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Schweizer Geschichtsstreit : Land im Abwehrkampf

  • -Aktualisiert am

Besucher des Schweizer Landesmuseums in Zürich vor dem Gemälde Ferdinand Hodlers, das den Rückzug der Eidgenossen nach der Niederlage von Marignano zeigt. Um die Schlacht von 1515 ist in der Schweiz ein Geschichtsstreit entbrannt. Bild: Reuters

Das Ende des Zweiten Weltkriegs vor 70 Jahren ist für die Schweizer kaum ein Thema. Lieber feiern sie das Waterloo der Eidgenossen, das sich vor 500 Jahren auf einem Schlachtfeld in Italien zutrug. Das sagt viel über das Land aus.

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          Ganz Europa gedenkt in diesen Wochen des Endes des Zweiten Weltkriegs, das sich zum 70. Mal jährt. Ganz Europa? Nein. In der Schweiz, im Herzen des Kontinents, ist der Weltkrieg nur eine Randnotiz. Was die Schweizer Historiker, Politiker und Schriftsteller umtreibt, ist ein Ereignis, das schon 500 Jahre zurückliegt: die Schlacht von Marignano. Es geht dabei um die großen Fragen des Landes: die Neutralität, die Unabhängigkeit und die Beziehung der Schweiz zu Europa.

          Marignano ist zunächst die Geschichte einer Niederlage. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts war die Eidgenossenschaft eine militärische Mittelmacht, die sich in den europäischen Kampf um die Herrschaft über Norditalien eingeschaltet und wichtige Gebiete unter ihre Kontrolle gebracht hatte. Die Expansionsträume endeten im Jahr 1515 vor den Toren Mailands, in Marignano. In einem verlustreichen Kampf unterlagen die Schweizer Soldaten dem Heer der Franzosen. Nie zuvor waren die Eidgenossen, die gefürchtetsten Krieger ihrer Zeit, dermaßen geschlagen worden.

          Sieht sich als Hüter der Neutralität: Christoph Blocher, Vordenker der Schweizerischen Volkspartei.
          Sieht sich als Hüter der Neutralität: Christoph Blocher, Vordenker der Schweizerischen Volkspartei. : Bild: Reuters

          Um die Deutung dieser Schlacht tobt ein Streit, der seit Monaten die politische Debatte in der Schweiz prägt. Einen großen Anteil daran hat Christoph Blocher, der Vordenker der konservativen Schweizerischen Volkspartei (SVP). In Vorträgen, Diskussionsrunden und Interviews predigt der Sohn eines Pfarrers, für was die Niederlage noch heute stehe: die Entscheidung der Schweizer, sich in die Berge zurückzuziehen und sich selbst zu genügen. Die Entscheidung, die Neutralität zu erfinden, die wichtigste Säule des nationalen Selbstverständnisses.

          Unterstützt wird Blocher dabei von Publizisten wie Roger Köppel. Der Chefredakteur und Verleger der „Weltwoche“ feiert Marignano in seiner Zeitschrift als Geburtsstunde der Neutralität und zieht mit historischen Vorträgen durch das Land. Seinen Einstieg in die Politik (er will im Herbst für die SVP in das Parlament gewählt werden) begründete Köppel damit, dass die Unabhängigkeit und Neutralität der Schweiz in Gefahr seien – preisgegeben von einer angeblich linken Regierung in Bern, die das Land auf Schleichwegen in die EU führen wolle. Das ist die Linie, die Blocher und Köppel ziehen: von Marignano bis Brüssel.

          Selbstüberhöhung, Selbstzerfleischung

          Ihr prominentester Gegenspieler ist dabei ein Historiker. Thomas Maissen war in Heidelberg Inhaber des Lehrstuhls, auf dem einst Reinhart Koselleck saß, heute leitet er als erster Schweizer das Deutsche Historische Institut in Paris. Im Kampf gegen die Geschichtspolitik der SVP hat Maissen jegliche akademische Zurückhaltung abgelegt. In seinem neuen Buch über „Schweizer Heldengeschichten – und was dahintersteckt“, das selbst von Boulevardmedien breit diskutiert wurde, widerspricht er Blocher: Marignano stehe für vieles, aber bestimmt nicht für den Beginn der Neutralität im heutigen Sinn. Davon könne man erst nach der Entstehung des frühen Völkerrechts im 17. Jahrhundert sprechen. Blocher und seine SVP missbrauchten historische „Mythen“ für ihre Politik.

          Der Vorwurf ist nicht neu, doch er reichte, um wütende Reaktionen zu provozieren. Blocher sagt, Maissen wolle „die Geschichte entstellen“, „die Nation wegputzen“ und die Schweiz „herabmindern“, damit sie „schneller Richtung EU aufgelöst“ werden könne. Als offener Befürworter eines EU-Beitritts ist Maissen in der Schweiz ein Exot, als Autor früherer Werke über den Umgang des Landes mit Nazi-Raubgold („Verweigerte Erinnerung“) schon länger eine Zielscheibe für viele Konservative.

          Reihenweise haben sich andere Historiker seither in die Diskussion eingeschaltet. Die „Neue Zürcher Zeitung“ druckt auf ihren Meinungsseiten im Wochentakt Beiträge über Wahrheit und Mythos von Marignano. Das Landesmuseum in Zürich widmet der Schlacht eine Ausstellung. Auch die Linke, die die Debatte zunächst totschweigen wollte, um den „ewiggestrigen Neutralitätsfans“ keine Plattform zu bieten, beteiligt sich inzwischen rege. Im September, wenn sich der Jahrestag der Niederlage zum 500. Mal jährt, reist selbst Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga, eine Sozialdemokratin, in den etwas tristen Vorort von Mailand, der heute Melegnano heißt. Auf dem historischen Schlachtfeld wird sie eine Rede halten.

          2015 ist nicht nur ein Jubiläumsjahr – es ist in der Schweiz auch ein Wahljahr. Was wie ein bizarrer Gelehrtenstreit über ein Ereignis aus dem Mittelalter wirkt, ist im Kern ein Kampf um zwei unterschiedliche Bilder der Schweiz. Das eine Bild zeigt ein Land im permanenten Abwehrkampf, gegen „fremde Richter“, gegen Ausländer, gegen Europa. Anhänger des anderen Bildes sehen in jeder Beschäftigung mit der eigenen Geschichte krampfhaft den Versuch der Selbstüberhöhung, wo doch klar sei, dass die heutige Schweiz nur habe entstehen können, weil Europas Großmächte es überhaupt zuließen.

          Es ist nicht das erste Mal, dass sich die Schweiz durch einen eigentümlichen Umgang mit der Geschichte auszeichnet. Im September 1989 beging das Land den 50. Jahrestag der Mobilmachung der Armee zu Beginn des Zweiten Weltkriegs. In einer militaristischen Großfeier inszenierte sich die Schweiz als Insel der Widerständigen. Im Ausland schüttelte man den Kopf: Ausgerechnet die Schweiz, die vom Krieg verschont geblieben war, feierte nicht dessen Ende, sondern den Ausbruch.

          Und dieses Jahr? In Zürich wollte die Ortspartei der Sozialdemokraten irgendwo in der Stadt eine Friedenslinde pflanzen lassen, um an den 70. Jahrestag des Kriegsendes zu erinnern. Im Stadtparlament brauchte es dazu erst eine Abstimmung. Das Bäumchen hat die Stadtregierung vor zwei Wochen gepflanzt, ohne dass es jemandem auffiel. Am 8. Mai wird es eingeweiht. Das Interesse dürfte bescheiden bleiben.

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