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Dutzende Tote bei Gefechten : Kampf um das Donbass

Bild: REUTERS

Nach der Wahl in der Ukraine schlagen die Regierungstruppen zurück: Die Kämpfe in Donezk toben wie nie zuvor, von bis zu 200 Toten ist die Rede. Fremde Söldner bilden inzwischen den Großteil der Separatisten. Auch die Mafia mischt mit.

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          Der Kampf um das dicht besiedelte Kohle- und Stahlrevier im Osten der Ukraine ist mit den Kämpfen um den Flughafen von Donezk offenbar in eine neue Phase getreten. Im täglichen Leben in den Städten, die zuletzt von prorussischen Rebellen gehalten worden sind, hat sich unmittelbar vor der Präsidentenwahl ein wichtiger Punkt geändert: Die bewaffneten Rebellen an den Straßensperren, die früher oft eher wie zusammengewürfelte Partisanenhaufen aussahen als wie ausgebildete Truppen, zeigen immer öfter ungewöhnliche Präzision und Koordinierung in ihren Aktionen.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Öffentliche Gebäude und Hotels werden in Stoßtruppaktionen eingenommen, deren Schnelligkeit und Präzision an gut gedrillte Spezialeinheiten erinnert. Am Wahlsonntag gelang es diesen Trupps in offenbar straff geplanten Aktionen, die Abstimmung in der Millionenmetropole vollständig zu vereiteln.

          Auch die ukrainische Streitkräfte am Donezker Flughafen gingen am Montag offenbar so robust vor wie nie zuvor. Als Kämpfer der Rebellen auf das Flughafengelände vordrangen, stellten sie den Regierungstruppen nach Darstellung des Verteidigungsministeriums ein Ultimatum. Als dieses nicht eingehalten wurde, griff die Regierung mit Kampfflugzeugen und Hubschraubern an. Am Dienstag meldete Innenminister Arsen Awakow, der Flughafen sei wieder „unter totaler Kontrolle“. Es habe keine eigenen Verluste gegeben. Allerdings fügte Awakow hinzu, die Operation sei am Dienstag weitergegangen, was die Vermutung näherte, die Regierungstruppen hätten zwar durch eine Luftlandeoperation den Flughafen ganz oder teilweise wiedergewonnen, aber möglicherweise nur eine „Insel“ bilden können: Das Gelände liegt im „Rebellengebiet“ von Donezk ohne Verbindung zu Gebieten unter Kontrolle der Regierung.

          Der Bürgermeister von Donezk teilte mit, bei den Kämpfen seien 40 Menschen getötet worden, unter ihnen zwei Zivilpersonen. Laut der staatlichen russischen Agentur Ria-Nowosti sprach einer der Anführer der „Volksrepublik Donezk“ von etwa 100 getöteten Kämpfern. Ukrainische Sicherheitskreise verbreiteten die Zahl von 200 getöteten Kämpfern.

          Strom von Söldnern aus Russland

          Die schnelle „Professionalisierung“ der Rebellen, die im Straßenbild zu erkennen ist, wird von Vertretern der ukrainischen Regierung und von westlichen Fachleuten im Land gleichermaßen als Folge eines starken Zustroms von Söldnern aus Russland gesehen. Der ukrainische Grenzschutz berichtete am Dienstag wieder von Durchbrüchen bewaffneter Männer an der russischen Grenze. Das Außenministerium in Kiew veröffentlichte eine Erklärung, in der es hieß, es gebe „Gründe zu glauben, dass russische Terroristen auf das Gebiet der Ukraine geschickt werden, wobei ihre Finanzierung und Organisation unter der direkten Kontrolle des Kreml und russischer Spezialeinheiten steht.“

          Erschüttert wendet eine Frau ihren Blick ab von einem Schauplatz der jüngsten Gefechte in Donetsk
          Erschüttert wendet eine Frau ihren Blick ab von einem Schauplatz der jüngsten Gefechte in Donetsk : Bild: dpa

          Allerdings scheint die Theorie, der Kreml habe Kontrolle über diese Männer, zumindest nicht vollständig zu sein. In den vergangenen Tagen hat es jedenfalls immer wieder Anzeichen gegeben, dass es bei den Rebellen neben einer Gruppe mit sichtbaren Verbindungen zum russischen Geheimdienst auch weitere gibt, die anderen Kommandozentren unterstehen. Rebellenführer in unterschiedlichen Ortschaften haben einander zum Teil heftig kritisiert.

          Hintergrund dieser Konflikte könnte sein, dass im derzeitigen Konflikt nicht nur „Separatisten“ gegen Anhänger der ukrainischen Staatlichkeit kämpfen. Männer wie der Donezker Journalist Wolodymyr Bojko sind deshalb überzeugt, dass hinter der Fassade eines politischen Kampfes zugleich ein Konkurrenzkampf mafiöser und oligarchischer Strukturen gegeneinander und gegen die neue Regierung in Kiew ausgetragen wird.

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