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Erste Bürgermeisterin in Rom : Frucht des Zorns

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Die Anhänger der „Bewegung Fünf Sterne“ himmeln ihre Bürgermeisterin an. Bild: dpa

Virgina Raggis Wahl zur Bürgermeisterin von Rom hatte wenig mit Politik als vielmehr mit Wut zu tun. Wut auf die Eliten, die die Ewige Stadt bisher regieren. Und auch ihr Einstieg in die Politik geschah aus Zorn.

          Zum ersten Mal hat die Ewige Stadt einen weiblichen Bürgermeister, Virginia Raggi. Das an sich wäre für Rom schon ein epochales Ereignis. Hinzu kommt noch, dass die 37 Jahre alte Virginia Raggi nicht aus einer der Familien oder Parteien kommt, die Rom traditionell regieren. Die junge Anwältin für Patent- und Markenrecht ist ein „Homo novus“, ein politischer Neuling, der erst seit den Kommunalwahlen 2013 zum Stadtparlament gehört, wo sie bisher nur einmal auffiel, als sie im Mai 2015 der amtierenden Präsidentin im Plenum „vollständige Unfähigkeit“ vorwarf.

          Das erste also, was Roms Bürger von ihr wahrnahmen, ist ein hartes Urteil gewesen; und damit müssen wohl auch ihre zukünftigen Mitarbeiter im Stadtrat und in den Büros der ganz oder teilweise von Rom finanzierten Stadtwerke rechnen. Niemand solle auf ihr Äußeres hereinfallen, sagen ihre Freunde, niemand annehmen, ein Kompliment dazu könne Virginia Raggi milde stimmen. Die kontrolliert auftretende Frau ist nicht nur Anwältin, sie denkt auch in der Politik von ihren Interessen her und will alles andere sein als ein Liebling der alten Kaste, in der auf der Rechten über zwanzig Jahre der Machismo vom ehemaligen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi gepflegt wurde, auf der Linken ein Klientelnetz, das sich erst kommunistisch und dann sozialdemokratisch, aber stets elitär gab. Beide Lager verachtet Raggi und macht keine Unterschiede. Erst recht nicht bei ihrem unterlegenen sozialdemokratischen Herausforderer Roberto Giachetti, obwohl der nicht zu diesem Netz gehört.

          Es sei der Zorn über diese Kaste gewesen, die ihre „glanzvolle Stadt in einen so würdelosen Zustand“ versetzt hat, der sie in die Politik brachte, schreibt Raggi auf ihrer Website. Die Wut sei bei ihr aufgekommen, als sie nach der Geburt ihres Sohnes „den Kinderwagen im Slalom zwischen in zweiter Reihe parkenden Autos und durch verwahrloste Parks“ schieben musste. Seither setzt sie sich für ein Erziehungsprogramm ein, das Römer zu besseren Autofahrern und umweltbewussteren Parkbesuchern machen will. 2011 schloss sie sich der „Bewegung Fünf Sterne“ an und wurde mit 1764 Klicks von den 3862 römischen Mitgliedern der „Sterne“ per Online-Abstimmung ins Rennen geschickt. In Rom kannten selbst Leute der Bewegung Raggi nicht. Aber in Mailand, wo damals noch der mittlerweile gestorbene „Sterne“-Guru Gianroberto Casaleggio alle Internet-Fäden zusammenhielt, erkannte man die Kraft der „Eisernen Lady“.

          Nicht einer ihrer Sätze aus dem Wahlkampf dürfte den Bürgern Roms in Erinnerung bleiben, außer dem Widerspruch, erst gegen die Austragung der Olympischen Spiele 2024 in Rom gewesen zu sein und dann, weil viele Römer „den großen Zirkus“ wünschen, eine Abstimmung darüber anzukündigen. Aber es ging auch weder um Rom noch um Raggi: Es ging den Wählern in den meisten Vierteln jenseits der wohlhabenden Altstadt um den Zorn gegen die alte Kaste, und diesen verkörpert Virginia Raggi am besten.

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