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Eskalation in der Türkei : Aufstand der verlorenen kurdischen Jugend

Bei den Mitgliedern handle es sich überwiegend um Jugendliche ohne Perspektive, sagt der kurdische Intellektuelle Celalettin Can, der im Frühjahr einer der 63 Mitglieder der „Kommission der Weisen“ gewesen war, auf die sich der türkische Staat und die Kurden verständigt hatten, um den damals noch betriebenen Friedensprozess zu flankieren. Oft waren die Eltern dieser Jugendlichen vor zwei Jahrzehnten aus ihren kurdischen Dörfern vertrieben worden, als die Armee sie niederbrannte, oder ihre Väter waren bei Kämpfen getötet worden. Die Dörfer sind seither entleert. Eine Stadt wie Cizre wuchs seither von 40.000 auf 250.000 Einwohner. Auch in anderen Städten landeten die Vertriebenen, wo ihre Kinder unter erbärmlichen Bedingungen aufwuchsen. Sie bilden ein neues Prekariat – schlecht ausgebildet und ohne Chance auf Arbeit. Diese neue Generation ist radikaler als frühere Generationen es waren. Davor hatte der kurdische Politiker Serafettin Elci gewarnt, der 2012 im Alter von 74 Jahren verstarb. Er sagte kurz vor seinem Tod, seine Generation sei die letzte der Kurden, mit denen man habe sprechen können.

Die vermummten „Esedullah Timleri“ und die maskierten Jugendlichen der YDG-H setzten nach dem Terroranschlag des „Islamischen Staats“ (IS), bei dem am 20. Juli in der kurdischen Stadt Suruc 32 Menschen getötet wurden, eine Spirale der Gewalt in Gang, die sich immer schneller drehte. Einen neuen Schub bekam der Konflikt seit der Parlamentswahl vom 1. November. Nach dem Sieg der AKP von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan trat nicht die erwartete Entspannung ein. Erdogan erklärte diese Woche, der Kampf werde andauern, bis die Region von Terroristen gesäubert sei. Die Gewalt nütze Erdogan, sagt der kurdische Intellektuelle Celalettin Can. Denn sie führe zu den von Erdogan gewünschten Ergebnissen bei Wahlen. Als nächstes wolle Erdogan über eine neue Verfassung mit erweiterten Vollmachten für sich selbst abstimmen lassen.

Ministerpräsident Ahmet Davutoglu sagte, die Türkei werde verhindern, dass die PKK „das Feuer“ von Syrien und dem Irak in die Türkei hinein ausbreite. Der Kurde Can ist jedoch – wie viele Kenner des Kurdenkonflikts in den regierungskritischen Medien – davon überzeugt, dass sich die PKK (noch) nicht an dem aktuellen Konflikt beteiligt. Sie unterstütze wohl die Jugendlichen verbal, ihre Kämpfer seien aber weiter in den nordirakischen Kandilbergen. Jedoch waren mehrere Anschläge auf türkische Sicherheitskräfte in den vergangenen Monaten auf das Konto der PKK gegangen.

Die YDG-H sei eine autonome Gruppe unter dem Dach der PKK, die von dieser aber nicht gelenkt werde, sagt Can. Ideologisch gehöre sie zur PKK. So folgt sie deren Idee der Selbstverwaltung (Özyönetim) und fordert wie die PKK eine kurdische Autonomie innerhalb der bestehenden Grenzen. Zunächst hatte es der zentralistische türkische Staat nicht ernst genommen, als Bürgermeister und Stadträte in immer mehr Gemeinden öffentlich verlesen ließen, dass sie nun Selbstverwaltung praktizierten. Heute könne von Selbstverwaltung keine Rede mehr sein, es gehe um das nackte Überleben, sagen Kurden aus der Region.

Die HDP des kurdischen Oppositionsführers Selahattin Demirtas, die mit 59 Abgeordneten im Parlament vertreten ist, sorgt dafür, dass Informationen aus dem abgeriegelten Konfliktgebiet nach außen dringen. Die beiden Abgeordneten Ferhat Encü und Aycan Irmez sagten nach einem Besuch in Silopi, die Ausgangssperren und der Beschuss der Städte zwängen die Bewohner zur Flucht. Figen Yüksekdag, Ko-Vorsitzende der HDP, schätzt die Zahl derer, die als Folge der anhaltenden Gewalt zu Flüchtlingen gemacht worden seien, auf 200.000. Nichts ist indessen in Sicht, was diesen Konflikt wieder eindämmen könnte.

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