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Familiensynode im Vatikan : Zwei Schritte nach vorne und einen zurück

  • -Aktualisiert am

In der Synode nur Zuhörer: Papst Franziskus am Mittwoch auf dem Petersplatz im Vatikan Bild: AFP

Die Bischofssynode im Vatikan über die künftige Familienseelsorge geht am Sonntag zu Ende. Es gab Streit. Aber auch Fortschritte.

          3 Min.

          Es gab einigen Streit bei der außerordentlichen Bischofssynode über die zukünftige Familienseelsorge. Es ärgerte einige, dass andere immer wieder über die tiefe Kluft zwischen der Lehre der Kirche aus dem Evangelium und der Wirklichkeit der Menschen in einer säkularen Welt berichteten. Und darüber verlangten, dass sich die Kirche wie eine barmherzige Mutter eher über sakramentale Grenzen hinweg setzen sollte, als Menschen zu verlieren. Intensiv berieten die Chefs der Bischofskonferenzen, ausgewählte Experten und Laien zunächst im Plenum und später in kleinen Sprachzirkeln die Familienpastoral. Zum Schluss waren sie sich einig, derzeit noch nicht einig zu sein.

          Aber einig sein mussten sie sich auch gar nicht. Denn sie haben nun ein Jahr lang Zeit, um mit den Fragestellungen der an diesem Sonntag zu Ende gehenden Versammlung die nächste planmäßige Bischofssynode zur Familienseelsorge im Oktober 2015 vorzubereiten. Was dann noch strittig ist, darüber wird der Papst entscheiden.

          Papst Franziskus treibt seit Amtsantritt die Kurienreform voran und seine Priester aus ihren Pfarreien zu den Menschen hinaus. Wenn es kein Kirchenvolk mehr gebe, dann gebe es auch die Kirche nicht mehr, wurde er einmal zitiert. Im Februar ließ er ehemalige Kurienkardinal Walter Kasper, einst Leiter des Ökumene-Rats, über die Herausforderungen für eine zeitgemäße Familienpastoral referieren und würdigte später dessen „profunde Theologie“ und sein „klares Denken“. Kasper zeige, was „kniende Theologie“ für die Menschen sei.

          Schlamperei oder Demut?

          Schon damals gab es viele Gegenstimmen. Kaspers Überlegungen, etwa darüber, geschiedenen Wiederverheirateten nach Umkehr und Buße die Kommunion wieder zu ermöglichen, erschien einigen als „schlampige Theologie“, die das heilige Sakrament der Ehe breche.

          Auch bei der jüngsten Synode zeigte sich, wie stark das Thema die Geistlichen umtreibt. Allein im Plenum wurde bei gut 250 Wortmeldungen etwa vierzig Mal über die Probleme der wiederverheirateten Geschiedenen gesprochen. Die asiatischen Bischöfe beklagten die anhaltende Neigung, dass Ehen nicht von den Partnern selbst, sondern von Eltern oder anderen Vermittlern bestimmt werden. Die afrikanischen Bischöfe bezeichneten Polygamie als ihr Hauptproblem bei der Seelsorge, und die Südamerikaner beschimpften den Machismo in ihrer Gesellschaft, der den Frauen die Würde nehme. Je mehr diese Bischöfe von ihren Gläubigen sprachen, desto mehr schien die reine Lehre in den Hintergrund zu geraten.

          Zwischenbericht mit drängenden Fragen

          Am vergangenen Montag war dann der Zwischenbericht erschienen, die sogenannte „relatio post disceptationem“, die die unterschiedlichen Stimmen der ersten Woche der Synode darstellte. Viele bedrängende Punkte waren darin aufgeführt. Er befasste sich stark mit der Not der Unglücklichen, die durch Armut oder erzwungene Migration ihre Familie nicht zusammenhalten können, und mit der Diskriminierung homosexueller Partnerschaften, die die Kirche ausgrenze.

          Vor allem die afrikanischen Bischöfe stießen sich an den Äußerungen zu Homosexuellen. Osteuropäische Bischöfe wie der Pole Stanslaw Gadecki sahen das Ansehen des Heiligen Johannes Paul II. verletzt, denn der Bericht hinterlasse den Eindruck, die kirchliche Lehre sei bisher unbarmherzig gewesen. Es fehle die Vision. Gadecki fragte: „Ist das Ziel dieser Synode die pastorale Unterstützung von Familien in Schwierigkeiten“ oder gehe es nur um ein paar Spezialfälle.

          Und er beantwortete seine Frage sogleich: „Unsere Hauptaufgabe ist es, die Familie pastoral zu unterstützen, nicht aber, auf sie einzuschlagen.“ Als „inakzeptabel“ und als „Verrat an der Kirche“ bezeichnete der amerikanischen Kardinal Leo Burke den Zwischenbericht. Er sei manipuliert, und Burke erwarte, dass Papst Franziskus bald ein klärendes Wort sprechen werde.

          „Beschämend und komplett falsch“

          Der deutsche Chef der Glaubenskongregation Gerhard Kardinal Müller soll einer italienischen Zeitung nach den Bericht sogar als „beschämend und komplett falsch bezeichnet haben“. Vatikansprecher Lombardi negierte dies. Tatsächlich aber dürfte Müller derzeit nicht der glücklichste aller Kurienkardinäle sein. Immer wieder wird er mit Hinweis zitiert, dass er in seiner Position nichts anderes könne, als vor einem Bruch der Lehre und einer Aufgabe der Sakramente zu warnen. Der Papst soll ihn schon mehrfach darauf hingewiesen haben, dass seine Meinung nun bekannt sei. Früher schätzte der Papst in Müller noch den spanisch sprechenden Deutschen, den es, wie ihn selbst, zum Dienst an den Armen drängt. Mittlerweile taucht Müllers Name im Protokoll der Papstaudienzen seltener auf.

          Für einen Eklat am Rande und am Ende der Synode sorgte der Bürgermeister von Rom, Ignazio Marino: Er traute am Samstag 16 gleichgeschlechtliche Paare, obwohl dies in Italien verboten ist. Draußen demonstrierten derweil Gegner der Homosexuellen-Ehe.

          Mit Macht krempelt der Papst die Kirche um. Er will, dass seine Bischöfe sich dem Leben außerhalb des Zölibats stellen. Auch in dieser Woche machte er in seinen Frühmessen Andeutungen in diese Richtung, doch in der Synode selbst ließ er sich bis auf begrüßende Worte nicht vernehmen. Er saß stets aufmerksam zuhörend im Plenum, fehlte nur während der Generalaudienz.

          Kleine Schritte auf beiden Seiten

          Vor allem ein Begriff wurde auf dieser Synode immer wieder gehört und soll in den nächsten Monaten tiefer geklärt werden: Die Seelsorge müsse stärker dem „Gesetz der Gradualität“ folgen, hieß es häufig. Der Seelsorger könne von den Gläubigen nur eine schrittweise Annäherung an das Gute und an Gott erwarten. Aber dürfe der Priester den Gläubigen deswegen bei den Sakramenten „graduell entgegenkommen“? Die Konservativen verneinen das. Das Mitgefühl der Kirche für Menschen in schwierigen Situationen dürfe nicht dazu führen, dass die Gläubigen sich nicht mehr anstrengen müssen, nach dem Guten zu streben.

          Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Reinhard Kardinal Marx, sieht zuversichtlich in die Zukunft. Die Bischöfe würden sich „in guter Weise geistlich zusammenraufen“. Aber, es sei eben wie mit der Echternacher Springprozession in Luxemburg: Man gehe erst zwei Schritte nach vorne und dann wieder einen zurück.

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