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Parteitag der Torys : Die Verunsicherung der Baumeister

In fester Hand: Cameron mit seiner Frau Samantha am Mittwoch in Manchester. Bild: dpa

Zum ersten Mal seit ihrem Wahlsieg treten die britischen Konservativen zusammen. Begleitet wird der Parteitag von einer Nachfolgedebatte und der Angst vor einer Spaltung in der Europa-Frage.

          A Greater Britain“ – den Kommunikationsberatern fällt immer wieder etwas Neues ein. Ist es also das noch „Größere Britannien“, das von dieser Parteitagsrede in Erinnerung bleiben soll? Oder lieber die Phrase von der „Turnaround Decade“, der „Dekade des Umschwungs“, die mit dem Namen David Cameron verbunden werden soll? Es lag viel Seifenschaum im Saal, als der britische Premierminister nach einer guten Stunde die Bühne verließ und zum Song von Fleetwood Mac „Don’t stop (thinking about tomorrow)“ durch ein Jubelspalier zum Ausgang geschoben wurde.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          David Cameron hatte viel Spaß auf diesem Parteitag. Am besten konnte man das sehen, wenn er selbst im Publikum saß. Als seine wichtigsten Mitstreiter – Schatzkanzler George Osborne, Innenministerin Theresa May und Londons Noch-Bürgermeister Boris Johnson – redeten, setzte er sich in eine hintere Reihe, wo er andächtig lauschte, manchmal belustigt, aber immer wohlwollend. Etwas Gelöstes lag auf seinem Gesicht, ein fast irritierender Genuss, so als wollte er ausdrücken: Was für erstklassige Leute habe ich mir da geholt, und wie sehr freue ich mich, dass sie sich jetzt so wacker um meine Nachfolge bemühen!

          Ein Parteitag nach beinahe zwei Jahrzehnten

          Nachfolge? Für David Cameron? Erst fünf Monate ist es her, das der britische Premierminister triumphal im Amt bestätigt wurde. Zum ersten Mal seit beinahe zwei Jahrzehnten trafen sich die Tories als alleinige Regierungspartei auf einem Parteitag. Möglich gemacht hat das David Cameron, der Chef der britischen Konservativen, den so viele in seiner ersten Amtszeit als Übergangslösung betrachtet hatten, als Mann ohne Eigenschaften. Hier in Manchester sollten sie eigentlich Buße tun und natürlich feiern: den Wahlsieg, die neue Machtfülle, die Gestaltungsmöglichkeiten in den kommenden viereinhalb Jahren. Natürlich taten die Delegierten das auch. Immer wieder standen sie auf und applaudierten, wenn Cameron die Stärken seiner Partei beschwor.

          Und doch lag eine eigentümliche Verunsicherung über dieser verregneten Herbstkonferenz. Die Partei, die im Mai so unerwartet stark abgeschnitten hat, startet nicht nur mit einer offenen Kandidatenfrage in die lange Legislaturperiode. Sie droht sich an einer zentralen politischen Frage zu spalten: Ja oder Nein zur Europäischen Union. Und sie hadert mit ihrem ideologischen Selbstverständnis, mit ihrer wirtschafts- und sozialpolitischen Verortung.

          Wann will er übergeben? Und an wen?

          Dass die Partei schon heute über die Zeit nach Cameron nachdenkt, muss sich dieser vor allem selbst zuschreiben. Mitten im Wahlkampf hatte er ohne Not angekündigt, nur noch für eine Amtsperiode zur Verfügung zu stehen. Jetzt, wo sie angebrochen ist, rückt unweigerlich die Frage näher: Wann will er übergeben? Und an wen? So wurde jeder Auftritt „der großen Drei“ zu einem kleinen Schaulauf, jede Bühne zum Laufsteg.

          Wie immer schleppte sich Boris Johnson zum Pult, als würde er ein paar spontane Worte an alte Freunde richten wollen. Alles wirkte beiläufig, die Haare geordnet wirr, manchmal kramte er nach Worten, um die Pointe um so treffsicherer zu plazieren. Natürlich ist das alles kalkuliert, professionelle Pose, was die Parteifreunde auch immer wussten, aber diesmal fiel irgendwie auf, dass zwar der eine oder andere Witz nachklang, aber kein einziger politischer Satz hängengeblieben ist.

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