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Russen in Estland : Fast normale Staatsbürger

An der Militärparade zum estnischen Unabhängigkeitstag nahmen am Dienstag in Narva, wo 97 Prozent der Einwohner russisch sprechen, Nato-Truppen teil Bild: AFP

24 Jahre nach dem Zerfall der Sowjetunion suchen die Russen im EU-Mitgliedsstaat Estland immer noch ihren Platz. Vor dem Hintergrund des Konflikts zwischen Kiew und Moskau reagieren viele Russen empfindlich.

          Mein Weg in die estnische Gesellschaft war voller Katastrophen und Schmerzen“, sagt Sergei Metlev. Begonnen hat dieser Weg an dem Tag im August 1991, an dem das Parlament in Tallinn die Wiederherstellung der Unabhängigkeit Estlands verkündete und in Moskau die Niederlage der Putschisten das Ende der Sowjetunion besiegelte - dem Tag seiner Geburt.

          Reinhard Veser

          Redakteur in der Politik.

          Als kleines Kind war Metlev schon einmal fast angekommen: „Ich ging in einen estnischsprachigen Kindergarten und sprach genauso gut Estnisch wie Russisch“, sagt er. Aber nach sieben Schuljahren in Mustamäe, dem Stadtteil Tallinns, in dem er zur Welt kam und aufwuchs, konnte er kaum noch einen richtigen Satz auf Estnisch sagen. Er hatte die Sprache zwar als Unterrichtsfach in der Schule, „aber ich war nur von russischsprechenden Menschen umgeben“.

          Das war die erste Katastrophe. Die zweite führte im März vor fünf Jahren dazu, dass Sergei Metlev als Elftklässler vom estnischen Rundfunk zur „Person der Woche“ gekürt wurde, nachdem sein Name tagelang die estnischsprachigen wie die russischsprachigen Medien des Landes beherrscht hatte. In den Jahren dazwischen hatte er zusammen mit einigen Freunden - Russen wie er - begonnen, sich für das Land zu interessieren, in dem sie leben. Sie lasen Zeitungen, diskutierten über Politik und gingen immer am 24. Februar gemeinsam zur Feier des Unabhängigkeitstags.

          Sergei Metlev wurde Schülersprecher am russischen Gymnasium von Mustamäe und schließlich Sprecher der „Versammlung der Schülervertretungen“ der russischsprachigen Schulen. In dieser Funktion antwortete er dem russischen Botschafter in Estland, der in einem Interview von einer „Säuberung“ in den Lehrerkollegien der russischsprachigen Schulen gesprochen und behauptet hatte, auf die russischsprachigen Schüler werde Druck ausgeübt: Diese Behauptungen seien „absurd“. Die russische Botschaft solle sich weniger in die inneren Angelegenheiten Estlands einmischen und nicht „zusätzliche Spannungen“ in die Beziehungen zwischen Esten und Russen hineintragen.

          Den Buben kann man nicht zu den normalen Menschen zählen

          Seither steht Sergei Metlev ständig in der Öffentlichkeit - und zwar ganz und gar nicht gegen seinen Willen: Er hat zusammen mit Ministern Pressekonferenzen gegeben, tritt regelmäßig in Fernsehtalkshows auf und hat gute Aussichten, an diesem Sonntag für eine neue liberalkonservative Partei zu einem der jüngsten Parlamentsabgeordneten in der Geschichte Estlands gewählt zu werden. Sein Gesicht ist noch jungenhaft, doch sein Auftreten ist das eines erfahrenen Politikers, der seine Argumente routiniert vorträgt.

          Aber durch all die Selbstsicherheit hindurch spürt man, welche Wunden das geschlagen hat, was nach seiner Entgegnung auf den russischen Botschafter über ihn hereinbrach: „Zwei Wochen bin ich nicht zur Schule gegangen, es war einfach nicht möglich.“ In der Schule wurde von Lehrern eine Versammlung einberufen, in der sein Verhalten verurteilt und im Namen der Schule eine Entschuldigung an den russischen Botschafter ausgesprochen wurde. Metlev wurde als Schülersprecher abgewählt, in russischsprachigen Medien wurden anonym Mitschüler mit Aussagen zitiert wie: „Den Buben kann man nicht zu den normalen Menschen zählen“, im sozialen Netzwerk „Odnoklassniki“ wurde er mit Beschimpfungen überschüttet.

