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Duisburger Problemviertel : Merkel und die Leiden von Marxloh

Erwartet wurden große Ohren: Angela Merkel bei ihrer Ankunft in Duisburg-Marxloh. Bild: dpa

Ausgerechnet im Problemviertel von Duisburg stellt sich Kanzlerin Merkel den Fragen der Anwohner. Eigentlich war Marxloh auf dem Weg zum Musterbeispiel für gelungene Integration, doch der Zustrom von Armutseinwanderern und Flüchtlingen überfordert die Stadt.

          Vor dem Hotel „Montan“ in Duisburg-Marxloh haben sich schon gegen elf Uhr rund einhundert Schaulustige versammelt. In zwei Stunden will Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) in dem Hotel 60 ausgewählte Männer und Frauen zum dritten Bürgerdialog unter dem Motto „Gut leben in Deutschland“ treffen. Der Kanzlerin und ihren Ministern soll die Veranstaltungsreihe dabei helfen, sich „noch konkreter an dem zu orientieren, was den Menschen in Deutschland wichtig ist“. Nach dem Auftakt in Berlin war die Kanzlerin Mitte Juli in Rostock. Nun will Merkel erfahren, wo in Duisburg-Marxloh der Schuh drückt.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Der Ort ist gut gewählt. Der im Norden von Duisburg gelegene Stadtteil Marxloh gilt schon lange als sozialer Brennpunkt. Seit dem Niedergang der Montanindustrie leidet Marxloh unter einer konstant hohen Arbeitslosigkeit. Die Quote liegt bei aktuell 16 Prozent. Hinzu kommt der komplizierte Bevölkerungsmix: Mehr als 70 Prozent der Marxloher haben einen Migrationshintergrund; 92 Bevölkerungsgruppen mit unterschiedlicher sprachlicher, religiöser und kultureller Orientierung leben mittlerweile in Marxloh zusammen. Seit etwas mehr als einem Jahr zieht es vermehrt Armutseinwanderer aus Südeuropa nach Marxloh. Anwohner klagen seither über Dreck, Müll und Lärm.

          Zuletzt war der Stadtteil durch Rocker- und Bandenkriminalität in die Schlagzeilen überregionaler Medien geraten. Wie ernst die Lage mittlerweile ist, wurde vor kurzem durch einen vertraulichen Lagebericht des Duisburger Polizeipräsidiums deutlich. „Die Rechtspflicht des Staates zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit ist in solchen Stadtbezirken langfristig nicht gesichert beziehungsweise akut gefährdet“, hieß es in dem Bericht. Die Gewerkschaft der Polizei warnte vor der Entstehung von „No-go-areas“. Kriminellen Mitgliedern von Großfamilien gehe es darum, Viertel zu definieren, in denen sie nach eigenem Belieben schalten und walten könnten. In Duisburg etwa kämpfen mehrere rivalisierende Rockergruppen sowie libanesische, türkische, rumänische und bulgarische Gruppen um die Vorherrschaft. Nachdem sich der nordrhein-westfälische Innenminister Ralf Jäger (SPD) selbst ein Bild gemacht hatte, verstärkte er die Streifenpolizei durch Kräfte der Einsatzhundertschaft.

          Merkel ging darauf schon am Wochenende in ihrer wöchentlichen Videobotschaft ein. Wenn sich Menschen nicht mehr sicher fühlten, dann „könne man auch nicht gut leben in Deutschland. Denn ‚gut leben‘ heißt aus meiner Sicht auch Angstfreiheit“. Über Berichte zu Banden und Familienclans sagte die Kanzlerin: „Es ist ein dickes Brett, das wir da bohren müssen“. So schwierig es sei, Familienclans und entsprechende Strukturen aufzubrechen, „so sehr müssen wir doch daran arbeiten“.

          Als Merkel am Dienstag vor dem Hotel „Montan“ in der Dahlstraße ankommt, jubelt der überwiegende Teil der Schaulustigen, doch vereinzelt gibt es auch Pfiffe und Buhrufe. Das Hotel „Montan“ ist ein Spiegel des Wandels in Marxloh. Dank der Thyssen-Stahlwerke war das Haus früher gut gefüllt. Im Gastraum trafen sich die Leute zum Feiern oder einfach auf ein Bier nach der Arbeit. Heute ist das Lokal des „Montan“ nur noch an zwei Tagen in der Woche geöffnet. Immerhin der Thyssen-Krupp-Chor und die beiden Karnevalsvereine haben dem „Montan“ die Treue gehalten.

