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Krieg in der Ukraine : Die letzten Menschen von Swetlodarsk

  • -Aktualisiert am

Fassungslos: Ein Einwohner von Swetlodarsk vor einem zerstörten Wohnblock Bild: ALexander Tetschinski

Die Städte nahe der Frontlinie im Osten der Ukraine geraten immer wieder unter schweren Beschuss. Wem geben die Einwohner die Schuld an dem Krieg? Ein Besuch in Swetlodarsk.

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          Bei Grigorij und seinen Kollegen vom Kohlekraftwerk in Swetlodarsk ist der Frieden noch lange nicht angekommen. Am Sonntagvormittag stehen sie in Anoraks und Fellmützen vor einem fünfstöckigen Wohnblock mit zerplatzten Fenstern und halb abgerissenen Balkonen. Das Artilleriefeuer schlug hier schon am Freitag ein. Aber im Hintergrund donnern am Sonntag – viele Stunden nach dem vereinbarten Beginn des Waffenstillstands – noch immer fast ununterbrochen schwere Geschütze. Die Männer diskutieren lautstark, ob ukrainische Soldaten oder Separatisten ihre Wohnungen beschossen haben. Swetlodarsk liegt drei Kilometer von der ostukrainischen Frontlinie entfernt und rund 20 Kilometer vom schwer umkämpften Debalzewe.

          Das Städtchen Swetlodarsk zählte 12.000 Einwohner, bevor die Separatisten in die Gegend kamen. Als sowjetische Plansiedlung wurde es 1970 für die 2700 Mitarbeiter des Kohlekraftwerks aus dem Boden gestampft. Grigorij lebt vom ersten Tag an hier und arbeitet bis heute im Kraftwerk mit dem gigantischen Wald aus Strommasten vor der Stadt. Seinen Nachnamen möchte er nicht nennen, seine Meinung sagt er gern: Die ukrainischen Kräfte trügen die Verantwortung für alles Übel und auch dafür, dass die Feuerpause nicht eingehalten werde.

          Grigorij hält den Kampf der ukrainischen Truppen gegen die bewaffneten prorussischen Kräfte im Donbass für völlig ungerechtfertigt. Am schlimmsten sei es, dass auf seinem Lohnzettel nun auch noch der Posten „Kriegsteuer“ auftauche. „Da bezahle ich noch selbst die Waffen, mit denen Kiew dann auf uns schießen lässt.“ Kürzlich habe die ukrainische Armee Soldaten, Nachschub für die nahe Front, bei ihnen im Ort einquartieren wollen, erzählt die Herrenrunde. „Aber das wäre ja noch schöner!“ Man habe sie abgewiesen.

          „Deshalb müssen wir hierbleiben.“

          Am Tag nach dem Waffenstillstand scheinen alle verbliebenen Einwohner von Swetlodarsk auf den Beinen zu sein. Frauen in dicken Mänteln stehen aufregt schwatzend beisammen und beäugen ängstlich die ausländischen Journalisten, die mit Schutzwesten, großen Kameras und Helmen auf dem Kopf an ihnen vorüber eilen. Alte Männer schleppen Kunststoffsäcke mit zersplittertem Fensterglas durch die Gegend und schaffen die großen, mit Eis überzogenen Äste fort, die der freitägliche Angriff von den Bäumen gerissen hat.

          Seit die Kämpfe immer näher rücken, sind viele geflohen. Zwei Drittel der Mitarbeiter des Kraftwerks sind verschwunden. Andere haben ihre Frauen und Kinder fortgeschickt zu Verwandten und bleiben selbst im Ort, um zu arbeiten. Von den sieben Blocks des Kraftwerks ist im Augenblick nur einer in Betrieb. Wenn der auch noch abgeschaltet würde, fehlte es dem Ort und der Umgebung sehr schnell an warmem Wasser und Heizung, sagt Grischa. Der Speicher reiche nur für fünf Tage. „Deshalb müssen wir hierbleiben.“ Sonst stürbe Swetlodarsk ja ganz.

          An diesem Fleck auf der ukrainischen Landkarte haben die Präsidentenwahlen nicht stattgefunden. Hätte es sie gegeben, hätte nach Ansicht der kleinen Arbeitergruppe niemand für Petro Poroschenko, diesen Oligarchen, gestimmt. Was der im Fernsehen sage, gerade über den Krieg, sei völliger Unsinn. Sie sähen doch mit eigenen Augen, woher das Feuer kommt. Für einige Einschläge in Swetlodarsk hätten sich die ukrainischen Truppen vor drei Wochen sogar entschuldigt. Man habe sich einfach vertan, hätten sie gesagt, und werde alles ersetzen.

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