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Flüchtlinge in Nordfrankreich : Letzte Station Neuer Dschungel

Ein französischer Polizist in Calais versucht Flüchtlinge daran zu hindern, auf einen Lastwagen nach Großbritannien zu gelangen. Bild: AFP

Auf dem Weg nach Großbritannien stranden Flüchtlinge oft im französischen Calais. Dort fordern Politiker Hilfe aus London ein. Zur Not will man es auf eine diplomatische Krise ankommen lassen.

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          Über dem hohen Uhrenturm des Rathauses von Calais kreisen Möwen, aus der Ferne ertönt ein Schiffshorn. „Nur 30 Minuten bis England“ steht auf den Werbeplakaten an der Bummelbahn, die mit ein paar Touristen in ihren Wagen zur Stadtbesichtigung vorbeizuckelt. Calais liegt an der engsten Stelle des Ärmelkanals und versteht sich seit jeher als Brückenkopf zwischen dem europäischen Festland und Großbritannien. „Diese Lage ist unsere Chance, aber manchmal frage ich mich, ob sie nicht auch unser Verhängnis ist“, sagt Emmanuel Agius, der im Rathaus die Bürgermeisterin vertritt. Der schmucke Rathausbau aus rotem Backstein, der als Weltkulturerbe durch die Unesco geschützt ist, erinnert an bessere Zeiten. Seit Jahren sieht sich die Stadtverwaltung mit dem Zustrom von Flüchtlingen aus allen Krisenregionen der Welt konfrontiert, die sich in Großbritannien eine bessere Zukunft erhoffen. Calais ist für sie die letzte Grenze, kein Ort zum Bleiben.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Mehr als 3000 Männer, aber auch Frauen und Kinder aus dem Sudan, aus Eritrea, aus Syrien oder Afghanistan sind derzeit in der Hafenstadt gestrandet. „So viele wie nie zuvor“, sagt Agius. „Für uns ist das eine Herausforderung, der wir nicht gewachsen sind. Wir sind eine arme Stadt“, sagt der stellvertretende Bürgermeister und rückt die randlose Brille zurecht. Calais zählt 70 000 Einwohner, die Arbeitslosenquote liegt mit 17 Prozent weit über dem Landesdurchschnitt. Bald schon drohen weitere 600 Arbeitsplätze verlorenzugehen, weil die Fähren im Besitz der Eurotunnel-Gesellschaft verkauft werden sollen. Deshalb ist der Hafenbetrieb in den vergangenen Wochen immer wieder von streikenden Arbeitern lahmgelegt worden. Auch die Chemiefabrik Tioxide mit 350 Beschäftigten wird demnächst geschlossen.

          „Sind wir noch in Frankreich?“

          Agius ist zornig auf die eigene Regierung, aber noch mehr auf die britische, die sich nicht darum schere, wie die Stadt mit den Flüchtlingen zurechtkomme. Es mangele an allem: an Flüchtlingsheimen und sanitären Einrichtungen, an Polizisten und Hilfspersonal für die Migranten. In den Besuchertoiletten des Rathauses hängen über den Waschbecken Schilder auf Französisch und Englisch: „Nur zum Händewaschen. Keine öffentliche Reinigungsanstalt!“ Bürgermeisterin Natacha Bouchart (Die Republikaner) ist wieder einmal in Paris, um bei der Regierung Alarm zu schlagen.

          „Der neue Dschungel“: Ein Teil der selbsorganisierten Flüchtlingsunterkünfte in Calais. Bilderstrecke

          Sieben Kilometer vor Calais, auf dem Gelände einer ehemaligen städtischen Mülldeponie zwischen Dünen und Hafen hausen etwa 3000 Flüchtlinge unter schlimmsten Bedingungen. Es gibt nur 30 Wasserstellen und 20 Toiletten für all diese Menschen. „Neuer Dschungel“ haben die Hilfsorganisationen das Lager aus Zelten und Behelfshütten getauft. „Noch nicht einmal die Normen der Vereinten Nationen werden respektiert“, beklagen die Hilfsorganisationen „Médecins du Monde“, „Solidarités International“, „Secours Catholique“ und „Secours Islamique“ in einem gemeinsamen Aufruf. Die Lebensbedingungen im „neuen Dschungel“ seien schlimmer als in vielen Kriegs- und Katastrophengebieten. „Sind wir noch in Frankreich?“, heißt es im Aufruf.

