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Gebrüder Kaczynski : Unterwerfung und Sühne

Als sei ein Teil von ihm selbst tot: Jaroslaw Kaczynski vor einigen Tagen während der Gedenkfeier für seinen toten Bruder Lech vor dem Warschauer Präsidentenpalast Bild: Reuters

In der Tragödie von Smolensk liegt die Quelle jener Energie, mit der Jaroslaw Kaczynski heute Polen umpflügt. Seinen toten Bruder stilisiert er dabei zum Märtyrer.

          Am 10. April 2010, als er gerade erfahren hatte, dass Polens Präsident bei Smolensk in Westrussland mit seinem Regierungsflugzeug verunglückt war, sagte Jaroslaw Kaczynski einen Satz, der seither sein Handeln bestimmt: „Sie haben mir den Bruder umgebracht.“ Jaroslaw und Lech Kaczynski, der Vorsitzende der nationalkonservativen Regierungspartei „Recht und Gerechtigkeit“ (PiS) und der verunglückte Präsident, waren Zwillinge. Minuten vor dem Unglück hatten sie noch telefoniert – der Flug, die Mutter, die im Krankenhaus lag. Routine. Jetzt war Lech tot, abgestürzt mit seiner Frau und 94 Mitreisenden.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Jaroslaw suchte nach einem Flugzeug, das ihn sofort von Warschau zum Bruder bringen würde. Doch wie? Eine Privatmaschine chartern? Woher so schnell? Die Journalisten Marcin Dzierzanowski und Michal Krzymowski haben jene Stunden rekonstruiert. Folgt man ihnen, so standen Kaczynski und seine Berater an diesem Morgen vor der Wahl, mit ihrem Hauptgegner, dem seinerzeitigen Ministerpräsidenten Donald Tusk, mitzufliegen oder die Schwierigkeiten einer Reise auf eigene Faust in Kauf zu nehmen. Kaczynski hat sich für die zweite Möglichkeit entschieden. Warum? An dieser Stelle fällt bei Dzierzanowski und Krzymowski jener entscheidende Satz: „Sie haben mir den Bruder umgebracht. Ich will mit Freunden fliegen, nicht mit Feinden.“

          Heute krempelt Kaczynski Polen um. Die Partei des „Präses“ hat die Präsidenten- und Parlamentswahlen von 2015 gewonnen und unterwirft jetzt den Staat. Der öffentliche Rundfunk ist erobert, die unabhängige Generalstaatsanwaltschaft wird der Regierung unterstellt. Verschärfte Abhörbestimmungen sind in Kraft, und das Verfassungsgericht, die letzte Notbremse, ist durch ein neues Verfahrensgesetz gelähmt.

          Im Dienste des Vaterlandes

          Die Kraft dahinter ist Jaroslaw Kaczynski. Zusammen mit Lech, dem toten Bruder, hat er 2001 die PiS gegründet, stets hat er sie straff als Kaderpartei geführt. Über ihre Ziele haben die beiden nie Zweifel aufkommen lassen. Erstens musste der nach ihrer Ansicht unvollkommene Systemwechsel von 1989 vollendet werden. Es galt, Polen von dem „grauen Netz“ des Postkommunismus zu befreien, vom Filz der gewendeten Funktionäre, die nach Überzeugung der Rechten die Demokratie bis heute zur Fassade machen. Zweitens aber musste die Souveränität der Nation wiederhergestellt werden – der Zustand musste beendet werden, in dem Polen als „deutsch-russisches Kondominium“ aus ihrer Sicht den Launen alter Teilungsmächte ausgeliefert blieb.

          Am 10. April 2010 ist zu diesen zwei Zielen noch ein drittes hinzugekommen: Der Tod des Präsidenten muss gesühnt werden. Dass „Smolensk“ endlich „aufgeklärt“ werden müsse, dass er seinem Bruder diesen letzten Dienst schulde, ist seither das Ceterum Censeo des Jaroslaw Kaczynski. Der Tote nämlich ist in seinen Augen nicht einfach verunglückt – er ist im Dienst des Vaterlands „gefallen“. Der Flug nach Smolensk hatte ihn eigentlich zum Gedenken an einen zentralen Schauplatz polnischer Opfermythen führen sollen, ins nahe gelegene Katyn – den Ort, an dem kommunistische Henker im Jahr nach dem deutsch-sowjetischen Teilungspakt von 1939 mehr als 20.000 Repräsentanten der polnischen Elite ermordet hatten – Offiziere, Beamte, Priester. Nun waren 96 weitere Tote hinzugekommen, an ihrer Spitze der Präsident Polens.

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