          Wenn sie auf die Vorberichterstattung der Medien schaue, dann sei die Wahl Marxlohs offensichtlich kein Fehler gewesen, sagt die Kanzlerin zum Auftakt im „Montan“-Saal. Einige Teilnehmer des Bürgerdialogs sehen das anders. Sie finden, dass ihr Stadtteil von den Medien abgestempelt worden sei. Deniz Güner, der sich sowohl im Alevitischen Kulturverein als auch in der CDU engagiert, lobt das hohe kreative Potential des Stadtteils. Als er seinen Freunden vom Merkel-Besuch erzählt habe, hätten die gleich ein schönes Motto vorgeschlagen: „Mutti kommt zu Multikulti“. Ein anderer Bürger erinnert an das „Wunder von Marxloh“. Tatsächlich gilt der Bau der damals größten Moschee Deutschlands noch immer als Paradebeispiel für gelungene Integration. Und trotz aller Schwierigkeiten schwärmen Marxloher von einem enormen Zusammenhalt. Es gibt viele städtische Projekte und Hilfsprogramme. Unermüdlich sind Ehrenamtliche und Kirchenleute tätig wie Pater Oliver Potschein, der auch ins Hotel „Montan“ gekommen ist.

          Der Pater kümmert sich schon seit Jahren um Wohnraum, Sprachunterricht oder Kinderbetreuung für Asylbewerber, Einwanderer aus der EU und Roma. Im November 2014 kam noch ein Gesundheitsdienst hinzu. Jeden Donnerstag werden die Räume im Sozialpastoralen Zentrum Petershof zu Behandlungszimmern. Rund 1000 „Patientenakten“ haben die meist pensionierten Mediziner, die hier ehrenamtlich tätig sind, mittlerweile angelegt. Rund 12.000 Einwanderer aus Südosteuropa gibt es mittlerweile allein in Duisburg, 10.000 dieser Einwanderer – die meisten sind Roma – sollen schon in ihrer Heimat Rumänien und Bulgarien nicht krankenversichert gewesen sein, weil sie nicht über ihre Möglichkeiten informiert waren, als Roma diskriminiert wurden oder dem Staat einfach misstrauen. Anders als Asylbewerber, die Anspruch auf eine medizinische Notversorgung haben, verfügen diese Menschen nicht über einen Versicherungsschutz. Jede Woche kommen meist 50 bis 70 neue Patienten in die kostenlose Sprechstunde im Petershof, der für Menschen ohne Papiere aus ganz Duisburg zur Anlaufstelle geworden ist. Es ist eine Parallelwelt der medizinischen Grundversorgung.

          Vor dem Besuch der Bundeskanzlerin: Die Polizei sichert die Hotelgaststätte in Marxloh

          Zwar gibt es eine Sprechstunde im städtischen Gesundheitsamt, die aber kaum jemand nutzt, weil viele Roma die Ämter meiden. Im Sommer warnte der Pater in einem Brandbrief vor „einer menschlichen und medizinischen Katastrophe“, bald könnten Masern, Mumps und die Röteln wieder grassieren. Immer mehr schwerkranke Leute kämen in die improvisierte Praxis. Einmal trugen Eltern ihren halbtoten Sohn über die Schwelle. Das Kind hatte eine akute Kehlkopfschwellung. Der Junge überlebte, weil die Helfer einen Rettungshubschrauber riefen.

          Als Pater Oliver im „Montan“ das Mikrofon gereicht wird, sagt er, „hier unten“ in Marxloh kämen sehr viele Menschen aus Südosteuropa an. „Ich erwarte ‚große Ohren‘ der Kanzlerin“, sagt er und fordert dann recht allgemein „Hilfe“. Merkel hört aufmerksam zu. Sie lobt die Arbeit von Initiativen wie jener des Paters. Es gehe aber auch darum, auf eine Verbesserung der Zustände in Rumänien und Bulgarien hinzuarbeiten. Die Freizügigkeit sei eine der guten Seiten der europäische Integration. „Aber wir haben keine Sozialunion.“ Deutschland könne nicht automatisch jeden Kranken versichern, der ins Land komme und nicht arbeite. Es dürfe nicht die Botschaft gelten: „Jeder darf kommen.“ Die Probleme müssen umfassend angegangen werden. Und deshalb „muss mit den Verantwortlichen in Herkunftsländern wie Bulgarien und Rumänien darüber gesprochen werden, was dort schief läuft“.

          Außerdem verspricht die Kanzlerin, Druck auf die Vermieter dramatisch überbelegter und vermüllter Schrotthäuser zu machen. „Menschen werden praktisch wie Ware behandelt und ausgebeutet“, sagt sie. Die Frage sei: „Was können wir tun, um den Leuten das Geschäftsmodell zu zerstören?“ Die Bundesregierung werde prüfen, ob es Gesetzeslücken geben.