          Für die Esten in Estland wurde er damit über Nacht zum Helden. Metlev bekam Solidaritätsadressen aus dem ganzen Land, die Bildungsministerin drohte den Lehrern, die seine Verurteilung durch die Schule organisiert hatten, mit Entlassung, und auch seine Mitstreiter in der Versammlung der russischen Schülervertretungen stellten sich hinter ihn. Schließlich musste sich die Schule bei ihm entschuldigen. Doch die Feindseligkeit war damit nicht aus der Welt: „Ein Drittel meiner Klassenkameraden hat danach kein Wort mehr mit mir geredet.“

          Stärkeres Engagement für die Ukraine gefordert

          Auch einige jener Freunde, mit denen er einst gemeinsam die Unabhängigkeitsfeiern besucht hat, haben sich seither von ihm abgewandt: „Sie waren so lange offen für Estland, bis sie festgestellt haben, dass sie auf dem Arbeitsmarkt kaum Chancen haben, weil sie zu schlecht Estnisch sprechen.“ Dass er selbst die Landessprache als „zweite Muttersprache“ bezeichnen kann, liege allein daran, dass er über Jahre neben der Schule Nachhilfeunterricht in Estnisch hatte. „An meiner Schule hatte man objektiv keine Chance, es richtig zu lernen“, sagt er.

          Mihhail Stalnuhhin ist in fast allem ein Gegenpol zu Sergei Metlev. Der schlanke Nachwuchspolitiker trägt gerne Anzug und Krawatte und achtet darauf, seine Worte genau zu dosieren. Der 30 Jahre ältere Stalnuhhin ist ein bulliger Mann, der sich auch bei öffentlichten Auftritten gerne kleidet wie der Mann auf der Straße und eine Vorliebe für scharfe Polemik hat, die ihm den Ruf eingetragen hat, ein Demagoge zu sein.

          In Leuten wie Metlev sieht er Opportunisten, während er aus dessen Sicht ein Vertreter der Vergangenheit ist. Metlevs Terrain ist die nach vorne strebende Hauptstadt Tallinn, Stalnuhhins Revier dagegen ist Narva, zweihundert Kilometer weiter im Osten an der Grenze zu Russland, Estlands drittgrößte Stadt, die von den im Ausland vielgerühmten estnischen Wirtschaftsreformen vor allem deren Schattenseiten abbekommen hat; 97 Prozent der Einwohner dort sprechen russisch.

          Metlev kritisiert den russischen Präsidenten Putin scharf und wünscht sich ein stärkeres Engagement des Westens für die Ukraine; Stalnuhhin hat als einziger Abgeordneter im estnischen Parlament gegen den Assoziierungsvertrag der EU mit der Ukraine gestimmt, hält das Vorgehen der ukrainischen Streitkräfte im Donbass für barbarisch und findet, der Westen solle Russland in Ruhe lassen.

          Inkompetente Bürokraten erschweren Integration

          Dass Stalnuhhin am Sonntag zum fünften Mal in Folge als Abgeordneter für Narva in das estnische Parlament gewählt wird, ist so sicher wie die russische Bevölkerungsmehrheit in der Stadt. Es heißt, nichts in Narva, wo er zehn Jahre Präsident des Stadtparlaments war, laufe ohne ihn, überall habe er seine Finger im Spiel und ziehe Strippen.

          Er erklärt seinen Erfolg anders: „Ich bin ein ganz und gar durchschnittlicher Mensch“, sagt er, „deshalb finde ich das gut, was auch die Mehrheit gut findet.“ Dabei ist Stalnuhhin überhaupt nicht typisch für die Mehrheit der Russen in Estland: Seine Familie wanderte nicht in sowjetischer Zeit zu, sondern lebt seit fast 200 Jahren dort. Und als Ende der achtziger Jahre noch kaum ein Russe in Estland auch nur einige Worte Estnisch sprach, war er schon Estnisch-Lehrer.

          Im Grunde, sagt Mihhail Stalnuhhin, hätten die Russen in Estland genau die gleichen Probleme wie die Esten - niedrige Löhne, hohe Gebühren für Wasser, Strom und Heizung, Gesundheitsversorgung, Abwanderung. Nur einen großen Unterschied gebe es: die Schulfrage. Die Frage der Staatsbürgerschaft, Gegenstand vieler politischer Schlachten in der Vergangenheit, spiele kaum noch eine Rolle. Zwar hat noch immer etwa die Hälfte der Russen in Estland, die insgesamt etwa ein Viertel der 1,3 Millionen Einwohner stellen, keinen estnischen Pass: „Aber die haben sich schon lange daran gewöhnt, dass sie mit ihren Nicht-Bürger-Ausweisen visumfrei in die EU und nach Russland reisen können, das geben die nicht auf.“

          Aber dass so viele Schüler russischsprachiger Schulen in Estland am Ende ihrer Schulzeit nicht Estnisch sprächen, sei allein die Schuld der inkompetenten Bürokraten im Bildungsministerium: „1340 Stunden Estnisch hat ein russischer Schüler bis zum Abschluss - in der Zeit bringe ich die Sprache einem Affen bei.“ Und auch die meisten Lehrer an den russischsprachigen Schulen seien dazu in der Lage, wenn man sie nur lasse und ihnen mit Methodik und Lehrmaterialien helfe. „Aber darum kümmert sich keiner.“ Niemand in Estland schade der estnischen Sprache so sehr wie das Bildungsministerium.

