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Duisburger Problemviertel : Merkel und die Leiden von Marxloh

Wenn sie auf die Vorberichterstattung der Medien schaue, dann sei die Wahl Marxlohs offensichtlich kein Fehler gewesen, sagt die Kanzlerin zum Auftakt im „Montan“-Saal. Einige Teilnehmer des Bürgerdialogs sehen das anders. Sie finden, dass ihr Stadtteil von den Medien abgestempelt worden sei. Deniz Güner, der sich sowohl im Alevitischen Kulturverein als auch in der CDU engagiert, lobt das hohe kreative Potential des Stadtteils. Als er seinen Freunden vom Merkel-Besuch erzählt habe, hätten die gleich ein schönes Motto vorgeschlagen: „Mutti kommt zu Multikulti“. Ein anderer Bürger erinnert an das „Wunder von Marxloh“. Tatsächlich gilt der Bau der damals größten Moschee Deutschlands noch immer als Paradebeispiel für gelungene Integration. Und trotz aller Schwierigkeiten schwärmen Marxloher von einem enormen Zusammenhalt. Es gibt viele städtische Projekte und Hilfsprogramme. Unermüdlich sind Ehrenamtliche und Kirchenleute tätig wie Pater Oliver Potschein, der auch ins Hotel „Montan“ gekommen ist.

Der Pater kümmert sich schon seit Jahren um Wohnraum, Sprachunterricht oder Kinderbetreuung für Asylbewerber, Einwanderer aus der EU und Roma. Im November 2014 kam noch ein Gesundheitsdienst hinzu. Jeden Donnerstag werden die Räume im Sozialpastoralen Zentrum Petershof zu Behandlungszimmern. Rund 1000 „Patientenakten“ haben die meist pensionierten Mediziner, die hier ehrenamtlich tätig sind, mittlerweile angelegt. Rund 12.000 Einwanderer aus Südosteuropa gibt es mittlerweile allein in Duisburg, 10.000 dieser Einwanderer – die meisten sind Roma – sollen schon in ihrer Heimat Rumänien und Bulgarien nicht krankenversichert gewesen sein, weil sie nicht über ihre Möglichkeiten informiert waren, als Roma diskriminiert wurden oder dem Staat einfach misstrauen. Anders als Asylbewerber, die Anspruch auf eine medizinische Notversorgung haben, verfügen diese Menschen nicht über einen Versicherungsschutz. Jede Woche kommen meist 50 bis 70 neue Patienten in die kostenlose Sprechstunde im Petershof, der für Menschen ohne Papiere aus ganz Duisburg zur Anlaufstelle geworden ist. Es ist eine Parallelwelt der medizinischen Grundversorgung.

Vor dem Besuch der Bundeskanzlerin: Die Polizei sichert die Hotelgaststätte in Marxloh

Zwar gibt es eine Sprechstunde im städtischen Gesundheitsamt, die aber kaum jemand nutzt, weil viele Roma die Ämter meiden. Im Sommer warnte der Pater in einem Brandbrief vor „einer menschlichen und medizinischen Katastrophe“, bald könnten Masern, Mumps und die Röteln wieder grassieren. Immer mehr schwerkranke Leute kämen in die improvisierte Praxis. Einmal trugen Eltern ihren halbtoten Sohn über die Schwelle. Das Kind hatte eine akute Kehlkopfschwellung. Der Junge überlebte, weil die Helfer einen Rettungshubschrauber riefen.

Als Pater Oliver im „Montan“ das Mikrofon gereicht wird, sagt er, „hier unten“ in Marxloh kämen sehr viele Menschen aus Südosteuropa an. „Ich erwarte ‚große Ohren‘ der Kanzlerin“, sagt er und fordert dann recht allgemein „Hilfe“. Merkel hört aufmerksam zu. Sie lobt die Arbeit von Initiativen wie jener des Paters. Es gehe aber auch darum, auf eine Verbesserung der Zustände in Rumänien und Bulgarien hinzuarbeiten. Die Freizügigkeit sei eine der guten Seiten der europäische Integration. „Aber wir haben keine Sozialunion.“ Deutschland könne nicht automatisch jeden Kranken versichern, der ins Land komme und nicht arbeite. Es dürfe nicht die Botschaft gelten: „Jeder darf kommen.“ Die Probleme müssen umfassend angegangen werden. Und deshalb „muss mit den Verantwortlichen in Herkunftsländern wie Bulgarien und Rumänien darüber gesprochen werden, was dort schief läuft“.

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