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Britischer Wahlkampf : Camerons wundersame Wandlung

Bei der Vorstellung des Wahlprogramms: Regierungschef David Cameron im südenglischen Swindon. Bild: AFP

Die britischen Konservativen gerieren sich plötzlich als „die Partei der arbeitenden Leute“ – und begeben sich so auf Thatchers Pfade. Die Bürger des Vereinigten Königreichs erleben vor der Unterhauswahl kuriose Wochen.

          4 Min.

          Erst am Montag hatte sich die Labour Party zur „Partei der Haushaltsverantwortung“ erklärt. Am Dienstag präsentierte nun Premierminister David Cameron seine Konservativen als „die wahre Partei der arbeitenden Leute“. Manches ist durcheinandergeraten in diesem Wahlkampf, und fast scheint es, als sei nur noch auf die Grünen und deren „friedliche politische Revolution“ Verlass. Als die Öko-Partei am Dienstag ihr Wahlprogramm vorstellte, sparte sie mit Rücksicht auf den Klimawandel an den Druckexemplaren und verwies die anwesenden Journalisten auf ihre holzfreie Internetseite.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Es sind bunte Wochen vor dieser Wahl, in denen sich kuriose Auftritte, nie gehörte Ideen und paradoxe Ankündigungen nur so überschlagen. Projekte, denen normalerweise monatelange Beratungen vorausgehen würden, werden ohne nähere Prüfung auf den politischen Wühltisch geworfen. Schon in den Tagen vor der Präsentation des konservativen „Manifests“ hatte Cameron eine Menge verführerischer Artikel ausgelegt, darunter eine Preisbremse bei den Bahnfahrkarten, jährlich elf Milliarden Euro mehr für den staatlichen Gesundheitsdienst und eine Abschaffung der Erbschaftsteuer für Häuser, die weniger als 1,4 Millionen Euro wert sind. Wie all dies zu bezahlen sein soll, konnte nicht einmal sein Schatzkanzler George Osborne erklären, als er am Wochenende in einer Fernsehshow befragt wurde.

          Wiederbelebung eines Tory-Mythos

          Nun, zur Vorstellung des Wahlprogrammes, brachte der Regierungschef „den arbeitenden Leuten“ gleich drei neue, eilig verpackte Geschenke mit: Wenn die Konservativen nach dem 7. Mai die Macht behalten sollten, wollen sie den Mindestlohn steuerfrei stellen, Eltern von drei- und vierjährigen Kindern 30 Stunden Betreuung in der Woche bezahlen und Mietern von Sozialwohnungen attraktive Sondervergünstigungen beim Kauf ihrer Staatswohnung einräumen. Vom letzten Punkt verspricht sich Cameron die Wiederbelebung eines alten Tory-Mythos. Das Zuhause als „Castle“, das einem niemand wegnehmen kann, spielt im sicherheits- und eigentumsbewussten Königreich von jeher eine besondere Rolle. Fast zwei von drei Briten wohnen in den eigenen vier Wänden; in Deutschland liegt der Anteil der Eigentümer bei 43 Prozent. Doch die Finanzkrise und die gestiegenen Immobilienpreise haben das Ziel vom eigenen Heim vor allem für die unteren Einkommensschichten fast unerreichbar werden lassen. In den vergangenen zehn Jahren sank die Quote der Hausbesitzer von 70 auf 64 Prozent.

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          In den siebziger Jahren, inmitten der damaligen Wirtschaftsmisere, nahm sich die konservative Partei des Problems schon einmal an. „Das Recht auf eigenen Grund und Boden ist in der englischen Geschichte ziemlich gefühlsaufgeladen“, sagte damals eine Frau, die wenig später Premierministerin werden sollte, und fuhr fort: „Ich würde das Recht nicht Menschen vorenthalten wollen, die in Sozialwohnungen wohnen.“ Als Margaret Thatcher dann in den frühen achtziger Jahren damit begann, Sozialwohnungen an die Mieter zu verkaufen, schlug ihr zunächst viel Kritik entgegen. Doch am Ende erwies sich ihre Idee als überaus populär. „Sie stiftete eine riesige politische Loyalität gegenüber Frau Thatcher, oft von Leuten die nie zuvor konservativ gewählt hatten“, erinnerte sich ihr Biograph Charles Moore. „Spätestens um 1983 hörte man, wie die Leute, vor allem aus der unteren Mittelklasse, sagten: ,Maggie hat mir mein Haus besorgt‘.“

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