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Ukraine-Krise : Gefährliche Pufferzone

  • -Aktualisiert am

Ein ukrainisches Panzerfahrzeug auf der Straße nach Debaltseve im Osten des Landes Bild: AFP

Ein Erkundungsteam der Bundeswehr hat sich ein Bild von der Lage an der Waffenstillstandslinie in der Ukraine gemacht. Sind Mann und Gerät dort sicher? Die Soldaten sind skeptisch.

          Zur Vorbereitung eines möglichen Einsatzes für die OSZE in der Ukraine ist vor gut zwei Wochen ein Erkundungsteam der Bundeswehr mit 14 Soldaten bis kurz vor die Pufferzone zwischen den ukrainischen Streitkräften und den prorussischen Separatisten gereist. Es sollte Eindrücke über die Lage im Konfliktgebiet gewinnen. Die Bundesregierung hat der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) angeboten, mithilfe von Aufklärungsdrohnen vom Typ „Luna“ dabei zu helfen, den Waffenstillstand zwischen den Konfliktparteien zu überwachen.

          Nach Recherchen der Frankfurter Allgemeine Zeitung trafen die deutschen Soldaten in der Nähe von Sewerodonezk, einer von der ukrainischen Armee gehaltenen 120.000-Einwohner-Stadt nahe der Frontlinie, ein regionales Team der OSZE, das in der Region Luhansk den Waffenstillstand überwacht. Südlich von Sewerodonezk beginnt das Separatistengebiet.

          Die OSZE-Mitarbeiter hätten deutlich gemacht, dass Aufklärungsdrohnen maßgeblich dazu beitragen könnten, ein besseres Bild von den Geschehnissen in der Pufferzone zu bekommen, berichtete ein deutscher Offizier dieser Zeitung. „Nach dieser Erkundungsmission bin ich davon überzeugt, dass wir dabei helfen können, den Konflikt zu beenden“, sagte er.

          Ukrainer könnten Aufklärungsdrohne zerstören

          Das Erkundungsteam war unbewaffnet und bewegte sich in Geländewagen der OSZE entlang der ukrainischen Seite der Pufferzone. Dabei durchfuhren die Soldaten auch Gebiete, die von Freiwilligenbataillonen gehalten werden. Der erste Eindruck von diesen Verbänden, die keine regulären Armeeeinheiten sind, rief Skepsis beim Erkundungsteam hervor. „Wir müssen davon ausgehen, dass von diesen Bataillonen auch organisierte Kriminalität ausgeht, die wir mit unseren Überwachungsflügen stören könnten“, sagte der Offizier. Daher rechne die Bundeswehr damit, dass ihre Drohnen sowohl von den Separatisten als auch von der ukrainischen Seite abgeschossen werden könnten. Über entsprechende Waffen dazu verfügen beide Seiten. Die Bundeswehr plant, mehrere Dutzend „Luna“-Drohnen vor Ort in Reserve zu halten.

          Die „Luftgestützte Unbemannte Nahaufklärungs-Ausstattung“ (Luna) besteht aus einer Bodenkontrollstation, einem auf Lastwagen montierten Katapult und dem mit hochauflösenden Wärmebild-, Infrarot- und Videokameras ausgestatteten Flugzeug, dessen Flugroute zuvor in den Bordcomputer einprogrammiert werden kann.

          Kleiner, praktischer, billiger: Zwei Soldaten bereiten die Überwachungsdrohne „Luna“ für den Einsatz in der Ukraine vor.

          Die Drohne wird von einem Zweitaktpropellermotor betrieben, fliegt in niedriger Höhe (1000 Meter) etwa 65 Kilometer weit und landet in einem Fangnetz oder an einem Fallschirm. Die Kosten für ein Fluggerät betragen etwa 250.000 Euro und liegen damit deutlich niedriger als die Kosten für eine große Drohne wie der von der Bundeswehr in Afghanistan betriebenen Drohne des Typs „Heron-1“, die dem Erkundungsteam für den Einsatz in der Ukraine ungeeignet erscheint.

          Niedersächsische Fallschirmjäger sorgen für Schutz

          Der Offizier sagte, den Einsatz einer bis zu 9000 Meter hoch fliegenden und mehrere tausend Kilometer weit reichenden Drohne wie der „Heron-1“ würde Moskau nicht akzeptieren, weil es die Aufklärungstechnik solcher Fluggeräte ermögliche, tief in russisches Gebiet hinein zu spähen. Es müsse damit gerechnet werden, dass die Russen große Drohnen abschießen würden. „Da sind dann sehr schnell mal mehrere Millionen Euro vom Himmel geholt“, erklärte der Offizier. Der Verlust einer „Luna“ hingegen lasse sich finanziell verkraften. Die Bundeswehr plant mehrere Überwachungsflüge pro Tag.

          Das Erkundungsteam hat dem Verteidigungsministerium berichtet, der Überwachungsauftrag sei mit etwa 400 Soldaten zu erfüllen, unter ihnen 40 Mann für die Bedienung der „Luna“-Drohnen, 50 Sanitäter, zehn Pioniere und etwa 100 Logistiker. Für den Schutz des Drohnen-Personals sollen zudem 60 Fallschirmjäger aus dem niedersächsischen Seedorf in die Ukraine entsendet werden.

          Der Großteil der Soldaten solle in Charkiw bleiben, das weit entfernt von der Frontlinie liegt. Das Bedienungs- und das Sicherungspersonal sowie die Sanitäter müssten nach Angaben des Offiziers dagegen eine vorgeschobene Operationsbasis in der Nähe der Pufferzone, „aber außerhalb der Artilleriereichweite der Separatisten“ beziehen, um von dort aus die Fluggeräte an die Frontlinie zu schaffen und starten zu können.

          Soldaten als zahnlose Tiger

          Dabei solle es sich um Bauernhöfe am Rand von Städten oder Dörfern handeln, die im Falle eines Wiederaufflammens der Kämpfe schnell evakuiert werden könnten. Um verwundete Soldaten versorgen zu können, soll in dieser Basis auch ein mobiles Rettungszentrum aus Zelten und Containern aufgebaut werden.

          Es ist weiter unklar, ob die Bundeswehrsoldaten ihre Waffen direkt mitführen werden. Die OSZE lehnte bislang eine Bewaffnung der Soldaten mit dem Hinweis ab, der größte Schutz ihrer Mitarbeiter bestehe in ihrem Neutralitätsstatus und darin, unbewaffnet zu sein. Das Erkundungsteam teilt diese Einschätzung nicht.

          Der Bundeswehr-Offizier sagte, bis zur endgültigen Klärung könnten die Soldaten ihre Waffen zunächst noch in Deutschland zurücklassen. Aber einen unbewaffneten Einsatz nahe der Pufferzone werde es nicht geben. Die Soldaten begründen das mit den Ereignissen in den neunziger Jahren, als in Bosnien-Hercegovina und in Ruanda ähnliche Argumente von den Vereinten Nationen hervorgebracht worden waren, die UN-Soldaten aber anschließend als „zahnlose Tiger“ vor den Konfliktparteien kapitulieren mussten.

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