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Krieg in der Ukraine : Alles raus!

Die ukrainischen Streitkräfte mussten zerstörtes Gerät in Debalzewe zurücklassen. Bild: AFP

Mitten in der Nacht erhielten die ukrainischen Soldaten den Befehl, aus dem Kessel von Debalzewe auszubrechen. Die geschlagenen Männer sollen nun die Front mitten in der ukrainischen Steppe sichern.

          Ein feiner Staub liegt auf der Straße nach Debalzewe, ein Mehl aus zermahlenem Asphalt, die oberste Straßenschicht, pulverisiert von Panzerketten und Granateinschlägen. Nur manchmal zieht noch ein Schützenpanzer vorbei, unterwegs zum vordersten Posten der Ukrainer durch zerschossene Bauernkaten, ausgebrannte Schulgebäude, verwüstete Bushaltestellen, und dann steigt aus den Panzerketten für ein paar Sekunden dieser Staub hoch, vermengt sich mit dem Winterdunst, taucht die Straße in dichten, milchigen Nebel. Das ostukrainische Kriegsgebiet Donbass, Ruhe nach dem Sturm.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Vorne an der Landstraße M03 der letzte Feldposten der ukrainischen Armee: Ein paar Betonklötze auf dem zerwühlten Asphalt, ein Paar Sandsäcke, und oben ragt zwischen Plastikplanen ein rauchendes Ofenrohr in die Frostluft. Am Checkpoint Soldaten, die nicht aussehen, wie man sich in Deutschland Soldaten ausmalt. Statt einheitlicher Uniform und geputzter Stiefel bunt zusammengewürfelte Pullover und Pudelmützen, Schicht über Schicht in der Kälte, die Gesichter dicht bedeckt von Ruß, Schmieröl, Lehm. Nur die Waffe ist einheitlich in dieser Flickenteppichausrüstung, die Kalaschnikow, das universale Sturmgewehr aller postsowjetischen Kriege.

          Freund und Feind trägt es hier, es ist leicht, es ist handlich, unverwüstlich, tödlich. Freund und Feind in diesem Krieg hat schließlich seine Familienwurzeln dort, woher dieses Gewehr kommt, in der Roten Armee des untergegangenen sowjetischen Reiches, das heute als Russische Föderation wieder nach seinen verlorenen Territorien greift. Hüben und drüben behandelt man die Kalaschnikow wie etwas sehr Persönliches, etwas sehr Privates.

          Sie ist der Kernbesitz des Soldaten, sei er nun Ukrainer, Donbass-Separatist oder Russe, und was ihm sonst noch wichtig ist, fixiert er mit Klebeband an Kolben und Magazin: Verbandspäckchen, Ersatzmunition, Granaten. Wer die Kalaschnikow fest in der Hand hat oder, typischer, am kurzen Riemen quer über die Brust, hat alles, was er braucht.

          Operation Debalzewe: Viele Kämpfer haben den Tod gefunden

          In der Nacht zum Mittwoch ist die ukrainische Armee entlang dieser Straße ausgebrochen, als die Separatisten und ihre russischen Mentoren den seit Monaten umkämpften Brückenkopf Debalzewe überrollten. Eine Zeitlang hatte es so ausgesehen, als seien mehrere tausend Ukrainer hier eingeschlossen, dann kam aus Kiew der Befehl zum Abzug unter Feuer. Über den Erfolg dieser Unternehmung gibt es unterschiedliche Angaben.

          Das „Staatsoberhaupt“ der separatistischen „Volksrepublik Donezk“, Alexander Sachartscheko, ist mit der Behauptung zitiert worden, die Ukrainer hätten in dieser Schlacht 3000 Mann verloren – eine im Verhältnis zu den bisherigen Dimensionen dieses Konflikts (den Vereinten Nationen zufolge gab es in den elf Monaten seit seinem Beginn im März 2014 insgesamt knapp 6000 Tote) ungeheure Zahl, die allerdings mit ziemlicher Sicherheit reine Phantasie ist. Die Ukrainer sagen, von knapp 2500 Soldaten, die jetzt in einer „organisierten“ und geordneten Operation aus Debalzewe herausgeführt wurden, seien 13 gefallen und 157 verletzt worden. Ein Militärsprecher der Separatisten, Eduard Basurin, sprach von 57 toten Ukrainern, die seine Kämpfer im eroberten Debalzewe vorgefunden hätten.

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