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Türkei und „Islamischer Staat“ : Die Geisterzüge von Kobane

Wut und Angst: Kurden protestieren gegen den „Islamischen Staat“ an der türkisch-syrischen Grenze nahe Kobane. Bild: dpa

Die Terrormiliz „Islamischer Staat“ hat sich bis zur Türkei vorgekämpft. Unter den Kurden vor Ort wächst die Wut auf die Regierung in Ankara. Eine Reportage aus dem Grenzgebiet.

          4 Min.

          Noch vor drei Jahren war Suruc eine türkische Provinzstadt an der Grenze zu Syrien. Heute ist Suruc eine Festung. Überall Polizisten, Soldaten, gepanzerte Fahrzeuge. Was sich südlich der Grenze befindet, ist unklar. Früher begann dort, in der syrischen Stadt Kobane, ein Staat namens Syrien. Heute existiert dort aber nur noch ein unübersichtliches Puzzle aus den Herrschaftsgebieten der verschiedenen Kriegsparteien im Nahen Osten. Was sich nicht geändert hat, ist die Zusammensetzung der Bevölkerung von Suruc und Kobane: An diesem Abschnitt der Grenze leben fast nur Kurden. Die Grenzen zwischen ihren Städten und Dörfern haben andere gezogen; und die Kurden sind immer weniger bereit, sie hinzunehmen.

          Michael Martens
          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Seit gut einer Woche ist Kobane in den Schlagzeilen. Zum Ärger der Türkei war hier eine von drei autonomen Regionen entstanden, in der Syriens Kurden – sie stellten etwa zehn Prozent der Bevölkerung – im Zuge des syrischen Staatszerfalls die Macht übernahmen. Rojava, („Westen“ oder politisch „Westkurdistan“) nennen sie die Region. Die Macht in den drei geographisch nicht miteinander verbundenen kurdischen autonomen Gebieten haben die „Partei der Demokratischen Union“ und deren bewaffneter Arm, die „Volksschutzeinheiten“ (YPG). Beide sind nach dem Vorbild der kurdischen Terrororganisation PKK in der Türkei entstanden und eng mit ihr verbunden. Seit YPG-Einheiten vor Kobane gegen die vorrückenden Dschihadisten des „Islamischen Staates“ (IS) kämpfen und Tausende Kurden nach Suruc geflohen sind, herrscht dort der Ausnahmezustand.

          Bild: FA.Z.

          Von Suruc bis zum Grenzübergang sind es noch etwa zehn Kilometer. Dünnbesiedeltes Land, einige kurdische Gehöfte und Lehmbauten im Staub. Am Straßenrand Panzerfahrzeuge. Jeder von der Hauptstraße abführende Feldweg wird von türkischen Soldaten bewacht. Am Grenzübergang herrscht Chaos. Weinende Kinder, Koffer, Säcke, Kisten, Journalisten aus aller Welt – und Wahid Kitkani. Er heiße Wahid Kitkani, sagt er und zeigt sogleich seinen syrischen Pass, als müsse er das beweisen. Er ist in der vergangenen Woche geflüchtet, nun ist er an die Grenze zurückgekehrt, um Neues aus seiner Heimat zu erfahren. Er fällt auf in der Menge – durch sein sauber gebügeltes Hemd und weil Cowboystiefel sonst selten getragen werden in diesem Teil der Welt. In seinem Dorf bei Kobane beschäftige er sich mit Ackerbau, vor allem mit Oliven. Doch in Suruc ist zu hören, er habe sich seinen Wohlstand, wohlwollend formuliert, durch grenzüberschreitenden Handel unter Ausklammerung lästiger Zollformalitäten erarbeitet.

          Derzeit ruht das Geschäft jedoch, denn das Heimatdorf des grenzüberschreitenden Händlers Wahid Kitkani ist von IS-Kämpfern besetzt. Kitkani hat seine Frau und die drei Kinder in Suruc in Sicherheit gebracht, und nun steht er auf einem Hügel auf der türkischen Seite der Grenze und schaut hinunter auf sein Haus, aus dem er fliehen musste. Nur 200 Meter von der Grenze entfernt liegt sein Dorf, man kann die IS-Terroristen erkennen, die darin umherlaufen – kleine schwarze Punkte, die für das Böse stehen. Hinter dem Hügel, von dem aus Wahid Kitkani die Fremden in seinem Dorf betrachtet, liegt auf türkischer Seite der Grenze Sibedi. Auf Türkisch heißt das Dorf Karaca, aber da in Sibedi nur Kurden leben, nennt es niemand so. In Sibedi hat Kitkani Verwandte.

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