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Mord an Boris Nemzow : Ein passendes Geständnis

Saur Dadajew, hier am Sonntag in einem Moskauer Gericht, soll eine Beteiligung an dem Mord an Boris Nemzow gestanden haben. Bild: Reuters

Der tschetschenische Machthaber Ramsan Kadyrow bezeichnet Saur Dadajew, den mutmaßlichen Mörder Boris Nemzows, als „echten Patrioten“. Damit legt er die Spur für ein islamistisch-extremistisches Motiv.

          Es war ein Lob von zweithöchster Stelle für Saur Dadajew, den bislang einzigen Tatverdächtigen, der seine Teilnahme an dem Mord an Boris Nemzow gestanden haben soll. Denn über dem tschetschenischen Machthaber Ramsan Kadyrow, der Dadajew am Sonntagabend als „echten Patrioten Russlands“ bezeichnete, steht nur Präsident Wladimir Putin. Just am Montag verlieh er seinem Statthalter in Grosnyj einen weiteren Orden, für „Arbeitserfolge, aktive gesellschaftliche Tätigkeit und langjährige gewissenhafte Arbeit“.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Noch elegischer hatte sich Kadyrow über den Mann geäußert, der nach Angaben aus Ermittlerkreisen ausweislich eines Gutachtens der Schütze sein soll, der Nemzow am späten Abend des 27. Februar auf einer Brücke am Kreml mit vier Kugeln in den Rücken tötete. Kadyrow bestätigte Berichte, dass Dadajew stellvertretender Kommandeur des Bataillons „Sewer“ in Grosnyj gewesen sei. „Saur war einer der furchtlosesten und mutigsten Soldaten der Kompanie“, schrieb Kadyrow. Er lobte besonders einen Einsatz Dadajews gegen „eine große Bande von Terroristen“ und zählte etliche Auszeichnungen auf. Kadyrow schrieb, er sei sich sicher, dass Dadajew „Russland wirklich treu ist“. Er wisse nicht, warum Dadajew aus den Streitkräften entlassen worden sei, das lasse er untersuchen. „Alle, die Saur kennen, wissen, dass er ein tief gläubiger Mensch ist“, schrieb Kadyrow mit Blick auf das Geständnis.

          Dadajew sei „wie alle Muslime erschüttert von den Handlungen“ der französischen Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ gewesen, auch „von den Kommentaren zur Unterstützung der Karikaturen“. Spreche das Gericht Dadajew schuldig, „dann hat er, in dem er einen Menschen tötete, ein schweres Verbrechen begangen. Aber ich möchte nochmals anmerken, dass er keinen Schritt gegen Russland machen konnte, für das er viele Jahre sein eigenes Leben riskierte.“ Einen weiteren Verdächtigen im Fall Nemzow würdigte Kadyrow als „genauso kühnen Soldaten“ wie Dadajew: den Mann, der sich am Samstagabend in Grosnyj in die Luft gesprengt und sich so der Festnahme durch Kadyrows eigene Sicherheitskräfte entzogen haben soll.

          Kadyrow unterstützte mit seiner Stellungnahme eine These, welche die Ermittler schon vorher als eine von vielen Möglichkeiten genannt hatten: ein „islamistisch-extremistisches“ Motiv. Das klang indes noch bedrohlicher als die Worte des tschetschenischen „Oberhaupts“. Am Montag schwang auch in der Information einer Quelle der Nachrichtenagentur Interfax in den Sicherheitskräften Verständnis mit. Da war von „schroffen Aussprüchen des Politikers mit Blick auf den Islam“ als möglichem Motiv die Rede. Die Nachrichtenagentur Rosbalt berichtete zudem, Dadajew habe „faktisch“ zugegeben, das Verbrechen auch organisiert zu haben. Die vier anderen Männer, die deswegen in Untersuchungshaft sitzen, hätten in der Moskauer Region gewohnt und die Stadt gut gekannt. Dadajew soll zuletzt in Inguschetien gewohnt haben.

          „Die Blutspur führt zu Kadyrow“

          „Ich liebe den Propheten Mohammed“, hatte der Verdächtige in seinem Käfig im Gerichtssaal am Sonntag gesagt, passend zur Ermittlerthese. Sein Ausspruch erinnerte an die Massendemonstration, die Kadyrow im Januar gegen „Charlie Hebdo“ in Grosnyj abhalten ließ. Seinerzeit äußerte Kadyrow, wer es unterstütze, „religiöse Gefühle von eineinhalb Milliarden Muslimen zu verletzen“, sei sein „persönlicher Feind“. In Kadyrows Sinne handelte die russische Medienaufsichtsbehörde, die mitteilte, Karikaturen zu religiösen Themen könnten als „Extremismus“ bewertet werden. In seinem Sinne handelten Polizisten, die zwei Männer mit „Charlie“-Solidarisierungsplakaten in Moskau festnahmen; einem von ihnen drohen bis zu fünf Jahre Lagerhaft. In seinem Sinne handelten auch die Kremlmedien, welche die Morde von Paris mit Auswüchsen von Liberalismus und Meinungsfreiheit erklärten.

          Der tschetschenische Machthaber Ramsan Kadyrow im Dezember 2014 beim russischen Präsidenten Putin.

          Die Feindschaft Kadyrows müsste sich hingegen auch Russlands Außenminister Sergej Lawrow zugezogen haben, der zum „Republikanischen Marsch“ nach Paris gereist war. Eigentlich sogar Putin, der die Taten verurteilt hatte. Auch blieb zunächst unklar, welche Aussagen des Opfers das Mordmotiv geliefert haben sollen. Nemzows Mitstreiter Ilja Jaschin hob hervor, der Ermordete habe „nie ein schlechtes Wort über den Islam gesagt“ und nur die „Terroristen“ kritisiert. Nicht nur aus seiner Sicht sollen die Ermittlungen zum Mord an einem Politiker, der die Korruption und den Ukraine-Krieg anprangerte, rasch abgeschlossen werden.

          Die „offizielle Version“ sei „das Ergebnis einer politischen Bestellung des Kreml“, schrieb Jaschin: Putin habe befohlen, die Mörder zu finden, und „schwupp“ gebe ein „Bärtiger“ in Handschellen ein passendes Geständnis ab. „Jedem Unvoreingenommenen“ sei zwar klar, dass die „Blutspur“ vom Tatort direkt zu Kadyrow führe, so Jaschin. Doch dem könne es gleichgültig sein, schließlich halte ihn der „kritisch gestimmte Teil der Bevölkerung“ schon jetzt für einen Mörder. „Anscheinend erfüllen sich unsere schlimmsten Befürchtungen: Für das Verbrechen verantwortet sich ein kleiner Schütze, und die wirklichen Auftraggeber des Mordes in den Reihen der Staatsgewalt bleiben in Freiheit.“

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