https://www.faz.net/-gq5-7zzj2

Kosovos Außenminister : „Gerüchte über Deutschland locken die Kosovaren“

Patrioten: Kosovaren feiern in Prishtina den Jahrestag der Unabhängigkeit. Bild: AFP

Die Zahl der kosovarischen Asylbewerber in der EU ist dramatisch angestiegen. Warum aber laufen dem Kosovo die Bürger weg? Ein Gespräch mit dem Außenminister des jungen Landes, Hashim Thaçi.

          Herr Minister, zwar hat die Unabhängigkeit des Kosovos zweifellos zur Stabilität des Balkans beigetragen, aber es scheint, dass es zum siebten Geburtstag Ihres Landes nicht viel zu feiern gibt: Ihrem Staat laufen die Bürger weg.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Athen.

          Zunächst einmal trifft es zu, dass die Unabhängigkeit des Kosovos das Kapitel der Konflikte auf dem Balkan beendet hat. Alle Staaten des früheren Jugoslawien leben jetzt in Frieden miteinander, einige als Mitglieder, andere als Beitrittskandidaten der EU. Aber der Übergang war nicht einfach, und viele Menschen am Balkan sehen ihre Zukunft in EU-Staaten mit entwickelten Volkswirtschaften. Ein Viertel aller Kosovaren lebt übrigens schon jetzt ganz legal in verschiedenen Staaten der EU – es gibt dort also ein Netzwerk, auf das sich viele Familien verlassen können.

          Und deshalb haben in den vergangenen Wochen Zehntausende Kosovaren ihre Heimat verlassen?

          Das hat mit einem seltsamen Strom von Gerüchten zu tun, die besagen, Deutschland erteile jetzt großzügig Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigungen. Das ist absurd, aber es hat dazu geführt, dass mehr und mehr Menschen auch illegal nach Deutschland einreisen wollten. Sogar einige Medien im Kosovo haben im Januar Geschichten über Kosovaren veröffentlicht, die in Deutschland angeblich Wohnungen und Aufenthaltsgenehmigungen bekommen. Einige ernsthafte Kommentatoren behaupteten, die Staaten Westeuropas lüden aufgrund ihrer negativen Geburtenraten jetzt Kosovaren ein. Das stimmt zwar nicht, hat aber noch mehr Menschen dazu veranlasst, zu gehen.

          Ist das nicht auch ein Misstrauensvotum gegen die kosovarische Regierung, deren mächtigster Politiker Sie sind?

          Es ist leicht, nur auf die traurigen Bilder von Menschen zu achten, die das Kosovo verlassen – aber das ist nicht das ganze Bild. Nach nur sieben Jahren als unabhängiger Staat ist das Kosovo heute eine junge, lebendige Demokratie. Noch vor 15 Jahren herrschten hier Krieg und Völkermord. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung floh vor den Truppen des serbischen Gewaltherrschers Milošević. Davor hatten wir ein halbes Jahrhundert kommunistischer Diktatur, die den Albanern feindlich gesinnt war. Angesichts dieser Ausgangslage haben wir hervorragende Fortschritte gemacht.

          Hashim Thaçi

          Was sind denn das für Fortschritte?

          Die Mehrheit der UN-Mitgliedstaaten – bisher 108 – hat das Kosovo als souveränen Staat anerkannt, und der Internationale Gerichtshof hat festgestellt, dass unsere Unabhängigkeitserklärung nicht gegen das Völkerrecht verstoßen hat. Wir sind Mitglieder des Internationalen Währungsfonds, der Weltbank und seit kurzem auch des Internationalen Olympischen Komitees. Wir sind der erste Balkanstaat mit einem weiblichen Staatsoberhaupt und der erste Staat in der Region, der die Rechte von Schwulen und Lesben in seiner Verfassung verankert hat. Wir haben eine der niedrigsten Staatsschuldenquoten in der EU, sie liegt bei weniger als zehn Prozent unseres Bruttoinlandsprodukts. Mehr als 80 Prozent der Haushalte sind an das Breitbandinternet angeschlossen.

          Aber die Menschen laufen trotzdem weg.

          Die Finanzkrise hat auch das Kosovo nicht verschont, und die Arbeitslosigkeit verharrt leider trotz aller Bemühungen bei 30 Prozent. Sie zu senken ist eine große Herausforderung für uns Politiker. Die Menschen haben genug von Politik, sie wollen Arbeit.

          Was sind das für Menschen, die jetzt gehen?

          Eine Art „Winterwelle“ mit Höchstwerten bei der Emigration hatten wir früher auch schon, meist bestehend aus marginalisierten Gesellschaftsschichten wie Roma oder sehr armen Menschen. In diesem Jahr war es anders. Angelockt durch die erwähnten Gerüchte, sind sogar einige Menschen mit anständigen Einkünften gegangen. Und etwa ein Drittel bis 40 Prozent sind solche, die zum wiederholten Mal Asyl beantragen.

          Können Sie Gründe nennen, aus denen junge Leute im Kosovo bleiben sollten?

          Weitere Themen

          Macron geht in die Offensive Video-Seite öffnen

          Weitere „Gelbwesten“-Proteste : Macron geht in die Offensive

          Der Präsident steht in der Kritik, weil er trotz der anhaltenden Proteste seiner gelbe Warnwesten tragenden Gegner seit über einer Woche die Öffentlichkeit gemieden hat. Jetzt will der französische Präsident mit einer Rede an die Nation die Wogen glätten.

          Wichtiges Symbol für Multilateralismus Video-Seite öffnen

          Merkel zu UN-Migrationspakt : Wichtiges Symbol für Multilateralismus

          Der UN-Migrationspakt ist unterzeichnet: Bundeskanzlerin Angela Merkel hat in Marokko den gerade verabschiedeten UN-Migrationspakt als wichtiges Symbol für die internationale Zusammenarbeit bezeichnet. 164 Staatsführungen sprachen sich dafür aus, 28 dagegen.

          Topmeldungen

          Der französische Präsident Emmanuel Macron während seiner Ansprache an die Nation.

          Protest der „Gelbwesten“ : Macrons Kehrtwende

          Er sei kein Weihnachtsmann, hatte der französische Präsident Emmanuel Macron zuvor gesagt. Doch fast ein Monat mit teils gewalttätigen Protesten zeigt jetzt Wirkung: Zum 1. Januar gibt es in Frankreich Geldgeschenke.

          Brexit-Chaos : Jetzt ist alles denkbar

          Nach der Verschiebung der Brexit-Abstimmung im Unterhaus erscheint alles denkbar: Theresa Mays Rücktritt, ihr Sturz, Neuwahlen – oder ein neu ausgehandelter Brexit-Vertrag.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.