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Flüchtlingsdrama im Mittelmeer : Eine erwartbare Katastrophe

  • -Aktualisiert am

Bilder der Küstenwache vom Sonntag zeigen den zu spät angelaufenen Rettungseinsatz im Mittelmeer. Bild: AFP

Das Flüchtlingsunglück im Mittelmeer kann niemanden überraschen. Italien fordert lange schon Hilfe – und bittet sogar Amerikas Präsidenten um Unterstützung bei der Stabilisierung Libyens. Doch Obama winkt ab.

          Wieder waren die italienischen Seenotretter nicht rechtzeitig an der Unfallstelle, wieder ertranken Menschen, die ein neues Leben in Europa suchten. Mit vermuteten 700 Toten könnte das Unglück aus der Nacht zum Sonntag die bisher größte Tragödien dieser Art im Mittelmeer sein. Die italienische Küstenwache – und die kleine Bruderorganisation von Malta – waren überfordert und konnten auch nicht genügend Handelsschiffe oder Fischkutter alarmieren, um den SOS-Rufen rechtzeitig zu folgen.

          Seit Monaten bittet Rom um mehr Unterstützung von den EU-Partnerländern zur Rettung der Migranten, die über Libyen auf oft überladenen Schiffen kommen. Die monatlich drei Millionen EU-Euro Unterstützung reichten nicht, wiederholt Außenminister Paolo Gentiloni. Während der italienischen EU-Ratspräsidentschaft 2014 hatte Regierungschef Matteo Renzi das Thema ganz oben auf der EU-Agenda anzusiedeln versucht. Doch mittlerweile heißt es in Rom, zwischen Helsinki, Berlin und Paris denke jedes Kabinett nur an seine rechtspopulistische Opposition.

          Der Papst kämpft mit Tränen

          Mit dieser hat auch Italien zu tun; aber bisher gelingt es der Lega Nord unter ihrem jungen Führer Matteo Salvini nicht, mit ihrem Klamauk gegen Migranten bei der Nation größeren Eindruck zu schinden. In einem Radio-Kommentar hieß es dazu am Sonntag, dafür sei Italien wohl zu katholisch, und so stagniert die Zustimmung für die Lega bei derzeit etwa 12 Prozent. Stattdessen reagieren viele Italiener mit Entsetzen und Trauer auch im Internet auf die neue Tragödie. „Das kann man nicht ertragen“, schrieb eine Frau. Schon letzte Woche beschloss das Abgeordnetenhaus, den 3. Oktober als Tag für die Opfer von 2013 zu begehen. Damals ertranken 368 Menschen – inzwischen gibt es weitere Katastrophen, an die erinnert werden muss.

          Italien hört dieser Tage auf Papst Franziskus. Der sprach am Sonntag auf dem Petersplatz mit Tränen in den Augen von seinem „tiefen Schmerz“ und versicherte, für die Opfer und ihre Angehörigen zu beten. Wie schon im Juli 2013, als er erstmals seit seiner Wahl Rom verlassen und Lampedusa besucht hatte, um Flüchtlinge zu treffen, erinnerte er auch jetzt daran, dass es sich bei den Migranten um „Männer und Frauen wie wir“ handelt, um „unsere Brüder, die ein besseres Leben suchen, hungrig, verfolgt, verletzt, erschöpft, Opfer von Kriegen“. Neuerlich forderte der Papst „sorgenvoll“ die internationale Gemeinschaft dazu auf, „entschlossen und schnell“ zu handeln, „damit sich ähnliche Tragödien nicht wiederholen.“

          Am Samstag hatte der Papst dem italienischen Staatspräsidenten Sergio Mattarella anlässlich dessen Antrittsbesuches ausdrücklich für Italiens Einsatz bei der Rettung der Flüchtlinge gedankt. „Wir dürfen dabei niemals müde werden“, sagte er dem Präsidenten. Mattarella stammt anders als sein Vorgänger, der frühere Kommunist Giorgio Napolitano, aus der christsozialen Bewegung. Das gilt genauso für Ministerpräsident Renzi, der sich ebenfalls bemüht, sonntags zur Messe zu gehen. An diesem Wochenende kehrte der Regierungschef von einem Besuch im Weißen Haus zurück, wo ihm auch Präsident Obama für Italiens Einsatz dankte. Renzi wollte freilich mehr: Er hatte für den Einsatz von Drohnen im libyschen Bürgerkrieg geworben, um stabile Verhältnisse herzustellen. Doch Obama winkte ab. Seit der Ermordung des amerikanischen Botschafters Christopher Stevens im September 2012 in Benghasi agiert Washington vorsichtig.

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