Jahren Untersuchungshaft an, wie Gerichtspräsident Ferenc Biscskei auf einer Pressekonferenz sagte.

          Bicskei widersprach der Darstellung des burgenländischen Landespolizeichefs Hans Peter Doskozil, wonach auch der Halter des Lastwagens unter den Verhafteten sei. Die vier Verdächtigen hätten über den Lastwagen verfügt und ihn benutzt, aber keiner von ihnen sei der Halter gewesen, sagte Bisckei. Nähere Angaben wollte er unter Berufung auf die laufenden Ermittlungen nicht machen. Die ungarische Staatsanwaltschaft wirft den vier Inhaftierten gewerbsmäßigen Menschenschmuggel und Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung vor. Das Kreisgericht gab dem Antrag auf Untersuchungshaft statt, weil es Flucht-, Verdunkelungs- und Wiederholungsgefahr gegeben sah. Die Verdächtigen legten Berufung gegen ihre Verhaftung ein. Sie bestritten die Anschuldigungen, sagte Bicskei.

          UN-Generalsekretär Ban will Sondertreffen für Flüchtlinge

          Der Kühllastwagen mit ungarischem Kennzeichen und dem Logo eines slowakischen Geflügelhändlers war am Donnerstag in einer Pannenbucht an der Autobahn 4 im Burgenland entdeckt worden. In dem Fahrzeug wurden 71 Leichen von Kindern, Frauen und Männern gefunden. Die Ermittler gehen davon aus, dass es sich um Bürgerkriegsflüchtlinge aus Syrien handelt. Die vier festgenommenen Männer sind nach Einschätzung der Polizei Handlanger eines bulgarisch-ungarischen Schlepperrings. Die Staatsanwaltschaft im österreichischen Burgenland kündigte an, sie werde voraussichtlich eine Auslieferung der Verdächtigen beantragen. In Österreich könnte ihnen dann wegen Mordes der Prozess gemacht werden.

          UN-Generalsekretär Ban äußerte sich „entsetzt und tieftraurig“ über den Tod der Flüchtlinge. Angesichts dieser Tragödie und eines neuerlichen Bootsunglücks im Mittelmeer forderte er die betroffenen Staaten auf, mehr für den Schutz der Flüchtlinge zu tun und „mit Menschlichkeit, Mitgefühl und im Einklang mit ihren internationalen Verpflichtungen“ zu handeln. Den Flüchtlingen müssten unter anderem „sichere und legale Wege“ der Einwanderung ermöglicht werden. Ban kündigte für den 30. September ein Sondertreffen zum Thema Flüchtlinge während der jährlichen Generaldebatte der UN-Vollversammlung in New York an. „Es ist eine Krise der Solidarität, nicht eine Krise der Zahlen“, teilte der UN-Generalsekretär mit.

          Die sogenannte Balkanroute, die auch über Ungarn und Österreich führt, steht derzeit im Fokus der Flüchtlingsdebatte. Im Norden Griechenlands passierten am Samstag erneut zahlreiche Flüchtlinge die Grenze zu Mazedonien, um ihre Reise nach Nordeuropa fortzusetzen. Etwa 1500 Grenzübertritte pro Tag würden derzeit registriert, sagte eine Sprecherin des UN-Flüchtlingshilfswerks (UNHCR). Weiterhin versuchen auch täglich hunderte Menschen, über das Mittelmeer von Afrika nach Europa zu gelangen.

          Am Donnerstag war vor der libyschen Küste erneut ein Flüchtlingsboot gekentert. Bis zum Samstag seien 111 Leichen geborgen worden, sagte ein Sprecher der Hilfsorganisation Roter Halbmond der Nachrichtenagentur AFP. Es würden noch dutzende Menschen vermisst. Die Zahl der Geretteten lag unverändert bei 198. Das Schiff war vor der Hafenstadt Suwara rund 160 Kilometer westlich der Hauptstadt Tripolis gesunken. Wie die Rettungskräfte unter Berufung auf Überlebende mitteilten, waren etwa 400 Flüchtlinge aus afrikanischen Ländern an Bord gewesen. Nach jüngsten Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerks nahmen seit Beginn des Jahres bereits mehr als 300.000 Flüchtlinge den lebensgefährlichen Weg über das Mittelmeer. Etwa 2500 Menschen kamen dabei ums Leben.

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