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Türkei und „Islamischer Staat“ : Die Geisterzüge von Kobane

Wut und Angst: Kurden protestieren gegen den „Islamischen Staat“ an der türkisch-syrischen Grenze nahe Kobane. Bild: dpa

Die Terrormiliz „Islamischer Staat“ hat sich bis zur Türkei vorgekämpft. Unter den Kurden vor Ort wächst die Wut auf die Regierung in Ankara. Eine Reportage aus dem Grenzgebiet.

          Noch vor drei Jahren war Suruc eine türkische Provinzstadt an der Grenze zu Syrien. Heute ist Suruc eine Festung. Überall Polizisten, Soldaten, gepanzerte Fahrzeuge. Was sich südlich der Grenze befindet, ist unklar. Früher begann dort, in der syrischen Stadt Kobane, ein Staat namens Syrien. Heute existiert dort aber nur noch ein unübersichtliches Puzzle aus den Herrschaftsgebieten der verschiedenen Kriegsparteien im Nahen Osten. Was sich nicht geändert hat, ist die Zusammensetzung der Bevölkerung von Suruc und Kobane: An diesem Abschnitt der Grenze leben fast nur Kurden. Die Grenzen zwischen ihren Städten und Dörfern haben andere gezogen; und die Kurden sind immer weniger bereit, sie hinzunehmen.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Athen.

          Seit gut einer Woche ist Kobane in den Schlagzeilen. Zum Ärger der Türkei war hier eine von drei autonomen Regionen entstanden, in der Syriens Kurden – sie stellten etwa zehn Prozent der Bevölkerung – im Zuge des syrischen Staatszerfalls die Macht übernahmen. Rojava, („Westen“ oder politisch „Westkurdistan“) nennen sie die Region. Die Macht in den drei geographisch nicht miteinander verbundenen kurdischen autonomen Gebieten haben die „Partei der Demokratischen Union“ und deren bewaffneter Arm, die „Volksschutzeinheiten“ (YPG). Beide sind nach dem Vorbild der kurdischen Terrororganisation PKK in der Türkei entstanden und eng mit ihr verbunden. Seit YPG-Einheiten vor Kobane gegen die vorrückenden Dschihadisten des „Islamischen Staates“ (IS) kämpfen und Tausende Kurden nach Suruc geflohen sind, herrscht dort der Ausnahmezustand.

          Von Suruc bis zum Grenzübergang sind es noch etwa zehn Kilometer. Dünnbesiedeltes Land, einige kurdische Gehöfte und Lehmbauten im Staub. Am Straßenrand Panzerfahrzeuge. Jeder von der Hauptstraße abführende Feldweg wird von türkischen Soldaten bewacht. Am Grenzübergang herrscht Chaos. Weinende Kinder, Koffer, Säcke, Kisten, Journalisten aus aller Welt – und Wahid Kitkani. Er heiße Wahid Kitkani, sagt er und zeigt sogleich seinen syrischen Pass, als müsse er das beweisen. Er ist in der vergangenen Woche geflüchtet, nun ist er an die Grenze zurückgekehrt, um Neues aus seiner Heimat zu erfahren. Er fällt auf in der Menge – durch sein sauber gebügeltes Hemd und weil Cowboystiefel sonst selten getragen werden in diesem Teil der Welt. In seinem Dorf bei Kobane beschäftige er sich mit Ackerbau, vor allem mit Oliven. Doch in Suruc ist zu hören, er habe sich seinen Wohlstand, wohlwollend formuliert, durch grenzüberschreitenden Handel unter Ausklammerung lästiger Zollformalitäten erarbeitet.

          Derzeit ruht das Geschäft jedoch, denn das Heimatdorf des grenzüberschreitenden Händlers Wahid Kitkani ist von IS-Kämpfern besetzt. Kitkani hat seine Frau und die drei Kinder in Suruc in Sicherheit gebracht, und nun steht er auf einem Hügel auf der türkischen Seite der Grenze und schaut hinunter auf sein Haus, aus dem er fliehen musste. Nur 200 Meter von der Grenze entfernt liegt sein Dorf, man kann die IS-Terroristen erkennen, die darin umherlaufen – kleine schwarze Punkte, die für das Böse stehen. Hinter dem Hügel, von dem aus Wahid Kitkani die Fremden in seinem Dorf betrachtet, liegt auf türkischer Seite der Grenze Sibedi. Auf Türkisch heißt das Dorf Karaca, aber da in Sibedi nur Kurden leben, nennt es niemand so. In Sibedi hat Kitkani Verwandte.