          Die Forderung der Bürgermeisterin nach menschenwürdigen Unterkünften auch für die Nacht hat die Regierung bislang ausgeschlagen, berichtet Agius. „Es sollen keine Anreize für weitere Migranten geschaffen werden“, seufzt er. Immerhin hat die Stadt ein ehemaliges Freizeitzentrum für Kinder, das Centre Jules Ferry, in ein Tageszentrum für Flüchtlinge umgewandelt. Seit Januar organisiert die staatliche Organisation „La Vie Active“ hier die Essensausgabe. Die Planungen hatten ursprünglich maximal 1500 Mahlzeiten vorgesehen. Jetzt müssen doppelt so viele Nahrungsrationen organisiert werden. In der Nacht jedoch sind die Flüchtlinge weiter sich selbst überlassen. Immer häufiger kommt es zu Streitigkeiten und teils handgreiflichen Auseinandersetzungen, berichtet Agius. Wiederholt musste die Polizei eingreifen.

          Der Weg zum Centre Jules Ferry heißt vielsagend „Chemin des Dunes“ und schlängelt sich durch die Dünenlandschaft bis zum Meer. Hier liegt das Haus von Joel Lebrun und seiner Frau. „Ein kleines Paradies war das hier“, sagt Lebrun. Der Rentner ist zornig darüber, dass die Stadt ausgerechnet in seiner Nachbarschaft die Tagesbetreuung der Flüchtlinge organisiert. „Wir fühlen uns nicht mehr in Sicherheit“, sagt er. Zwanzig Jahre lang sei er jeden Morgen mit seinem Hund spazieren gegangen, und plötzlich sei ihm das zu gefährlich. Außerdem sei es niederschmetternd, so viel Elend um sich herum zu sehen. Der stellvertretende Bürgermeister hat einen Erdwall als Sichtschutz am Chemin des Dunes aufschütten lassen.

          Agius rühmt sich, dass es in der Innenstadt von Calais keine Schwierigkeiten mehr mit den Flüchtlingen gebe. Die besetzten Häuser, Kirchen und andere Notunterkünfte, in denen sie sich niedergelassen hatten, sind inzwischen alle geräumt. „Mich haben sie nie gestört. Bei mir sind alle willkommen“, sagt der Besitzer des Cafés La Timbale in der Rue Royale. „Aber es sind tatsächlich weniger Migranten in der Innenstadt unterwegs.“

          Die gleichen Fehler wie früher

          „Das Problem wurde vom Zentrum in die Peripherie verschoben“, sagt Christian Salomé, der für den Verein „L’Auberge des migrants“ arbeitet und Flüchtlingen hilft. Er findet es schlimm, dass alle Migranten im „neuen Dschungel“ zusammengepfercht wurden. Die Spannungen und Gewaltausbrüche unter den Ethnien seien die logische Folge dieser Politik. „Es wird immer mehr Sicherheitsprobleme geben“, warnt er.

          Philippe Wannesson sagt, die Regierung sei dabei, frühere Fehler zu wiederholen. 1999 hatte der damalige Premierminister Lionel Jospin ein Auffanglager für Flüchtlinge in Sangatte unweit von Calais einrichten lassen. 2002 wurde es geschlossen, weil die Sicherheitslage außer Kontrolle geraten war. Schlepperbanden kontrollierten das Lager. Doch das Ende von Sangatte bedeutete nicht das Ende der Flüchtlingsströme. Seit mehreren Jahren ist Wannesson so etwas wie der Chronist der Migrantenbewegung in Calais. Sein Internetblog „Passeurs d’hospitalités“ (übersetzt etwa: Boten der Gastfreundschaft) dokumentiert das Leben der Menschen, die in Calais stranden.

          Wannesson sagt, es sei ein großes Missverständnis zu glauben, dass die Ärmsten der Armen es nach Europa schafften. In Calais habe er viele gut ausgebildete Männer angetroffen, Ingenieure, Ärzte oder Geisteswissenschaftler, die aufgrund der aussichtslosen wirtschaftlichen und politischen Situation ihre Heimat verließen. Wannesson erzählt von einem Sudanesen, den er im Lager besser kennenlernte. Elf Jahre arbeitete der Mann in Libyen und hätte nie im Leben daran gedacht, nach Europa zu kommen, sagt Wannesson. Doch dann wurde der libysche Diktator Muhammad Gaddafi gestürzt, so hatten es der französische Präsident und der britische Premierminister gewollt, als sie ihre Militäroperation begannen.

