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Duisburger Problemviertel : Merkel und die Leiden von Marxloh

Außerdem verspricht die Kanzlerin, Druck auf die Vermieter dramatisch überbelegter und vermüllter Schrotthäuser zu machen. „Menschen werden praktisch wie Ware behandelt und ausgebeutet“, sagt sie. Die Frage sei: „Was können wir tun, um den Leuten das Geschäftsmodell zu zerstören?“ Die Bundesregierung werde prüfen, ob es Gesetzeslücken geben.

Den gebeutelten Marxlohern versucht die Bundeskanzlerin Mut zu machen. Durch die breite Vorberichterstattung habe ihr Stadtteil viel Aufmerksamkeit bekommen. Viele Leute in Deutschland seien aufgerüttelt worden. Gewiss gebe es nun viel Hilfsbereitschaft. Auch spricht sie davon, dass in Marxloh sehr viel Positives passiere. Sie selbst werde jedenfalls „mehr davon erzählen, was hier klappt, als was hier nicht klappt“, verspricht sie. Beeindruckt zeigt sie sich von der nur einen Steinwurf vom Hotel „Montan“ entfernten „Hochzeitsmeile“ auf der Weseler Straße. Im Vorbeifahren habe sie gesehen, dass es dort ja ein wirklich „vielfältiges Angebot“ gebe.

Die Weseler Straße ist ebenfalls ein Spiegelbild des Wandels. Einst, als Marxloh eine der reichsten Städte Deutschlands war, sah die Straße fast so schick aus wie die Einkaufsmeilen in Düsseldorf oder Köln. Es gab vornehme Bekleidungsgeschäfte und Restaurants. Aber als es mit Kohle und Stahl bergab ging, war das auch in der Weseler Straße zu spüren. Ein Fachgeschäft nach dem anderen musste aufgeben. Und wenn nicht arbeitslos gewordene türkischstämmige Arbeiter angefangen hätten, sich mit kleinen Geschäften eine Existenz aufzubauen, wäre die Weseler Straße vielleicht ganz gekippt. Gut 40 Brautmodengeschäfte gibt es heute in der Weseler Straße und ihren Seitenstraßen. Marxloh gilt als die größte Brautmodenmeile Europas. Stolz berichtet am Dienstag einer der Bürgerdialog-Teilnehmer, dass die Kundschaft sogar aus Frankreich, Belgien und natürlich aus den nahen Niederlanden kommt.

Längst ist ein wenig Wohlstand in Marxloh sichtbar geworden: Die ersten Geschäftsleute haben ihre Läden aufwändig sanieren lassen. An manchen Fassaden glänzt polierter Granit. Selgün Calisir gehört zu der selbstbewussten Marxloher Kaufmannschaft, die rund um die Weseler Straße gute Geschäfte machen. Calisir ist CDU-Mitglied. Aber am Bürgerdialog „seiner“ Parteivorsitzenden nimmt Calisir nicht teil. „Das ist doch nur eine Theateraufführung, für die jemand in Berlin das Drehbuch geschrieben hat.“ In Marxloh habe es lange keine großen Probleme gegeben. Marxloh sei lange ein Beispiel für erfolgreiche Integration gewesen. „Erst durch die massenhafte Zuwanderung von Armutsflüchtlingen aus Südeuropa in der jüngeren Vergangenheit hat sich die Sicherheitslage verschlechtert“, sagt CDU-Mann. „Seit der EU-Erweiterung haben wir ein Problem mit Roma aus Rumänien und Bulgarien.“ Die Zahl der Einbrüche sei enorm gestiegen. „Viele türkischstämmige Geschäftsleute sorgen sich um die Sicherheit und sie ärgern sich über die vielen Bettler vor ihren Läden und über den ganzen Dreck.“ Ein großes Problem sei, dass die Armutszuwanderer eine völlig andere „Hygiene- und Ordnungskultur“ hätten. Und nun werde das Problem noch größer, weil im Duisburger Norden zusätzlich viele Flüchtlinge untergebracht würden. „Wenn man aber alles einfach weiter in einen Stadtteil schiebt, wird das irgendwann kritisch.“

Calisier hat mitbekommen, dass die Bundeskanzlerin bei ihrem Bürgerdialog in Marxloh abermals an die EU-Mitgliedstaaten appelliert hat, Flüchtlinge fair auf die Länder zu verteilen. „Drei oder vier von 28 können nicht die ganze Last tragen“, sagte Merkel im Hotel „Montan“. Und doch ist der CDU-Mann nach dem Besuch der Kanzlerin pessimistisch. „Es wird sich nichts ändern, denn der Zustrom nach Marxloh ist gar nicht mehr zu steuern.“ Calisir sagt, er arbeite noch immer leidenschaftlich gerne in Marxloh. Aber leben lasse es sich dann doch ein paar Kilometer außerhalb besser. Wie viele seiner durch und durch deutschstämmigen Freunde hat sich auch Calisir für seine Familie nämlich längst ein Häuschen im Grünen gekauft.

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