https://www.faz.net/-gq5-7n3of

Gauck in Griechenland : Verbunden im Guten wie im Bösen

Einer der letzten Politiker, die im Zweiten Weltkrieg kämpften: Der griechische Präsident Karolos Papoulias, am Donnerstag neben Joachim Gauck in Athen Bild: dpa

Die Beziehung zwischen Deutschland und Griechenland ist vielleicht an keinem anderen Ort so mit Händen zu greifen wie in Kalavryta auf der Peleponnes. Hier massakrierten Wehrmachtssoldaten tausend Griechen.

          4 Min.

          Zum Abschluss seines Griechenland-Aufenthalts wird Bundespräsident Joachim Gauck an diesem Freitag in die nordwestgriechische Region Epirus reisen, die Heimatgegend seines griechischen Gegenparts Karolos Papoulias. Hier schloss sich der fließend Deutsch sprechende Staatspräsident Griechenlands, Jahrgang 1929, als Jüngling von kaum 14 Jahren den Partisanen an, die gegen die deutsch-italienisch-bulgarische Besatzung des Landes kämpften.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Papoulias gehört zu den wenigen aktiven Politikern Europas, die noch am Zweiten Weltkrieg mitgewirkt haben. Deshalb ist ihm der Ort Ligiades (in anderer Umschrift: Lingiades) nicht nur aus Geschichtsbüchern bekannt. In Ligiades töteten deutsche Soldaten im Oktober 1943 in einer „Vergeltungsaktion“ mehr als 90 Zivilisten. Gauck wird an der Gedenkstätte eine Rede halten und einen Kranz niederlegen.

          Er ist nicht der erste Bundespräsident, der einen Ort deutscher Verbrechen in Griechenland aufsucht. Richard von Weizsäcker hatte 1987 den Gedenkort Kaissariani bei Athen besucht, eine zentrale Hinrichtungsstätte während der Okkupationsjahre. Er besuchte aber auch den deutschen Soldatenfriedhof Dionysos. Dort, wo fast 10.000 in Griechenland gefallene deutsche Soldaten begraben liegen, legte er unter Trommelwirbel und zur Melodie von „Ich hatt’ einen Kameraden“ einen Kranz nieder. Sein Nachnachfolger Johannes Rau verzichtete auf diese Geste, denn als er im April 2000 nach Griechenland kam, war das schon außer Mode. Rau besuchte stattdessen das Dorf Kalavryta auf der Peloponnes, wo mehrheitlich aus Österreich stammende Soldaten der 117. Jäger-Division 1943 als „Sühne“ für die vorherige (und nicht minder grausame) Ermordung ihrer von Partisanen gefangenen Kameraden mehrere hundert Männer erschossen. „Ich empfinde hier, an dieser Stätte, tiefe Trauer und Scham“, sagte Rau damals in einer kurzen und schlichten Ansprache.

          Legende der Heldin Ehrengard Schramm

          Kalavryta steht in Griechenland synonym für deutsche Kriegsverbrechen, so wie Oradour-sur-Glane in Frankreich. Weniger bekannt ist eine Geschichte, in der Kalavryta auch für die schwierige, widerspruchsvolle, von Rückschlägen begleitete deutsch-griechische Wiederannäherung nach dem Krieg steht. Diese Geschichte beginnt 1952, und ihre Heldin ist Ehrengard Schramm, geborene von Thadden, Jahrgang 1900. Geboren in Greifenberg in Hinterpommern als Tochter des Landrats Adolf von Thadden auf Gut Trieglaff, dem Stammsitz, stammte sie aus einer angesehenen preußischen Familie, die auf vielfache Weise mit deutscher Geschichte verbunden ist. Ihre zehn Jahre ältere Schwester Elisabeth starb 1944 als Widerstandskämpferin unter dem Fallbeil in Plötzensee. Ihr Halbbruder Adolf war einer der wichtigsten Führer der deutschen Rechtsextremen in der jungen Bundesrepublik. Und ihr Ehemann Percy Ernst Schramm, aus einer Hamburger Senatorenfamilie stammend, war nicht nur einer der bekanntesten deutschen Historiker der Bundesrepublik, sondern zuvor ab 1939 auch NSDAP-Mitglied sowie Angehöriger des Oberkommandos der Wehrmacht, wo er das Kriegstagebuch der Streitkräfte führte.

          Mit diesem Übergepäck an Familiengeschichte kam Ehrengard Schramm 1952 nach Griechenland. Sie kannte das Land noch aus der Vorkriegszeit. Als Studentin in Heidelberg hatte sie bei ihrem Professor (ihrem späteren Ehemann) eine kleine Studie zur neueren griechischen Geschichte verfasst. Doch das war einen Weltkrieg her. Nun hörte sie in Athen zufällig von dem grausamen Schicksal Kalavrytas und konnte es nicht glauben – so etwas sollten deutsche Soldaten getan haben? Als sie in der deutschen Botschaft verkündete, den Ort besuchen zu wollen, wurde sie gewarnt: „Man wird Sie totschlagen!“ Doch Ehrengard Schramm fuhr, und man schlug sie nicht tot. Das Elend der Überlebenden von Kalavryta erschütterte sie jedoch bis ins Mark.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Kardinal Becciu im Juni 2018

          Vatikan : Angelo Becciu gibt nach Finanzskandal Kardinalsrechte ab

          Ein riskantes Immobiliengeschäft kostet einen der mächtigsten Männer im Vatikan sein Amt: Papst Franziskus erklärt den Rücktritt von Kardinal Angelo Becciu vom Amt des Präfekten der Heiligsprechungskongregation sowie dessen Verzicht auf „die Rechte im Zusammenhang mit seinen Kardinalswürden“.
          Freude über den Ausgleich: Leon Goretzka und die Bayern jubeln.

          2:1 gegen FC Sevilla : „Super-Bayern“ gewinnen Supercup im Risikogebiet

          Der FC Bayern fügt seiner Vereinshistorie einen weiteren Pokal zu. Nach dem Triple in der vergangenen Saison holen die Münchener auch den Uefa-Supercup. Gegen den FC Sevilla fiel das entscheidende Tor in der Verlängerung – durch einen schon Aussortierten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.