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Alltag in der Ostukraine : Neue Grenzen, alte Ansprüche

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Stundenlanges Anstehen: Menschen aus dem Gebiet der „Volksrepublik Donezk“ warten am Freitag vor der Passierscheinstelle im ukrainischen Artemiwsk. Bild: Oleksandr Techynskyy

Das Leben in den Separatistengebieten ist kompliziert: Rente wird nur in der Ukraine ausgezahlt, dorthin zu kommen ist äußerst schwer. Entsprechend groß ist die Wut auf die Regierung in Kiew.

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          Etwas Hering und eine schöne Illustrierte würde sich Ljudmila Wiktorowna gerne einmal wieder gönnen. Damit würde sie sich wie früher auf ihr Sofa setzen und den Ruhestand ein wenig genießen, obwohl ihr der hohe Blutdruck zu schaffen macht und die Knie schmerzen. Doch den Fisch kann sie sich nicht leisten, und Zeitschriften werden schon lange nicht mehr geliefert. „Für die paar Groschen möchte keiner sein Leben riskieren und zu uns kommen“, sagt Ljudmila Wiktorowna. Sie wohnt in der Stadt Gorlowka, die bis vor einem Jahr 250.000 Einwohner zählte und sich früher einmal „Chemiehauptstadt“ des Donbass nannte. Seit dem vergangenen Frühjahr haben in Gorlowka Leute das Sagen, die zur „Volksrepublik Donezk“ gehören wollen. Im Spätsommer begannen ukrainische Truppen und Separatisten um die Stadt zu kämpfen. Erst vor ein paar Tagen ist das letzte Geschoss eingeschlagen. Man hörte das Dröhnen der Schlacht um das nahe gelegene Debalzewe.

          Ljudmila Wiktorowna ist eine großgewachsene Frau Mitte sechzig mit einer imposanten beigen Pelzkappe, die sie bis knapp über die Augen gezogen hat. Ihr Lippenstift ist rosé. Sie ist heilfroh, dass ihre Heimatstadt befreit wurde vom „faschistischen Regime in Kiew“. Das sagt sie gleich, damit keine Missverständnisse aufkommen. Von Kiew will Ljudmila Wiktorowna nur noch eines: die Rente, die ihr zusteht. Es waren ohnehin nur 1132 Griwna, nach dem Wechselkurs von vor zwei Jahren 100 Euro, heute 35 Euro. So wenig bekomme sie nach genau 35 Jahren treuen Diensten als Ingenieurin in der örtlichen Chemiefabrik. „Nach allem, was ich da eingeatmet habe!“ Und nun verweigere die Regierung, die ihre Stadt bombardiere, ihr auch noch dieses magere Altersgehalt. Seit Juli bekommen die Separatisten in Gorlowka kein Geld mehr für Renten und Sozialleistungen aus dem zentralen Kiewer Budget. Genauso lange lebt Ljudmila Wiktorowna ohne Rente.

          Nur mit Passierschein kommt man durch die Checkpoints

          Sie erzählt das alles mit lauter Stimme vor dem Kaffeeregal eines großen Stadtrandsupermarktes, einem der wenigen Geschäfte, die überhaupt noch geöffnet sind. In ihren Einkaufskorb hat Ljudmila Wiktorowna eine Packung roten Saft und ein Stück Butter gelegt. Mehr kann sie sich an diesem Tag beim besten Willen nicht erlauben. Dabei lockt rundherum eine durchaus noch beeindruckende Auswahl an Lebensmitteln. Ein Dutzend Nudelsorten, viele verschiedene Fleischkonserven, Dauerwurst, Sekt und Champagner, italienisches Olivenöl, eingeschweißter Hartkäse und Pralinen. Es sei aber alles alte, haltbare Ware, sagt Ljudmila Wiktorowna. Frische Milch und Fleisch gebe es nur noch aus der Region Donezk. Und bezahlen könne das keiner.

          Dass sie überhaupt über die Runden kommt, verdankt Ljudmila Wiktorowna ihrem Mann. Der habe sich, dies erzählt sie etwas leiser, auf den Weg über die Grenze gemacht und seine Rente in der Ukraine kassiert. „Sie können sich nicht vorstellen, wie aufwendig das war!“ Beide Seiten haben an allen Straßen Checkpoints aufgebaut, um den Frontverlauf zu markieren und das Einsickern von gegnerischen Kämpfern zu verhindern. Um aus der „Volksrepublik“ in die Ukraine und wieder zurück zu gelangen, braucht man einen Passierschein. Zivilisten benötigen Unterlagen, um einen solchen Schein zu bekommen: etwa den Nachweis, dass sie auf der ukrainischen Seite arbeiten, dass sie dort Verwandte haben oder tatsächlich schon lange im Separatistengebiet leben. Dort eine Wohnung oder ein Haus zu besitzen hilft ebenfalls. Kiew will verhindern, dass reihenweise Rentner aus dem Separatistengebiet sich ihr Geld in der Ukraine abholen. Denn dann wäre der Stopp der ukrainischen Zahlungen in das Gebiet sinnlos.

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