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Islamisten-Nachwuchs : Der faule Frieden von Paris

Pariser Banlieue - Grigny ist ein Vorort im Süden von Paris, wo der Terrorist Amedy Coulibaly aufwuchs Bild: Michael von Aulock

Fremde sind in der Banlieue Grigny bei Paris nicht willkommen. Journalisten erst recht nicht. Wer über den tristen Ort, in dem der Pariser Attentäter Amedy Coulibaly aufwuchs, berichten will, wird von den Rauschgiftbanden bedroht, die die Banlieue beherrschen.

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          Er muss irgendwo im Hinterhalt gelauert haben. „Haut ab!“, brüllt der Mann plötzlich hinterrücks in fast akzentfreiem Französisch: „Verschwindet!“ Der schmale gepflasterte Weg, der sich zwischen Grünflächen und den verwitterten bunten Fassaden der zwei- bis dreistöckigen Sozialbauten von La Grande Borne schlängelt, erscheint mit einem Mal unendlich lang. „Ihr glaubt wohl, ihr könnt einfach so hierherkommen!“, schreit der Mann. In jeder Hand hält er einen Pflasterstein. „Lauft endlich weg!“, brüllt er wieder, und dann schließt sich auch noch ein Kumpan mit spöttischem Gejohle an. Wir haben keine andere Wahl, als rennend zum Auto zu flüchten.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Fremde sind nicht willkommen in der Sozialbausiedlung La Grande Borne in Grigny, Journalisten erst recht nicht. Rauschgiftbanden wachen darüber, dass niemand in ihr Gebiet eindringt, auch am helllichten Tag. Das berichtet eine Polizeibeamtin im Kommissariat von Grigny, das weiträumig mit eisernen Barrieren abgesperrt ist. Am Tag des Schreckens, als der Terrorist Amedy Coulibaly in Paris einen jüdischen Supermarkt überfiel und vier Menschen kaltblütig erschoss, rüstete sich das Polizeikommissariat, gut dreißig Kilometer südlich der Hauptstadt, für eine Belagerung.

          Verstärkung aus dem ganzen Département Essonne rückte an. Denn am Platz Mandela im Viertel La Grande Borne hatten sich etwa fünfzig junge Leute zusammengerottet und Pläne für einen Sturm auf das Kommissariat geschmiedet, aus Solidarität mit Coulibaly. Der Racheangriff auf das Kommissariat konnte schließlich verhindert werden, doch die Botschaft blieb: Amedy Coulibaly, der Terrorist, war einer von uns.

          Der kleine Amedy, einziger Sohn einer zehn Kinder zählenden französisch-malischen Familie, ging in La Grande Borne zur Schule, jobbte in der ortsansässigen Coca-Cola-Fabrik und drehte hier seine ersten kriminellen Deals, Diebstähle und Rauschgifthandel. Auf der Flucht nach einem nächtlichen Einbruch mit einem Komplizen traf eine Polizeikugel seinen besten Freund, Amedy war da gerade 18 Jahre alt. Nächtelang kam es danach zu Ausschreitungen der Jugendlichen in der Vorstadt. Später saß er in der Haftanstalt Fleury-Mérogis ein, die nur einen Steinwurf von La Grande Borne entfernt liegt.

          Unschuldige Kinder werden als Späher eingesetzt

          Coulibaly geriet hinter Gittern nicht nur in den Bann des Dschihadistenchefs Djamel Beghal. Er drehte heimlich einen Film über die unerträglichen Haftbedingungen: verrostete Duschen, zerbrochene Zellenfenster, brutale Schlägereien unter den Häftlingen. Der Fernsehsender France 2 strahlte die Aufnahmen 2009 unter dem Titel „Reality Knast“ aus. Als Warnung an die Freunde aus Grigny und alle anderen Vorstadtjugendlichen wollte Coulibaly das damals verstanden wissen.

          Amedys Mutter und eine seiner Schwestern leben noch heute in La Grande Borne nahe der Place aux Herbes. Platz der Kräuter heißt das und erinnert daran, dass das Viertel mit seiner sanft geschwungenen Grundrissgeometrie, den Grünflächen und Spielplätzen und den bunten Fassaden als beschauliche Gartenvorstadt geplant worden war. Architekt Émile Aillaud wollte mit der Monotonie der Wohntürme brechen, doch von einem Vorstadtidyll ist an diesem trüben Januartag nichts zu spüren, auch wenn junge Bäume und Sträucher gepflanzt und Fassaden frisch gestrichen wurden.

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