https://www.faz.net/-gq5-861mh

Flüchtlinge in Ungarn : Über die grüne Grenze

Eiserner Vorhang 2015: Grenzbefestigung zwischen Ungarn und Serbien Bild: Stephan Löwenstein

Alle Wege führen über Szeged - die ungarische Stadt an der Grenze zu Serbien ist zu einem Zentrum der Wanderung nach Europa geworden. Gegen den Flüchtlingsstrom baut die Regierung einen Zaun. Wird er etwas ändern? Ein Besuch im Süden Ungarns.

          9 Min.

          Zum Grenzzaun? Das ist ganz einfach. Am nächsten Kreisel links, dann in Richtung Waldschule. Sechs Kilometer geradeaus, und wenn Sie Armeefahrzeuge sehen, dann sind Sie richtig. Fahren Sie einfach hinterher. Die freundliche Polizistin an der Station Mórahalom bleibt bei dieser hilfreichen Anweisung ganz sachlich, und doch drängt sich der Eindruck auf, als schwinge in ihrem Lächeln ein ironischer Zug mit. Gilt das dem Ausländer, dem wie angekündigt bald ein Armeelaster entgegenkommt, der sich selbst aber bald auf einer immer weicher werdenden Sandpiste wiederfindet, in der das Zivilfahrzeug stecken zu bleiben droht? Oder gilt es dem Zaun, der neuen Attraktion des unscheinbaren, aber keineswegs ärmlich wirkenden Dorfes ganz im Süden Ungarns, an der Grenze zu Serbien?

          Stephan Löwenstein

          Politischer Korrespondent für Österreich und angrenzende Länder mit Sitz in Wien.

          Ein bisschen unwirklich steht er da, auf einer sandigen Schneise durch ein Wäldchen. 150 Meter eines besseren Maschendrahts, drei Meter hoch, gekrönt von einer Rolle Nato-Draht. Das ist jener Sperrdraht, der nicht mit Stacheln bewehrt ist, sondern mit auf ersten Blick weniger gefährlich aussehenden, aber hässlich scharfen Kanten. Zwei bullige Polizisten halten Wache, kein Vergnügen bei annähernd 40 Grad. Sie rufen einen Ranghöheren herbei, der aus dem Unterholz kommt, ein schwingendes Lederkoppel um die Schultern. Nach etwas Zureden erlaubt er, den Zaun auch aus der Nähe zu betrachten; höflich bittet er, selbst nicht abgelichtet zu werden. Und Vorsicht, bloß nicht anfassen, der Zaun steht unter Spannung!

          Gegen die Flut

          Wer jetzt an Steve McQueens spektakuläre Flucht aus dem mit tödlichem Elektrozaun eingefassten Nazi-Kriegsgefangenenlager im Film „Gesprengte Ketten“ denkt, liegt aber falsch. Gemeint ist die mechanische Spannung auf dem Draht. Der höfliche Polizist denkt klugerweise daran, was für Wellen es schlagen würde, wenn einer der unzähligen Reporter, die dieser Tage hier auftauchen, sich ernsthaft verletzen würde. Auch er erweckt den Eindruck, als habe er angesichts der Berichterstattung eine etwas eindrucksvollere Anlage erwartet, bis er den Zaun dann erstmals zu Gesicht bekommen hat.

          Mit diesem Stückchen Zaun, zu Demonstrationszwecken in vier verschiedenen Bauweisen errichtet, ist klar geworden, was die ungarische Regierung seit Wochen angekündigt hat. Sie will mit einer „physischen Sperre“ auf den beispiellosen Strom an Menschen reagieren, der seit Jahresbeginn ins Land geflutet ist – oder besser, gesickert, denn die Leute kommen von Serbien aus an vielen Stellen über die „grüne Grenze“ und vereinigen sich erst in Ungarn zu diesem Strom.

          Neue App Der TAG jetzt auch auf Android
          Neue App Der TAG jetzt auch auf Android

          Das neue Angebot für den klugen Überblick: Die wichtigsten Nachrichten und Kommentare der letzten 24 Stunden – aus der Redaktion der F.A.Z. – bereits über 100.000 mal heruntergeladen.

          Mehr erfahren

          Bis 2012 war Ungarn es gewohnt, dass etwa 2000 Menschen pro Jahr illegal die Grenze überqueren, um in Europa – und zwar im Europa nördlich und westlich von Ungarn – Zuflucht oder ihr Glück zu suchen. 2013 sprang die Zahl über 10.000, 2014 waren es schon 43.000. In diesem Jahr sind es allein bis jetzt schon wieder doppelt so viele, und es scheinen von Woche zu Woche mehr zu werden. Zuletzt hat die Regierung in Budapest davon gesprochen, es könnten bis Jahresende 300.000 werden. Wie viel davon seriöse Schätzung ist und wie viel Dramatisierung, wie die Gegner der national-konservativen Regierung Ministerpräsident Viktor Orbáns argwöhnen, ist schwer zu sagen. Längst ist das Thema ein Ball im innenpolitischen Spiel geworden. Aber dass der Anstieg enorm ist und die Verwaltung eines Landes, das achtmal kleiner ist als Deutschland, bis zur Überforderung anspannen muss, liegt auf der Hand.

          Weitere Themen

          Die Hauptstadt wendet sich gegen Orbán

          Kommunalwahlen in Ungarn : Die Hauptstadt wendet sich gegen Orbán

          Die Fidesz-Partei des Ministerpräsidenten erleidet empfindliche Niederlagen in Budapest und anderen wichtigen Städten. Das hat mit Skandalen und Korruptionsvorwürfen zu tun, aber auch mit einer Kooperationsstrategie der Opposition von links bis ganz rechts.

          Topmeldungen

          Von der Türkei unterstützte Kämpfer am Montag in Ras al-Ain

          Türkische Offensive in Syrien : Harte Gefechte um Grenzstadt

          Nach schweren Kämpfen sollen Kurden nach Angaben von Aktivisten türkische Truppen aus der wichtigen Grenzstadt Ras al-Ain vertrieben haben. Andere Quellen sprechen von anhaltenden Gefechten.

          Krankhaftes Sexualverhalten : Wenn die Lust zur Qual wird

          Ähnlich wie Drogen- und Spielsüchtige sind auch Sexbesessene darauf aus, sich stets neue „Kicks“ zu verschaffen. Vielen Patienten könne eine Verhaltenstherapie helfen, sagen Forscher. Jedoch hilft nicht jeder Lösungsansatz.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.