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Filmemacherin Lidija Mirkovic im Gespräch  : Ein Leben in Belleville

  • Aktualisiert am

Für ihre Dokumentation „Slum“ zog die in Deutschland aufgewachsene Filmemacherin Lidija Mirkovic neun Monate lang in einer Belgrader Romasiedlung. Im Interview spricht sie über ihr Leben in „Belleville“, sichtbare und unsichtbare Zigeuner.

          Frau Mirkovic, wie kamen Sie auf die Idee, in einem Roma-Slum in Belgrad zu leben?

          Ich spreche Serbisch. Mein Vater ist Serbe, meine Mutter Zigeunerin. Die Entscheidung, in einem Slum zu leben, entstand durch die Auseinandersetzung mit den vorherrschenden Ansichten über Zigeuner. Ich denke, man muss von „sichtbaren“ und „unsichtbaren“ Zigeunern sprechen. Die integrierten Zigeuner werden oft nicht mehr als solche wahrgenommen, weil sie nicht länger den Vorstellungen entsprechen, die sich die Mehrheitsgesellschaft von ihnen macht. Hinzu kommen noch die vielen Zigeuner, die sich nicht als solche zu erkennen geben wollen. Ich hatte Bekannte, die gegenüber Nicht-Zigeunern behauptet haben, sie hätten türkische Wurzeln, um damit ihre dunkle Hautfarbe zu erklären. Auch meine Mutter sagt nie, dass sie Zigeunerin sei. Sie sagte immer „wir Serben“, wenn sie über die Familie sprach. Als ich sie darauf ansprach, sagte sie: „Ich stehle nicht, ich bettle nicht und bei uns ist es sauber.“

          Was ist der wichtigste Unterschied zwischen „sichtbaren“ und „unsichtbaren“ Roma?

          Die sichtbarsten Zigeuner sind solche, die den geltenden Stereotypen zu entsprechen scheinen. Sie leben in der Regel in den Slums der großen Städte. Über diese Zigeuner wollte ich mehr erfahren.

          Wie muss man sich das vorstellen: Eines Tages standen Sie mit dem Koffer im Slum und baten um Aufnahme?

          In etwa, ja. Da es mir zunächst nicht gelungen war, einen Kameramann zu finden, wollte ich das Projekt allein machen. Das musste ich aber nach fünf Monaten aufgeben, da ich als Frau im sexuell aktiven Alter nicht ausreichend Bewegungsfreiheit im Slum hatte. Ein Beispiel: Als ich eine meiner Protagonistinnen in ihrer Baracke besuchen wollte, war nur ihr Mann zu Hause. Da ich mit ihm besprechen musste, wie und wann ich seine Frau treffen kann, war es nötig, die Baracke zu betreten. Er konnte mich jedoch nicht hineinbitten, ohne sowohl mich als auch ihn in Misskredit zu bringen, da er allein zu Hause war. Also bat er eine Nachbarin, sich zu uns zu setzen, damit wir reden konnten. Um mich in der Siedlung allzeit unbehindert bewegen zu können, brauchte ich eine männliche Begleitung. Es muss nicht der Ehemann sein, der eine Frau begleitet. Es kann auch ein anderer naher Verwandter sein.

          Der Slum, in dem Sie neun Monate lebten und drehten, wurde von seinen Bewohnern nicht ohne Sarkasmus „Belleville“ genannt. Was haben Sie in Belleville gelernt, was sich nur dort lernen lässt?

          Bevor ich in Belleville lebte, wusste ich zwar, dass die Leute im Slum vor allem durch das Sammeln von Verwertbarem aus den Müllcontainern leben, doch ich wusste nicht, dass sie sich fast ausschließlich von Essensresten ernähren. Ich habe mitgegessen.

          Keine Angst vor Krankheiten?

          Darüber habe ich nicht nachdenken wollen, weil es für mich klar war: Wenn ich dort lebe, dann lebe ich so wie diese Menschen. Das bedeutete auch, dass ich esse, was sie essen. Außerdem leben diese Menschen teilweise schon seit Jahrzehnten so – wovor sollte ich mich also ängstigen?

          Wie alt werden die Roma im Slum?

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