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Nach dem Majdan : Die Revolution frisst ihre Financiers

Der ukrainische Milliardär Ihor Kolomojskij ist ein Könner der mit Kraftausdrücken durchsetzten Sprache aus Gefängnissen und Bordellen. Bild: Reuters

Auf Druck des Westens kündigen die Erben des Majdans ihr Bündnis mit den Oligarchen auf. Einer der reichsten Männer der Ukraine, der Milliardär Ihor Kolomojskij, wehrt sich mit Waffen und Kraftausdrücken gegen den Machtverlust.

          Über den Milliardär Ihor Kolomojskij aus der ukrainischen Millionenstadt Dnipropetrowsk lässt sich eines mit großer Wahrscheinlichkeit und eines mit Gewissheit sagen: Wahrscheinlich ist der Mann, der nicht nur (nach einer Schätzung der Zeitschrift „Forbes Ukraina“) ein Vermögen von 1,8 Milliarden Dollar besitzt, sondern vor allem im Zuge der ukrainischen Verteidigung gegen die russische Intervention im Donbass mehrere Freiwilligenbataillone finanziert hat, einer der mächtigsten Männer des Landes. Sicher aber ist, dass er unter den Mächtigen derjenige ist, der am unermesslichen Reichtum der russischen Sprache an Verwünschungen, Beleidigungen und Kraftausdrücken teilhat wie kein Zweiter in seiner Vermögensklasse.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Kolomojskijs Souveränität im Gebrauch der „Materschtschina“, der russischen Kampfsprache aus der Welt der Gefängnisse und Bordelle, beschäftigt dieser Tage die ukrainische Öffentlichkeit. Das liegt weniger daran, dass ein Fernsehinterview des Finanzmagnaten in der Nacht zum Freitag von dem Piepen, mit dem auch ukrainische Sender allzu Deftiges überdecken, widerhallte wie eine Kanarienlaube zur Brunftzeit. „Päderast“, „Schlampe,“ „Benutzer gebrauchter Präservative“, die Worte, mit denen Kolomojskij seine Kritiker beschrieb, sind zwar auch in der Ukraine nicht das Vokabular Höherer-Töchter-Schulen, aber andererseits ist dieses vom Krieg gezeichnete Land mittlerweile einiges gewohnt. Der Hauptgrund des Widerhalls, den seine Tiraden finden, liegt denn auch weniger in der Form als im Signal, das von Kolomojskijs Ausbruch ausgeht: Der stärkste Oligarch der Ukraine sieht sich im Krieg mit einer Strömung im Lande, die seit der Revolution des „Euromajdans“ den Einfluss zwielichtiger Moguln auf Politik und Gesellschaft nicht mehr dulden will.

          Dabei hatte Kolomojskijs Beziehung zur Revolution vielversprechend angefangen. Weil gleich nach dem Sturz des Präsidenten Wiktor Janukowitsch und seines von Moskau beeinflussten Familienclans im vergangenen Februar die russische Intervention in der Ukraine begann, war „der Majdan“ seinerzeit gezwungen gewesen, bei den Oligarchen, die er eigentlich mit dem Slogan „Weg mit den Banditen“ bekämpft hatte, Hilfe zu suchen.

          Ein Amt als Dank für finanzielle Hilfe

          Jurij Luzenko, einer der bekanntesten Aufstandsführer, sagte damals, wegen der russischen Aggression müsse die Revolution nun von der „antioligarchischen“ in die „antiimperialistische“ Phase übergehen. Wer von den milliardenschweren „Banditen“ also bereit war, dem neuen proeuropäischen Kiew in seiner Not zu helfen, konnte mit Entgegenkommen rechnen. Russlands Angriff erzwang einen „historische Kompromiss“ der Revolution mit denjenigen Oligarchen, die nicht unter die Knute des Präsidenten geraten wollten.

          Kolomojskij hat damals an der Spitze derer gestanden, die diese Gelegenheit wahrnahmen. Seine Helfer haben ihn immer schon dafür gerühmt, unter den Oligarchen des Landes der brutalste zu sein. Nach der Revolution zeigte sich aber, dass er außerdem auch der wendigste ist. Schnell drehte er die Geldhähne auf, finanzierte Treibstoff und Munition für die ausgemergelte Armee, half mit Geld und Energie, ein ukrainisches Freiwilligenbataillon nach dem anderen an die Front im Osten zu schicken. Als Gegenleistung erhielt er im März 2014 vom damaligen Übergangspräsidenten Oleksandr Turtschinow in seiner Hochburg Dnipropetrowsk das Gouverneursamt. Dieses Amt hat er nun in der Nacht zu Mittwoch nach einem Treffen mit dem Präsidenten Petro Poroschenko aufgegeben.

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