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Dutzende Tote in Kiew : Schreckensszenen auf kohlschwarzem Schlachtfeld

Ukrainisches Inferno: Demonstranten gehen vor den Schüssen in Deckung Bild: AFP

Die Sicherheitskräfte in Kiew schießen scharf. Bei all den Toten ist nur noch wenig Platz für Besonnenheit.

          5 Min.

          Männer im Gänsemarsch, ganz jung, noch keine zwanzig Jahre alt. Zerfetzt, zerschlagen, schwarz von Ruß, mit starren, erschreckten Kindergesichtern, bilden sie eine Kette, jeder mit der Hand auf der Schulter des Vordermanns. Die Menge um sie her ist dicht und feindselig. „Schweine“ ruft eine kleine Frau mit dickem Filzmantel: „Schweine“. Die Menge schlägt auf die Männer ein, mit Fäusten, mit Stöcken. Popen begleiten den Zug, halten Kreuze hoch, dazu ein paar Kämpfer des revolutionären „Selbstschutzes“. Sie versuchen, die Männer zu schützen, so gut es geht, aber es hilft alles nichts, die Menge schlägt und schlägt und viele bluten schon.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Die Männer sind Wehrpflichtige von den Truppen des Innenministeriums der Ukraine, dazu ein paar ihrer Offiziere, ein Oberst und ein paar Leutnants. Tagelang haben sie in Kiew Spalier gestanden, Tag und Nacht in Kälte und Regen, im Hagel der Steine und Brandsätze, im sengenden Hauch des Hasses auf die Polizei, der von Tag zu Tag wuchs. Am Donnerstag dann, am bisher blutigsten Tag dieser Revolution, die jetzt in einen Bürgerkrieg überzugehen droht, sind sie dann, insgesamt 59 Mann, in die Hände der Opposition gefallen. Sie haben sich ohne Widerstand ergeben, als die Regimegegner ihre Stationierungsorte handstreichartig eroberten.

          Rekruten in der Hand der Demonstranten Bilderstrecke

          Den „Oktoberpalast“ mit seiner Konzertbühne, sowie das gewaltige „Ukrainische Haus“, ein ehemaliges Lenin-Museum im Stil der spätsowjetischen Betonmoderne. „Sie haben sich auf die Seite des Volkes gestellt“, sagt einer ihrer Bewacher voller Begeisterung. „Quatsch“, sagt finster der gefangene Oberst. „Wir mussten uns einfach der Übermacht ergeben.“ Dann, endlich, ist der Spießrutenlauf vorbei. Der Zug hat sein ziel erreicht: einen stalinistischen Prachtpalast am zentralen Boulevard Chreschtschatik, den die Stoßtrupps der Opposition gegen das Regime des Präsidenten Viktor Janukowitsch in diesen Tagen erobert haben. Die jungen Polizisten, starr und traumatisiert, werden vom „Selbstschutz“ ins Innere gelotst. Endlich hören die Schläge auf.

          Auf ihrem Passionsweg durch die feindliche Menge sind diese Männer an einer Stelle vorbeigekommen, gleich am Hauptpostamt, die mancher, der an diesem Tag am Majdan war, am befestigten Lager der Opposition im Zentrum Kiews, nie vergessen wird. Im Halbkreis stehen sie da, stumm und seltsam verlangsamt in Mimik und Bewegung, wie erstarrt, ein eigentümlicher Kontrast zur Hektik und Panik dieser Tage. Manche bedecken das Gesicht mit der Hand, andere starren nur abwärts. Ein Pope im Ornat, einen sowjetischen Stahlhelm auf dem ergrauten Kopf, hält ein Kreuz.

          Vor ihnen auf dem Pflaster liegen acht tote Männer. Sie liegen auf Wolldecken, und alle tragen sie diese zusammengeflickten Phantasieuniformen der Revolution – Helme, Parkas, Winterstiefel, die typische Partisanenkombination des Majdan. Einer ist ganz jung, fast noch ein Kind, genau wie die gefangenen Polizisten ein paar Häuser weiter. Das Gesicht eines anderen ist blutüberströmt. Zu Häuptern der Toten, in Flaschen gesteckt, brennen Kerzen. Auf einem Pappschild steht: „Janukowitsch, du bist der nächste.“

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