          Im Chaos nach dem Regimewechsel verlor der Sudanese seinen Job, er wurde bedroht, weil er Schwarzafrikaner war. Er hatte noch das Geld für einen Schlepper, der ihm ein Boot für die Mittelmeerüberquerung organisierte. Seine vorerst letzte Station heiße Calais. Wannesson sagt, sie hätten hier an der französischen Ärmelkanalküste direkt zu spüren bekommen, dass die Grenzkontrollen in Libyen, aber auch in Tunesien nicht mehr richtig funktionieren. Seit Herbst 2013 sei die Zahl der Flüchtlinge beständig gewachsen. Wannesson glaubt, dass die Einstellung in Calais gegenüber den Migranten dennoch freundlicher bleibt als anderswo. „Die meisten Familien in Calais haben selbst Erfahrungen mit Flucht und Vertreibung“, sagt der Mann mit dem blonden Seemannsbart.

          Deutsche Truppen hatten die Stadt nach tagelanger Belagerung im Mai 1940 erobert. Viele Bewohner flüchteten vor den deutschen Besatzern, später vor den Bombenangriffen der alliierten Befreier. Drei Viertel der Stadt wurden zerstört. Der Bürgermeister der Kriegsjahre, Georges François, bot sich zum Ende des Krieges dem deutschen Festungskommandanten als Geisel an, um die vollständige Zerstörung der Hafenstadt zu verhindern. Dafür hatte er ein Vorbild: Les citoyens de Calais. Vor dem Rathaus steht bis heute die berühmte Figurengruppe, die der Bildhauer Auguste Rodin geschaffen hat. Sechs Bürger boten dem englischen König Edward III. bei der Belagerung Mitte des 14. Jahrhunderts den Schlüssel zur Stadt und ihr eigenes Leben an, damit er Calais verschone. Edward ließ die Bürger leben, aber vertrieb sie.

          Flüchtlinge demonstrieren für Asyl in Großbritannien

          Jetzt sind es Vertriebene aus Syrien, die auf dem Place d’Armes für ihre Rechte kämpfen, gleich bei den Statuen von Charles de Gaulle und seiner Frau Yvonne. Der spätere Begründer der V. Republik hatte in Calais seine Frau Yvonne geheiratet, die in der Hafenstadt aufgewachsen war.

          Mit dem General verbinden die syrischen Flüchtlinge nichts. Sie harren auf dem Platz aus, weil sie das Recht einklagen, direkt in Großbritannien einen Asylantrag stellen zu dürfen. „Wir wollen unser Schicksal nicht in die Hände von Schleppern legen“, steht auf ihren Plakaten. Doch weder in Paris noch in London wurde auf ihren Protest reagiert. Die Bürgermeisterin von Calais ließ wiederholt Polizei gegen die etwa 50 Syrer ausrücken. Seit Juli 2014 haben die Ordnungskräfte in der Hafenstadt Anweisung, alle nicht genehmigten Versammlungen zu zerstreuen. Damals hielten sich etwa 500 Flüchtlinge in Calais auf. Frankreich hat laut Eurostat im vergangenen Jahr 1980 Asylbewerber aus Syrien aufgenommen, Großbritannien 1425 und Deutschland 23 860. „Frankreich nennt sich die Wiege der Menschenrechte, aber wird seinem eigenen Ideal nicht gerecht“, sagt Wannesson.

          Frankreich hat sich über bilaterale Verträge mit Großbritannien verpflichtet, keine Migranten durch den Eurotunnel und über die Seegrenze zu lassen. Mit Hunden, Herzschlagdetektoren, Atemluftscannern und Röntgengeräten für die Lastwagen spüren Grenzschützer nach möglichen blinden Passagieren. Hohe Stacheldrahtzäune schützen das Hafengelände und den Eingang zum Eurotunnel. In ihrer Verzweiflung haben kürzlich mehr als 150 Migranten den Eingang zum Eurotunnel zu stürmen versucht. Der Eurostar-Zugverkehr musste mehrere Stunden unterbrochen werden.

          Die staatliche Kommission für Menschenrechte in Paris hat jetzt nach einer Inspektionsreise in Calais empfohlen, die Abkommen mit Großbritannien aufzukündigen. Die Situation der Migranten sei „extrem schockierend“. Die Verpflichtung, Migranten auf dem französischen Staatsgebiet festzuhalten, führe zudem zu hohen Kosten. Frankreich dürfe sich nicht länger als „polizeilicher Arm“ der restriktiven britischen Einwanderungspolitik missbrauchen lassen. Bürgermeisterin Natacha Bouchart sagt nichts anderes. Die Regierung in London stehe in der Pflicht. Premierminister David Cameron hatte die Situation in Calais im Unterhaus als „völlig unakzeptabel“ bezeichnet. Die Bürgermeisterin hingegen will finanzielle Hilfen aus London und eine gerechtere Lastenteilung. „Wir sollten es ruhig auf eine diplomatische Krise mit London ankommen lassen“, sagt sie.

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