          Ein Este, oder Westler?

          Das wird seit einem Jahr von einem Mann geführt, den Stalnuhhin „als jungen Kerl ohne Erfahrung und Ahnung“ bezeichnet: Jevgeni Ossinovski, der überall dort in Estland, wo die Russen einen hohen Bevölkerungsanteil stellen, das Gesicht der Sozialdemokraten im Wahlkampf ist. Es beleidige ihn, wenn man Ossinovski als Russen bezeichne, sagt Stalnuhhin: „Der ist ja nicht einmal ein Este, sondern ein Westler.“ Ossinovski selbst sieht das natürlich anders - und erklärt die Angriffe Stalnuhhins mit dessen Furcht, das Monopol auf die Vertretung der Interessen der russischsprachigen Bevölkerung zu verlieren.

          Eines an Stalnuhhins Äußerungen über Ossinovski freilich stimmt unbestreitbar: Der Minister ist jung, gerade einmal 28 Jahre alt. Über seine Familie sagt er, sie sei eine „nette sowjetische Mischung“ - die Mutter entstammt einer weißrussisch-estnischen Ehe, der Vater ist ein aus Kasachstan nach Estland zugewanderter Russe, der als Transportunternehmer einer der reichsten Männer Estlands geworden ist. Er will die mit vielen Vorbehalten und Tabus belegte Bildungspolitik pragmatisch machen. Wie schwierig das ist, zeigen die Reaktionen auf einen Vorstoß zu einer Formel, die bei Esten wie Russen zu einem Reizthema geworden ist: „60/40“.

          Seit vier Jahren müssen an russischsprachigen Gymnasien sechzig Prozent des Unterrichts auf Estnisch abgehalten werden. Russischsprachige Esten kritisieren, die Folge sei, dass die Schüler weder die estnische Sprache noch den Stoff richtig lernten. Ossinovski sieht diese Gefahr ebenfalls und will von dieser Formel abweichen - was zu einem Aufschrei beim Koalitionspartner der Sozialdemokraten, der liberalen Reformpartei, führte, die schon das Gespenst einer neuen „Russifizierung“ an die Wand malte. „Die meisten Eltern sind an solchen Streitigkeiten nicht interessiert“, sagt Ossinovski, „sie wollen einfach, dass ihre Kinder hier zurecht kommen.“ Er hat die Statistiken im Kopf, die zeigen, dass viele russischsprachige Eltern ihre Kinder lieber in Kindergärten mit estnischer Sprache schicken wollen.

          Ablehnung gegen Russland sei „beleidigend“

          Aber solcher Pragmatismus ist das eine, Gefühle sind das andere. Bei einem Treffen mit russischen Lehrerinnen in Narva erläutert Ossinovski seine Pläne, die auch einen verstärkten Estnischunterricht an den Grundschulen vorsehen. Die Diskussion ist sachlich und ruhig, lange geht es nur um das Wie - um Schulorganisation, pädagogische Methoden, Lehrmaterial. Doch dann blitzt für einen Moment etwas auf, worüber man schlecht diskutieren kann: Als der Minister sagt, Musik sei ein Fach, in dem der Unterricht schon in der Grundschule auf Estnisch sein könne, schließlich lerne man dabei viel über Ton und Rhythmus der Sprache, fällt ihm eine Lehrerin ins Wort - eine, die bis dahin besonders konstruktiv auftrat: „Aber dann lernen die Kinder die russischen Lieder nicht mehr!“

          Hört man genau zu, dann liegen die russischsprachigen Politiker in Estland in dem, was sie vom estnischen Staat erwarten, gar nicht so weit auseinander: „Wir allen wollen doch, dass unsere Kinder richtig Estnisch können“, sagt Mihhail Stalnuhhin. Dass der estnische Unabhängigkeitstag dieses Jahr mit einer Militärparade im fast rein russischsprachigen Narva begangen wurde, findet er „im Grunde gut“. Aber die ablehnende Haltung der Esten gegenüber Russland findet er „beleidigend“, den estnischen Parteien wirft er vor, sie „spielen mit der Angst vor uns“.

          Und dann erzählt er, dass die Russen in Estland eine andere Mentalität entwickelten als die Russen in Russland. Bei der Versammlung der Wohnungseigentümer des Hauses, in dem er in Narva lebt, habe ein aus Russland zugezogener Russe vorgeschlagen, Steuern und Gebühren zu umgehen: „Wir konnten ihm gar nicht erklären, dass wir das hier nicht mehr so machen.“

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