          Die Männer versammeln sich auf Kissen am Boden im größten Raum des Hauses, es gibt Tee. Cemal Hasan, 61 Jahre alt, Vater von 12 Kindern, ist der Wortführer. Der IS habe Panzer und schweres Gerät, davor fürchteten sich die Kämpfer der kurdischen Volksschutzeinheiten, sagt der Patriarch, während vom übernächsten Hügel her Geschützdonner zu hören ist. Was wird, wenn der IS auch in sein Dorf kommt? „Wir haben keine Angst vor dem Tod – nur vor der Art, wie der IS kämpft. Die Frauen vergewaltigen sie, die Männer enthaupten sie“, sagt Cemal Hasan. Im Zweifelsfall werde man sich zur Verteidigung nur auf die YPG und die PKK verlassen können, auf kurdische Kämpfer also. „Der Türkei vertrauen wir nicht.“ Die Türkei habe dabei zugesehen, wie Kurden auf der anderen Seite der Grenze ermordet werden, „und das ist für uns gleichbedeutend mit Unterstützung des IS“.

          Dass die Amerikaner begonnen haben, Stellungen des IS in Syrien zu bombardieren, heißen Cemal Hasan und die anderen Männer gut. Schwere Vorwürfe werden aber gegen die Türkei laut. „Wir hier und die da drüben sind alle Kurden“, setzt Cemal Hasan zu einem Vortrag an, dessen Kernthese lautet, dass die Türkei die islamistischen Terrormiliz fördere, um die Kurden zu bekämpfen. „Die Türken haben sogar Waffen geliefert mit einem Zug“, sagt einer der Männer. Tatsächlich verläuft in Sichtweite, direkt an der Grenze, auf türkischer Seite eine Bahnlinie. Viele Kurden hier geben sich fest überzeugt davon, dass die Regierung in Ankara den Islamisten bis in die jüngste Zeit hinein Waffen geliefert habe. Man sieht das auch an den Lastwagen, die aufgebrachte Kurden auf die Gleise geschoben haben, um mögliche neue Waffenlieferungen aufzuhalten.

          Fotos oder Videos gibt es von dem türkischen Zug keine

          Immer wieder melden sich Augenzeugen, die eine solche Waffenlieferung beobachtet haben wollen. In einem Flüchtlingszelt unweit von Sibedi, in dem einige Dutzend syrische Kurden Unterschlupf gefunden haben, ist die Stimmung besonders aufgeheizt. Einigen Bauern gelang es, ihre Kühe auf die Flucht mitzunehmen, nun müssen sie mit kurdischen Viehhändlern aus der Türkei verhandeln, um sie rasch zu verkaufen, da es neben ihrem Zelt weder Wasser noch Weideland genug gibt. Das wissen die Viehhändler und drücken den Preis. 3000 Lira (umgerechnet gut 1000 Euro) bekomme man derzeit für eine Kuh, die Hälfte der üblichen Summe, berichten die Flüchtlinge. Die Viehhändler seien schlimmer als die Terroristen, schimpft einer.

          Ein anderer Flüchtling, der behauptet, in Kobane als Polizist gearbeitet zu haben, bestätigt derweil die Geschichte mit dem Zug, die schon die Männer in Sibedi erzählt haben. „Ich habe selbst gesehen, dass ein Zug gekommen ist mit Kisten, die ausgeladen wurden.“ Er kann Ort, Tag und sogar die Uhrzeit des vermeintlichen Geschehens genau angeben, berichtet auch detailliert davon, wie nach der Abfahrt des Zuges die IS-Kämpfer gekommen seien und die Kisten auf ihre offenen Lieferwagen gestemmt hätten. Er habe das gemeinsam mit 20 anderen kurdischen Polizisten beobachtet. Merkwürdig daran ist nur, dass offenbar kein einziger der Zeugen auf die Idee kam, das Geschehen zu fotografieren oder zu filmen, obwohl selbst die Flüchtlinge hier im Zeltlager fast alle ein Smartphone besitzen. Auch das kurdische „Zentrum für Öffentlichkeitsarbeit“ in Frankfurt, das Journalisten mit Informationen aus Kobane versorgt, konnte zu den Vorwürfen auf Anfrage am Freitag nur mitteilen, es gebe dazu „leider kein Bildmaterial“. Der Zug mit türkischen Waffen für den IS scheint ein Geisterzug zu sein.

          Dabei trifft es durchaus zu, dass die Türkei zu Beginn des Krieges islamistische Kämpfer in Syrien unterstützt hat, auch im Kampf gegen die Kurden. Nun, da die Extremisten vor Kobane stehen, ist die Atmosphäre zwischen Türken und Kurden vergiftet. Der von der Erdogan-Regierung angestoßene Friedensprozess ist in Gefahr. Ismail Kaplan, Vorsitzender der Kurdenpartei BDP in Suruc, sagt das seit Tagen: „Der Friedensprozess ist tot, der Waffenstillstand (zwischen der PKK und dem türkischen Staat) auch.“

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