          Den gebeutelten Marxlohern versucht die Bundeskanzlerin Mut zu machen. Durch die breite Vorberichterstattung habe ihr Stadtteil viel Aufmerksamkeit bekommen. Viele Leute in Deutschland seien aufgerüttelt worden. Gewiss gebe es nun viel Hilfsbereitschaft. Auch spricht sie davon, dass in Marxloh sehr viel Positives passiere. Sie selbst werde jedenfalls „mehr davon erzählen, was hier klappt, als was hier nicht klappt“, verspricht sie. Beeindruckt zeigt sie sich von der nur einen Steinwurf vom Hotel „Montan“ entfernten „Hochzeitsmeile“ auf der Weseler Straße. Im Vorbeifahren habe sie gesehen, dass es dort ja ein wirklich „vielfältiges Angebot“ gebe.

          Die Weseler Straße ist ebenfalls ein Spiegelbild des Wandels. Einst, als Marxloh eine der reichsten Städte Deutschlands war, sah die Straße fast so schick aus wie die Einkaufsmeilen in Düsseldorf oder Köln. Es gab vornehme Bekleidungsgeschäfte und Restaurants. Aber als es mit Kohle und Stahl bergab ging, war das auch in der Weseler Straße zu spüren. Ein Fachgeschäft nach dem anderen musste aufgeben. Und wenn nicht arbeitslos gewordene türkischstämmige Arbeiter angefangen hätten, sich mit kleinen Geschäften eine Existenz aufzubauen, wäre die Weseler Straße vielleicht ganz gekippt. Gut 40 Brautmodengeschäfte gibt es heute in der Weseler Straße und ihren Seitenstraßen. Marxloh gilt als die größte Brautmodenmeile Europas. Stolz berichtet am Dienstag einer der Bürgerdialog-Teilnehmer, dass die Kundschaft sogar aus Frankreich, Belgien und natürlich aus den nahen Niederlanden kommt.

          Längst ist ein wenig Wohlstand in Marxloh sichtbar geworden: Die ersten Geschäftsleute haben ihre Läden aufwändig sanieren lassen. An manchen Fassaden glänzt polierter Granit. Selgün Calisir gehört zu der selbstbewussten Marxloher Kaufmannschaft, die rund um die Weseler Straße gute Geschäfte machen. Calisir ist CDU-Mitglied. Aber am Bürgerdialog „seiner“ Parteivorsitzenden nimmt Calisir nicht teil. „Das ist doch nur eine Theateraufführung, für die jemand in Berlin das Drehbuch geschrieben hat.“ In Marxloh habe es lange keine großen Probleme gegeben. Marxloh sei lange ein Beispiel für erfolgreiche Integration gewesen. „Erst durch die massenhafte Zuwanderung von Armutsflüchtlingen aus Südeuropa in der jüngeren Vergangenheit hat sich die Sicherheitslage verschlechtert“, sagt CDU-Mann. „Seit der EU-Erweiterung haben wir ein Problem mit Roma aus Rumänien und Bulgarien.“ Die Zahl der Einbrüche sei enorm gestiegen. „Viele türkischstämmige Geschäftsleute sorgen sich um die Sicherheit und sie ärgern sich über die vielen Bettler vor ihren Läden und über den ganzen Dreck.“ Ein großes Problem sei, dass die Armutszuwanderer eine völlig andere „Hygiene- und Ordnungskultur“ hätten. Und nun werde das Problem noch größer, weil im Duisburger Norden zusätzlich viele Flüchtlinge untergebracht würden. „Wenn man aber alles einfach weiter in einen Stadtteil schiebt, wird das irgendwann kritisch.“

          Calisier hat mitbekommen, dass die Bundeskanzlerin bei ihrem Bürgerdialog in Marxloh abermals an die EU-Mitgliedstaaten appelliert hat, Flüchtlinge fair auf die Länder zu verteilen. „Drei oder vier von 28 können nicht die ganze Last tragen“, sagte Merkel im Hotel „Montan“. Und doch ist der CDU-Mann nach dem Besuch der Kanzlerin pessimistisch. „Es wird sich nichts ändern, denn der Zustrom nach Marxloh ist gar nicht mehr zu steuern.“ Calisir sagt, er arbeite noch immer leidenschaftlich gerne in Marxloh. Aber leben lasse es sich dann doch ein paar Kilometer außerhalb besser. Wie viele seiner durch und durch deutschstämmigen Freunde hat sich auch Calisir für seine Familie nämlich längst ein Häuschen im Grünen gekauft.

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