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Vormarsch der Rechtsextremen : Frankreichs politische Spaltung

Unter ihrer Führung hat der Front National seine traditionellen geographischen Grenzen überwunden: Marine Le Pen Bild: AP

Egal, wie die zweite Runder der Regionalwahlen ausgeht – der Front National hat gezeigt, dass in Zukunft mit ihm zu rechnen ist.

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          Es sei nicht „unmoralisch“, Front National zu wählen, hat Nicolas Sarkozy in Rochefort gesagt. Das Städtchen am Charente-Fluss liegt in der neuen Großregion Aquitanien-Limousin-Poitou-Charentes, die von den Atlantikstränden über die Weinbaugebiete des Bordelais bis zu den grünen Hügeln des Zentralmassivs reicht.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Lange war das ein weltoffener Landstrich, der immun gegen die Abschottungsverheißung des Front National schien. Doch im ersten Wahlgang der Regionalwahlen erzielte FN-Kandidat Jacques Collombier 23,23 Prozent der Stimmen. Das ist zwar weniger als im Landesdurchschnitt (27,8 Prozent), aber fast drei Mal so viel wie vor fünf Jahren. Damals hatte es Collombier in Aquitanien auf acht Prozent gebracht.

          Der Vormarsch der Rechtspopulisten hat besonders die gemäßigte Rechte, die seit ein paar Monaten mit dem Etikett „Die Republikaner“ antritt, in ihren Grundfesten erschüttert. Zwischen Weinbergen und Austernbecken preist Republikaner-Chef Sarkozy deshalb die FN-Wähler, die ja recht hätten mit „ihrem Zorn, ihrer Wut, ihrer Erbitterung“ darüber, wie es mit ihrer schönen Heimat bergab gehe. Er wolle ihnen kein schlechtes Gewissen einreden, sagte Sarkozy – solange sie im zweiten Wahlgang an diesem Sonntag wieder republikanisch wählten. Der Republikaner-Chef scheint allen Ernstes zu glauben, dass der FN-Erfolg nur eine vorübergehende Laune seiner Landsleute widerspiegelt. Wahlforscher, Soziologen und Geographen aber haben darauf hingewiesen, dass sich der FN zu einer permanenten und strukturierenden politischen Kraft entwickelt hat.

          Von einer Entzauberung ist nichts zu spüren

          Unter Führung der 47 Jahre alten Marine Le Pen hat die Partei ihre traditionellen geographischen Grenzen überwunden. Pascal Perrineau, der Direktor des Politikforschungszentrums Cevipof an „Sciences Po“, spricht von einer „Nationalisierung“ des FN-Votums. Das Frankreich Le Pens liegt nicht mehr nur östlich der Linie Calais–Valence–Perpignan. Zwar bilden der einst industrielle Norden, die früheren Kohle- und Stahlbecken im Osten sowie der strukturschwache Mittelmeerraum weiterhin die Wählerhochburgen des FN. Östlich dieser Linie liegen die zwölf Kommunen, deren Rathäuser die Partei im März 2014 erobert hat. Nach über einem Jahr Alltagserfahrung ist die Zustimmung für den FN in diesen Kommunen gestiegen (nur für den Bezirk von Marseille liegt kein gesondertes Ergebnis vor).

          Im Süden gleicht der Stimmenanteil für den FN einem Plebiszit: 59,68 Prozent in Beaucaire, 53,21 Prozent in Camaret-sur-Aigues, 53,73 Prozent in Pontet, 52,7 Prozent in Luc, 54,24 Prozent in Cogolin, 44,88 Prozent in Béziers und 50,43 Prozent in Fréjus. Von einer Entzauberung des FN ist auch im Norden, in Hénin-Beaumont (59,36 Prozent) und in Villers-Cotterets (48,65 Prozent) nichts zu spüren. In Mantes-la-Ville im Norden der Hauptstadt kam der FN-Kandidat auf 34,41 Prozent, in Hayange im Osten auf 45,91 Prozent.

          Aber keine Region, auch die proeuropäisch gesinnte, katholisch geprägte Bretagne, ist fortan gegen den Einfluss der Rechtspopulisten gefeit. Der FN ist mit Marine Le Pen in diese Bastion der Sozialisten vorgedrungen. Ihrem Vater Jean-Marie Le Pen, der aus dem bretonischen Fischerort La-Trinité-sur-Mer stammt, war das nie gelungen. Mit einem Stimmenanteil von 18 Prozent in der Bretagne hat sich der FN als ernstzunehmende politische Kraft etabliert.

          Verlierer der Globalisierung wählen Le Pen

          Der Geograph Christophe Guilluy hat dafür eine Erklärung: die zunehmende Spaltung des Landes in Globalisierungsgewinner und -verlierer. Letztere wählen Le Pen und sind inzwischen fast überall auf dem Staatsgebiet verteilt. Guilluy spricht von einem „peripheren Frankreich der Kleinstädte, der mittleren Städte und der ländlichen Gebiete“. „Die traditionelle politische Landkarte ist dabei, zugunsten der Aufteilung in ein peripheres und ein urbanes Frankreich zu verschwinden“, sagte der Geograph jetzt der Zeitung „Le Figaro“.

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