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Der Papst in Straßburg : „Europa ist in Gefahr, allmählich seine Seele zu verlieren“

Papst Franziskus am Dienstag im EU-Parlament in Straßburg Bild: AP

Vor 26 Jahren stand zum ersten Mal ein römisch-katholisches Kirchenoberhaupt vor den Abgeordneten des Europaparlaments: Johannes Paul II. Ein Vierteljahrhundert später beschwört Papst Franziskus in Straßburg die Ideale Europas.

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          Seit zehn Jahren steht Papst Johannes Paul II. an der Spitze der römisch-katholischen Kirche, als er zum ersten (und einzigen) Mal das Wort an die Mitglieder des Europäischen Parlaments richtet – doch an welche? Gerade einmal zwölf Mitglieder zählt die damals noch so genannte Europäische Gemeinschaft, noch trennt der Eiserne Vorhang die Völker in Ost und West.

          Daniel Deckers

          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

          Viele haben sich damit längst abgefunden. Nicht so der Papst, der „aus Osteuropa kommt und das Verlangen der slawischen Völker kennt – dieser anderen Lunge unserer europäischen Heimat“: Europa, so wünscht es sich Johannes Paul II., möge sich eines Tages zu den Dimensionen ausbreiten, die ihm „von der Geschichte und der Geographie“ gegeben worden seien.

          Ein Vierteljahrhundert später klingen diese Worte noch immer wie eine Utopie. Zwar ist der Eiserne Vorhang längst gefallen, und die EU zählt mittlerweile 28 Mitgliedsstaaten mit mehr als 500 Millionen Bürgern. Doch die historischen und geographischen Grenzen des politischen Projektes namens Europäische Union sind so unbestimmt wie eh und je.

          Der Ukraine, einem Land in der Mitte Osteuropas, ist der Weg nach Brüssel auf unbestimmte Zeit versperrt. Und mit der Türkei, jenem durch und durch islamisch geprägten Land im Westen Asiens, führt die EU seit Jahren Beitrittsverhandlungen – wenigstens pro forma.

          Doch was wäre Europa ohne Utopien und ohne die oft kontrafaktischen Hoffnungen, die sich aus ihnen speisen? „In ihrer Geschichte haben sich alle europäischen Völker durch ihre Weltoffenheit und den lebenswichtigen Austausch mit Völkern anderer Kontinente auszeichnet,“ hieß es 1988. Und: „Niemand kann sich vorstellen, dass ein vereintes Europa sich in Egoismus verschließen könnte.“ Wirklich niemand?

          Gut eineinhalb Jahre steht Papst Franziskus an der Spitze der römisch-katholischen Kirche, als er sich zum ersten Mal an die Völker Europas wendet. „An diesem Ort sehe ich mich in der Pflicht, an die Bedeutung des europäischen Beitrags und der europäischen Verantwortung für die kulturelle Entwicklung der Menschheit zu erinnern“, sagt er am Dienstag- mittag in Straßburg in einer Ansprache vor dem vor 65 Jahren gegründeten Europarat.

          Zuvor hatte er den Mitgliedern des Europäischen Parlamentes eine „Botschaft der Hoffnung und der Ermutigung“ überbringen wollen. Ein Vierteljahrhundert nach dem von fast unbändigen Hoffnungen auf eine neue Ordnung des Friedens und der Verständigung unter Völkern und Kulturen getragenen Besuch von Papst Johannes Paul II. scheint eine solche Botschaft nötiger denn je.

          Warnung vor dem Verlust der europäischen Seele

          Denn Europa ist längst keine Utopie mehr, die Hoffnungen freisetzt. Von Krisen geschüttelt, die das Vertrauen in die Institutionen zerstören, von kollektivem Egoismus und individualistischer Gleichgültigkeit gezeichnet, die in Bindungslosigkeit und Wegwerf-Kultur münden. Unfähig, sich der transzendenten Dimension des Lebens zu öffnen und die unverfügbare Würde jedes Menschen anzuerkennen – so bietet sich dem Argentinier heute die alte Welt dar, aus der seine Großeltern einst aufgebrochen waren, um in einer neuen ihr Glück zu suchen.

          Von der Lebenskraft und der Energie, die Europa einst beseelt haben, vermag Franziskus wenig zu entdecken. Müde, pessimistisch, gealtert, nicht mehr fruchtbar und lebendig, „in der Gefahr...allmählich seine Seele zu verlieren“, heißt es im großen Rund des Europaparlamentes.

          Wenig später, vor der Parlamentarischen Versammlung des Europarates und den Vertretern anderer europäischer Institutionen wie dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte, eine nur in Nuancen andere Tonlage: „Wo ist Deine Kraft? Wo ist jenes geistige Streben, das Deine Geschichte belebt hat und durch das sie Bedeutung erlangte? Wo ist Dein Geist wissbegieriger Unternehmungslust? Wo ist Dein Durst nach Wahrheit, den du der Welt bisher mit Leidenschaft vermittelt hast?“

          Päpstliches Plädoyer für das Prinzip der Solidarität

          Fragen, auf die auch der bald 78 Jahre alte Papst die Antworten nicht weiß. Aber er weist Wege, auf denen sie zu finden sind.

          Etwa, indem Europa, „den Himmel betrachtet und Ideale verfolgt“. Denn nicht die Verherrlichung Gottes bringe Fundamentalismus, Gewalt unter Menschen und Ausbeutung der Natur hervor, sondern gerade die Gottvergessenheit. Etwa, indem Europa, „auf den Menschen schaut, ihn verteidigt und schützt“ – den Armen auf den Straßen, den Jungen ohne Arbeit und Ausbildung, den Alten in seiner Einsamkeit, den Migranten, der Aufnahme und Hilfe braucht.

          Etwa, indem Europa „auf sicherem, festen Boden voranschreitet“, dank jener Prinzipien der Solidarität und der Subsidiarität, die die europäische Völkerfamilie zu einem „kostbaren Bezugspunkt für die gesamte Menschheit“ werden lassen könnte.

          Franziskus will es wissen: „Es ist der Moment gekommen, den Gedanken eines verängstigten in sich selbst verkrümmten Europas fallen zu lassen, um ein Europa zu erwecken und zu fördern, das ein Protagonist ist von Wissenschaft, Kunst, Musik, menschlichen Werten und auch Träger des Glaubens ist.“

          Wirklich? Dann nämlich würde die Union bald auch jenen Ländern auf dem Balkan offenstehen, die so sehr unter den Konflikten der Vergangenheit gelitten hätten. Dann würde die Union die mit der Einwanderung verbundenen Probleme bewältigen, in dem es die eigene kulturelle Identität und die Rechte der europäischen Bürger schützt, aber die Aufnahme der Migranten garantiert und – mehr noch – die Fluchtursachen in deren Herkunftsländern beseitigt.

          Und dann würde es auch jenes Urvertrauen wiederentdecken, von dem die Gründungsväter des europäischen Friedensprojekts namens Union beseelt waren: „Das Vertrauen auf den Menschen, und zwar weniger als Bürger und auch nicht als wirtschaftliches Subjekt, sondern auf den Menschen als eine mit transzendenter Würde begabte Person.“

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