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Donezk : Grenzgebiet mit ungewisser Zukunft

Zu allem bereit: Prorussische Demonstranten außerhalb des Regierungsgebäudes in Donezk Bild: REUTERS

Die Fahne der Republik Donezk weht, doch was soll aus der Region werden? Ein autonomer Teil, ein Schattenstaat oder ein Teil Russlands? Über die diffuse Selbstverortung der russophonen Ostukrainer.

          Zwei Redner haben am Dienstag in der Grubenstadt Donezk gesprochen, in der alten Hochburg des gestürzten ukrainischen Präsidenten Viktor Janukowitsch im russophonen Osten des Landes – sie sprachen mit den Leuten, sie sprachen gegeneinander, und sie sprachen über ihr Land und über Russland, den großen Nachbarn im Osten, der gerade seine Soldaten über die Krim marschieren lässt, die schöne Halbinsel im Süden, von deren Palästen zwischen Ostsee und Pazifik alle träumen, die noch zu Sowjetzeiten aufgewachsen sind.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Es ist eine unruhige Nacht gewesen in Donezk. Das ganze Wochenende über hatte es Demonstrationen prorussischer Aktivisten gegeben, einer von ihnen, Pawel Gubarew, ein junger Mann mit starrem, bleichem Gesicht und übernächtigten Augen, der sich im Internet in einer tressenbesetzten zaristischen Galauniform des neunzehnten Jahrhunderts präsentiert, hatte sich von einer „Volksversammlung“ zum „Volksgouverneur“ ausrufen lassen, was viele Menschen hier im Donbass ein wenig an die Vorgänge erinnerte, die auch auf der Krim der Eskalation der vergangenen Woche vorausgegangen waren.

          Mütter kauften Vorräte für den Krieg

          Am Abend waren die Nachrichtenportale voll von Meldungen, denen zufolge Russland die ukrainische Flotte ultimativ und unter Androhung von Waffengewalt zur Kapitulation bis Dienstag fünf Uhr früh aufgefordert hatte. Donezk liegt kaum hundert Kilometer von der Grenze entfernt, und den ganzen Abend bekamen die Leute von ihren Freunden auf der anderen Seite Telefonanrufe über verdächtige Truppenbewegungen. Mütter kauften Vorräte für den Krieg. Dann ist der Morgen gekommen. Der Krieg war ausgeblieben, und über dem Artjoma-Boulevard, der Hauptstraße von Donezk, prangt im Frühnebel das gewaltige Stolitschnij-Zentrum, das zentrale bauliche Überbleibsel der Janukowitsch-Jahre.

          Mit seinen gewaltigen Linien und seiner Kuppelkrone ist es vielleicht das einzige Gebäude des ukrainischen Neostalinismus, der vielleicht das Markenzeichen der Ära Janukowitsch geworden wäre, wenn die Revolution auf dem Kiewer Majdan ihr nicht schon nach vier Jahren ein Ende gesetzt hätte. Jetzt ist Janukowitsch fort, und wo vorher die gewaltige Leuchtreklame des Familienunternehmens „Mako“ gestrahlt hatte, herrscht schwarze Leere.

          Das nächste Objekt russischer Begehrlichkeiten

          Ganz ist die Aufregung aber noch nicht vergangen. Donezk ist Grenzgebiet. Die Mehrheit spricht hier Russisch, die Tradition ist von den Proletariermythen der sowjetischen Industrialisierung und des Zweiten Weltkriegs geprägt, und so betrachtet die Region sich ganz natürlich als das nach der Krim nächste mutmaßliche Objekt russischer Begehrlichkeiten.

          Erst am Montag ist Gubarew, der selbstausgerufene „Volksgouverneur“, mit ein paar seiner rauhen Getreuen in eine Sitzung des „Obl-Sowjet“ eingedrungen, des Donezker Regionalparlaments. Eine Schriftführerin des Parlaments, Swetlana Donezkowa, erzählte dieser Zeitung, wie das vorgegangen ist: Während draußen die Demonstranten drohend Aufstellung nahmen, drang Gubarew mit seinen Männern in den Plenarsaal, lärmte und besetzte das Präsidiumspult. Abgeordnete und Angestellte des Parlaments hätten sich in diesem Augenblick „wie Geiseln“ gefühlt, sagt Frau Donezkowa – gerade nur das Zugeständnis, die Frauen gehenzulassen, habe man den ungebetenen Gästen abringen können.

          „Republik Donezk“

          Dann habe der „Obl-Sowjet“ ohne Debatte nicht mehr und nicht weniger beschlossen als vor ihm schon das Parlament der Krim: Das Gebiet Donezk wird ein Referendum halten – Inhalt und Datum sind in dem Beschluss zwar nicht genannt, aber jedem in Donezk ist klar, dass damit nur die Frage gemeint sein kann, ob die Region weiter zur Ukraine gehören will oder ob sie „heimkehrt“ zu Mutter Russland. Der Präsident der Kammer wurde nach dem unsanften Votum mit Pfiffen aus dem Gebäude geleitet, der Hut flog ihm in der wütenden Mange vom Kopf, und man sah ihn im Schweinsgalopp das Weite suchen.

          Tags darauf, am Dienstag, hat der „Volksgouverneur“ dann im seit dem Wochenende erbeuteten Plenarsaal des Regionalparlaments eine „Pressekonferenz“ gehalten. Im Räuberzivil, von ebenso räuberisch gekleideten Helfern umgeben, saß er unrasiert und übernächtigt auf dem Präsidiumssitz. Hinter ihm prangte die Fahne Russlands sowie die schwarz-blau-rote, vom russischen Doppeladler geschmückte Trikolore einer „Republik Donezk“, von der keiner so recht weiß, was sie einmal sein soll – ein autonomer Teil der Ukraine, ein gespenstischer Schattenstaat im Stile Transnistriens oder Abchasiens, oder aber einfach nur ein Teil Russlands.

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