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Einwanderer aus Italien : Die Sehnsucht nach deutsche Vita

  • -Aktualisiert am

Ab in den Flieger und nach Deutschland: Immer mehr Italiener gehen diesen Weg Bild: dpa

Immer mehr gut ausgebildete junge Italiener zieht es nach Deutschland. Sie können die Stagnation im eigenen Land nicht mehr ertragen und suchen Arbeit im Norden.

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          Nun emigriert auch Salvo Mandarà und will nach München. Seinen Namen kennen in Italien wenige, aber viele haben ihn schon im Fernsehen oder live auf den Plätzen gesehen, wo er jeden Auftritt von Beppe Grillo mit der Videokamera aus nächster Nähe für die „Bewegung 5 Sterne“ mitschneidet. Die herben Verluste der Grillini bei den Kommunalwahlen Ende Mai seien der letzte Tropfen gewesen, der das Fass zum Überlaufen brachte, sagt der 46 Jahre alte Mandarà aus Mailand. Er sei nun kampfesmüde und wolle das „Scheißland“ verlassen, in dem nur die Minderheit begreife, dass allein Grillo es retten könne. Mandarà gehört zu den Italienern, die immer zahlreicher nach Deutschland auswandern. 2012 waren es nach Angaben des Statistischen Bundesamtes etwa 30.000 und damit 40 Prozent mehr als im Vorjahr.

          Kein Bruch zwischen Italien und Deutschland

          Für Mandarà ist das schlechte Abschneiden der Grillini nur Anlass für die Auswanderung. Ihn schmerzt es, dass sich „die Mehrheit der Italiener wissend schuldig macht, indem sie weiter die verkommenen alten Parteien wählt – oder gar nicht wählt“, sagt er. Aber der Grund für die Emigration ist seine Sorge um die beiden Kinder, die seit der Scheidung von der Mutter bei ihm leben. Vor einigen Wochen habe der 16 Jahre alte Sohn 14 Tage lang die Schule geschwänzt, aber keiner der Lehrer und niemand von der Direktion habe sich bemüßigt gefühlt, ihn davon in Kenntnis zu setzen. Nicht einmal eine SMS hätten sie ihm geschickt. Sein Sohn sei in eine Clique geraten, die auch Diebstähle verübte, aber die Polizei habe das nicht verfolgt. Er habe all das selbst herausfinden müssen: „Was ist das für eine Schule, wo sich niemand um einen Minderjährigen kümmert?“, schimpft der Vater. „Was ist das für ein Land, wo die Polizei nicht hilft?“ Mandarà fühlt sich zu schwach, um in Italien Kinder großzuziehen. Er bitte in Deutschland um Asyl; dabei schließe er nicht aus, in München eine lokale Gruppe der „Bewegung 5 Sterne“ zu gründen, sagt Mandarà. Bei seinem geschäftigen Leben als Kameramann der „Bewegung“, als Ingenieur in einem Konzern und als Vater wird Mandarà kaum Zeit haben, sich auf Deutschland vorzubereiten.

          Andere Emigranten aus Italien lernen hingegen die deutsche Sprache. Die Zahl der Germanistik-Studenten ist nach Angaben der universitären „Associazione Italiana di Germanistica“ seit 2011 um 37 Prozent gestiegen. Seit 2010 stieg auch die Zahl der Sprachschüler in den Goethe-Instituten zwischen Turin und Palermo um gut 20 Prozent. Deutsch sei besonders beliebt; allein die große Zahl der Deutschstudenten zeige, dass es keinen Bruch zwischen Italien und Deutschland gebe, auch wenn die Sparpolitik der Regierung Merkel kritisiert wird, sagt Susanne Höhn vom Goethe-Institut in Rom.

          Deutsche Zuverlässigkeit und Direktheit

          Tatsächlich ist Deutschland vor der Schweiz, Großbritannien, Frankreich und Brasilien das beliebteste Zielland der Italiener. „Wir kennen vor allem Deutschland-Fans: engagierte Menschen um die 30, die ihr Elternhaus verlassen, eine eigene Familie gründen und zwischen Passau und Flensburg eine feste, aussichtsreiche Arbeit finden wollen“, sagt Frau Höhn. „Da kommen motivierte Leute, die mit Deutsch in Deutschland ein neues Leben beginnen wollen. Sie wollen sich selbst verwirklichen.“ Fast 40 Prozent der italienischen Jugendlichen unter 30 sind arbeitslos, etwa zwölf Prozent aller Italiener sind ohne Arbeit. Das ist die höchste Arbeitslosenquote seit 36 Jahren, wie das nationale Statistik-Institut Istat im April meldete.

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