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Russlands Flotte : Vergilbter Ruhm

Ein Soldat blickt in den Hafen von Kaliningrad. In Russlands Flotte soll Korruption die Oberhand gehabt haben. Bild: dpa

In Russlands Baltischer Flotte rollen die Köpfe. 50 ranghohe Offiziere wurden entlassen. Ein Kommandeur fällt ganz besonders in tiefe Ungnade.

          Offiziell ist die Baltische Flotte mit Hauptsitz in Kaliningrad, dem früheren Königsberg, ein Ruhmesblatt Russlands. Vor einem Jahr sagte Präsident Wladimir Putin bei einem Besuch, die Flotte trage Russlands Flagge „mit Ehre in die Ostsee und in andere Teile der Welt“.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Ebenfalls offiziell bedroht die Nato das Land, aktuell durch die Entsendung von 4000 Soldaten auf Rotationsbasis ins Baltikum und nach Polen. Trotzdem durchlebt ausgerechnet die Baltische Flotte gerade eine „totale Säuberung“, so das Petersburger Nachrichtenportal Fontanka.ru, wie es sie in der neueren Geschichte nicht gegeben habe.

          Kurz nach einer einmonatigen Überprüfung wurden Ende Juni offiziell 36 ranghohe Offiziere der Baltischen Flotte entlassen, unter ihnen der Kommandeur Viktor Krawtschuk und sein Stabschef. Laut Fontanka.ru war ein Unfall eines Unterseeboots der Flotte mit einem polnischen Patrouillenboot im April Anlass der Überprüfung. Das russische Boot sei schwer beschädigt worden, die Flotte habe versucht, den Fall zu vertuschen.

          Gelder seien „anderweitig“ ausgegeben worden sein

          Laut dem Nachrichtenportal mussten sogar mehr als 50 ranghohe Offiziere gehen. Das Verteidigungsministerium teilte mit, die Entlassungen erfolgten wegen „ernsthafter Versäumnisse in der Organisation der Gefechtsbereitschaft“. Es rügte auch die Unterbringung des Personals, „fehlende Sorge um Untergebene“ und „Verzerrungen der tatsächlichen Lage“ in Berichten. Aus dem Verteidigungsausschuss der Duma, des Unterhauses, hieß es, Fälle von Betrug mit Lebensmitteln seien vertuscht worden.

          Während der Überprüfung wurde laut Medienberichten zudem entdeckt, dass eine Einheit auf bloßen Matratzen schlafen musste. Eine baufällige Gemeinschaftsunterkunft für Dutzende Familien von Soldaten und zivilen Angestellten des Militärs in Baltijsk, dem Hauptstützpunkt der Flotte, sei schon 2011 als „gefährlich“ eingestuft worden, aber erst vor kurzem nach einem Pressebericht geschlossen worden.

          Geld für den Bau neuer Unterkünfte sei „anderweitig ausgegeben“ worden. Krawtschuk habe mit einem Kaliningrader „Bernsteinbaron“ Freundschaft geschlossen, der mit der Flotte Geschäfte mache und dessen Leute auch schon Treibstoff der Schiffe gestohlen hätten.

          „Festung Kaliningrad“ strategischer Vorposten im Westen

          Allgemein hieß es, der Zustand der Flotte habe sich unter Krawtschuk verschlechtert. Während der jüngsten Überprüfung sei ein Unterseeboot nicht etwa gefahren, sondern habe an der Mole so gequalmt, dass in Baltijsk der Witz kursiert sei, man solle lieber ein Museumsstück vorführen. Der geschasste Krawtschuk wies die Vorwürfe als „Delirium“ zurück und verweigerte weitere Kommentare.

          Dabei soll die „Festung Kaliningrad“ Russlands strategischer Vorposten im Westen sein. Zur Baltischen Flotte, um die viele Befürchtungen der Nato kreisen, gehören Hunderte Militärschiffe, Dutzende Kampfflugzeuge und Tausende Soldaten. Sie verfügt über Raketenabwehrsysteme.

          Laut Angaben des Militärs vom Mai vorigen Jahres sollen „bis 2018“ auch Iskander-M-Kurzstreckenraketen dauerhaft in Kaliningrad stationiert werden, wie überhaupt alle Raketenbrigaden der Landstreitkräfte mit diesem Typ ausgestattet werden sollen. Die Raketen haben eine Reichweite von 500 Kilometern und können mit Nuklearsprengköpfen bewaffnet werden.

          Der tiefe Fall in Ungnade

          Bei „unerwarteten Überprüfungen“ der Gefechtsbereitschaft, „snap exercises“ im Nato-Sprachgebrauch, wurden Iskander-M-Raketen schon mehrfach nach Kaliningrad gebracht. Zu Übungen des Militärs kommen regelmäßig andere Teile der russischen Streitkräfte in die Exklave, ebenso Kräfte des Verbündeten Weißrussland.

          Hervorgehoben wurde nun, dass das letzte Mal ein Teil der Streitkräfte so „enthauptet“ worden sei wie jetzt, nachdem der Deutsche Mathias Rust 1987 mit einem Kleinflugzeug auf dem Roten Platz gelandet war; damals musste die Spitze der Luftabwehr gehen. Auffallend war die namentliche Demütigung der Militärs, allen voran Krawtschuks, der zuvor öffentlich nur gelobt worden war.

          Fällt ein ranghoher Militär in Ungnade, ist üblicherweise von gesundheitlichen Gründen die Rede. Laut der Zeitung „Kommersant“ entschied sich der Verteidigungsminister Sergej Schojgu im Fall Krawtschuk anders, weil sich der Kommandeur wiederholt kurzfristig zu wichtigen Treffen krankgemeldet hatte.

          Vermutet wurde nun, in Kaliningrad seien Korruption und Misswirtschaft so stark geworden, dass die Gefechtsfähigkeit gelitten habe. Daher sei an Krawtschuk ein Exempel statuiert worden. Der neue Kommandeur der Baltischen Flotte, Alexander Nosatow, diente zuvor in Russlands Schwarzmeerflotte, sein neuer Stabschef kommt von der Pazifikflotte.

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