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Michael Häupl : Der Fiaker

Soll es jetzt richten: Michael Häupl, Bürgermeister von Wien und bald auch österreichischer Kanzler? Bild: dpa

Seit 22 Jahren ist Michael Häupl Bürgermeister von Wien. Jetzt muss der studierte Zoologe tun, was er nie wollte – als Parteichef und vielleicht auch als Kanzler übernehmen. Wird er weiterhin auf die totale Abgrenzung zur FPÖ setzen?

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          Die längste Zeit konnte man sagen, es sei Michael Häupl gleich, wer unter ihm SPÖ-Vorsitzender (und Bundeskanzler) ist. Denn die Fäden in der Partei zieht ja der Wiener Bürgermeister. Er ist der Chef der an Mitgliedern, Ressourcen und auch Wählern stärksten Landesorganisation der österreichischen Sozialdemokraten.

          Stephan Löwenstein

          Politischer Korrespondent mit Sitz in Wien.

          An ihm führt kein Weg vorbei. Die formale Verantwortung wollte das Oberhaupt des traditionell „roten Wien“ nie übernehmen – darin seinem „schwarzen“ Alter ego Erwin Pröll, dem Landeshauptmann von Niederösterreich, gleich. Jetzt, nach dem Rücktritt Werner Faymanns, muss er übernehmen. Zumindest vorerst, zumindest in der Partei.

          Im Grunde hat Häupl das schon vor gut einer Woche getan. Da tagte in der österreichischen Hauptstadt die Wiener Landes-SPÖ und beauftragte Häupl, zu sondieren, wie es mit der Gesamtpartei weitergehen solle. Das war die inoffizielle Entmachtung Faymanns, der seit seiner Zeit als Wiener Stadtrat als Häupls Protegé gegolten hatte.

          Weiterhin totale Abgrenzung zur FPÖ?

          Die Nibelungenschwüre des Bürgermeisters für den Kanzler waren in den letzten Tagen aber nicht länger glaubwürdig. Immer mehr glich Häupls Verhalten den Intrigen des Hagen, der nach dem Loch in Faymanns Drachenhaut suchte. Das war nicht mehr so groß wie das eines Lindenblattes, sondern hatte die Größe des Boulevardblatts der Kronen-Zeitung.

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          Michael Häupl wird nun die anspruchsvolle Aufgabe zuteil, wieder etwas Ruhe und Ordnung in die Partei zu bringen, in der es zuletzt ungeachtet der herkömmlichen roten Disziplin drunter und drüber ging. Dazu gehört nicht nur die Auswahl eines dauerhaften Nachfolgers für die Parteispitze, zu welcher nach bisherigem sozialdemokratischem Selbstverständnis automatisch das Kanzleramt gehört.

          Angesichts des Höhenflugs der rechten FPÖ in den Umfragen ist zunehmend fraglich, wie lange das noch gilt und wer noch auf diese Position strebt. Gleichzeitig wird Häupl, der noch vor einem halben Jahr seine vierte Wiener Wahl durch totale Abgrenzung zur FPÖ gewann (mit Verlusten, aber unter Behauptung als stärkste Kraft), die Klärung des Verhältnisses zwischen den beiden Parteien moderieren müssen.

          Seit 22 Jahren Wiener Bürgermeister

          Der 1949 geborenen Häupl, der bis 1983 im Wiener Naturhistorischen Museum als Zoologe für Kriechtiere und Lurche des Tertiärs zuständig gewesen war, ist seit 22 Jahren Bürgermeister von Wien. Häupls Dienstantritt fing mit dem Verlust der – für die SPÖ einst so unumstößlich erscheinenden – absoluten Mehrheit an, und er gewann sie zunächst tatsächlich zurück.

          Der in dritter Ehe verheiratete zweifache Vater verbirgt hinter der Fassade einer burschikosen und weinseligen Volkstümlichkeit, die ihm den Spitznamen „Fiaker“ eingetragen hat, eine lebhafte intellektuelle Neugier.

          Vor drei Jahren hatte er in einem Gespräch mit der F.A.Z auf die Frage nach höheren Ambitionen gesagt: „Ich bitte doch einmal einen Blick auf meinen Geburtsschein zu werfen!“ Es solle doch noch ein anderes Leben nach der Politik geben. Ganz sicher gehe er nicht mehr in die Bundespolitik. Nun hat ihn zumindest fürs Erste genau dieses Schicksal ereilt.

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